Das Konzept der Veranstaltungsreihe „Mama geht tanzen“ – Partys für Frauen von 20 bis 23 Uhr – funktioniert so gut, dass die Gründerinnen inzwischen ein florierendes Franchisesystem aufgebaut haben: mit 42 Einzelunternehmerinnen in sieben europäischen Ländern.
Text: Julia Donáth-Kneer
Katharina Schäpermeier ist glücklich. Seit gut einem Jahr veranstaltet die 34-Jährige die „Mama geht tanzen“-Partys in Achern, Offenburg, Freiburg, Lahr und Freudenstadt. Das Veranstaltungskonzept basiert auf einer einfachen Idee von zwei Frauen aus Wuppertal. „Wir wollten mal wieder so feiern gehen wie früher“, erzählt die Gründerin Anna Schumacher beim Videocall. „Aber das ist mit kleinen Kids unmöglich.“ Sie und ihre Freundin Andrea Rücker hatten im Jahr 2022 beide zwei Kinder. „Die haben wunderbar geschlafen – bis Mitternacht“, erinnert sich die 30-Jährige, die inzwischen Baby Nummer Drei bekommen hat. „Danach war Schluss. Aber dann gehen die Partys ja erst los.“ Also machen sich Anna Schumacher und Andrea Rücker auf die Suche nach einer Veranstaltung, die eher am Abend beginnt – erfolglos. Die beiden Frauen beschließen, ein eigenes Format auf die Beine zu stellen, sie mieten einen Club in Wuppertal und laden für eine 180-Minuten-Party speziell Mütter ein: von 20 bis 23 Uhr. So kann jede am späten Abend wieder zuhause sein.
Das Konzept steht schnell, sie entwerfen Plakate, Flyer, ein fixes Logo, erstellen eine Instagramseite und benennen sie nach dem, was es sein soll: Mama geht tanzen. „Hätten wir damals gewusst, wie groß das Ganze wird, hätten wir uns vielleicht mehr Mühe mit dem Namen gegeben“, erzählt Schumacher und lacht. Denn das Ganze wird groß – und zwar von Anfang an. Schon die erste Party im Januar 2023 übertrifft alle Erwartungen. Was als Fest für Freundinnen und Bekannte gedacht war, wird ein Event mit knapp 300 Frauen. Auch danach geht es rasant weiter.

Die Presse berichtet, das Lokalfernsehen kommt, die ersten Anfragen für Partys an anderen Orten schwappen rein. Und so kommen Anna Schu-macher und Andrea Rücker darauf, ihr Geschäftsmodell als Lizenz an Franchisenehmerinnen zu vergeben. „Wir hatten den Luxus, dass wir keine Akquise machen mussten. Die Frauen haben uns proaktiv angeschrieben oder angesprochen“, erzählt Schumacher, die als Sozialarbeiterin, Familien- und Eheberaterin arbeitet. Seit Anfang des Jahres allerdings nur noch wenige Stunden in der Woche. Auch die 38 Jahre alte Andrea Rücker ist inzwischen aus ihrem eigentlichen Job als Bauingenieurin ausgestiegen und kümmert sich hauptberuflich um die gemeinsame Mama geht tanzen GmbH. Denn die braucht Zeit. Inzwischen sind 42 Frauen im Franchisesystem aktiv und veranstalten die „Mama geht tanzen“-Partys in sieben verschiedenen Ländern: neben Deutschland, Österreich und der Schweiz auch in Frankreich, den Niederlanden, Schweden und Rumänien.
Feste unter Frauen
Katharina Schäpermeier aus Achern kam ebenfalls aus eigener Initiative dazu. Schäpermeier ist zweifache Mutter und war in Karlsruhe auf einem „Mama geht tanzen“-Event. Das müsste es auch bei uns in der Ortenau geben, dachte sie und kontaktierte die Gründerinnen an. Seither managt sie die Veranstaltungen in Südbaden. Das Prinzip ist einfach: Die Franchisenehmerinnen werden sich mit den Clubbetreibern einig. Mieten fallen nicht an, da die Partys in den Stunden stattfinden, während derer in den Locations sowieso noch nichts los ist. Die Getränkeeinnahmen behalten die Wirte, die Eintrittsgelder verbuchen die Frauen. Mindestens zehn Euro sollen sie nehmen, das ist vertraglich festgelegt. „Die meisten verlangen etwa 12 Euro“, berichtet Schumacher. „Aber wir legen keine Obergrenze fest. Natürlich ist es in Wien teurer als in Recklinghausen.“ Außerdem sind die Corporate-Farben vorgeschrieben, alle Werbematerialien werden den Franchisenehmerinnen von den Gründerinnen zur Verfügung gestellt, die dafür eine eigene Grafikerin beschäftigen. Auch die Rahmenbedingungen sind stets dieselben: 180 Minuten, von 20 Uhr bis 23 Uhr, Einlass nur für Mamas. Eigentlich dürften auch Väter kommen, das passiere aber so gut wie nirgendwo, meint Schumacher. Reine Männergruppen werden ohnehin prinzipiell nicht reingelassen.
„Mamas gehen selten aus, da darf ein Abend auch mal was kosten. Da trinkst du auch einen zweiten oder dritten Aperol.“
„Diese Feste rein unter Frauen sind etwas ganz Besonderes“, betont die Achernerin Katharina Schäpermeier. Es entstünden echte „Safe Spaces“ – Räume, in denen sich Frauen wohl und unbedroht fühlen. „Da liegen einfach Handtaschen auf dem Barhocker und jede lässt ihr Getränk auch mal stehen – alles Dinge, die im normalen Nachtleben so nicht stattfinden“, sagt die 34-Jährige, die als Tochter von Pub-Betreibern in Kneipen großgeworden ist und viele Jahre in Diskotheken gearbeitet hat.
Gastronomie-Erfahrung sei jedoch keine Bedingung für ein Franchise, betont Gründerin Anna Schumacher: „Das ist nicht nötig. Wir beschäftigen zum Beispiel keine einzige gelernte Veranstaltungsmanagerin.“ Dafür sei es sein bunter Strauß verschiedener Berufe, die man so auch auf den Spielteppichen der diversen Krabbelgruppen findet: Eine Pilotin sei dabei, eine Altenpflegerin, eine Ingenieurin. Gemeinsam haben die Frauen alle eins: Sie müssen Mütter sein. „Man muss nicht selbst geboren haben, es gibt auch Stiefmamas bei uns“, sagt Schumacher. „Aber wir legen Wert darauf, dass es jemand ist, der das Bedürfnis der Zielgruppe wirklich versteht.“ Zudem brauche es die entsprechenden Netzwerke und Zugänge zu den Orten, an denen sich Eltern eben aufhalten: Kitas, Kinderarztpraxen, Turnvereine, Spielgruppen und ähnliches.
Unterschätzt die Mütter nicht
Anfangs sei die Idee noch belächelt worden, berichtet Anna Schumacher: „Die Clubbetreiber sind fast alle Männer. Viele haben den Bedarf völlig falsch eingeschätzt.“ Das erzählt auch Katharina Schäpermeier, die je nach Ort mit verschiedenen Clubs zusammenarbeitet: in Freudenstadt mit dem Martinique, in Offenburg mit dem Brauwerk, in Lahr ist es das Mensch Meier, in Freiburg das Puzzles und in Achern der Theodor Noise Club.
„Viele Wirte dachten anfangs: Ach, da kommen die Muttis, die trinken ein kleines Wasser oder eine Apfelschorle und fallen danach ins Bett“, berichtet Schäpermeier. Weit gefehlt! Inzwischen warnt sie die Leute vor: Seid gut vorbereitet, stockt die Kühlschränke und das Barpersonal auf, die Frauen sind da, um Party zu machen. Wer nur alle Jubeljahre mal ins Nachtleben kann, gibt alles. „Mütter sind enge Zeitfenster gewöhnt und feiern total effizient“, sagt Schäpermeier. „Die wissen, was sie tun. Die wollen den Abend für sich optimal nutzen. Man muss ihnen nur die Möglichkeit dafür geben.“ Die allermeisten kommen gleich um 20 Uhr, geben ihre Jacken ab und holen sich direkt Getränke. Spätestens um halb neun sei die Tanzfläche voll. Dieselbe Erfahrung haben auch Schumacher und Rücker gemacht. Hinzu kommt: „Das Budget der Frauen ist hoch“, sagt Schumacher. Im Schnitt lassen sie 20 bis 30 Euro nur an der Theke, Kosten für Taxi oder den Eintritt kommen noch dazu. „Mamas gehen selten aus, da darf ein Abend auch mal was kosten. Da trinkst du auch einen zweiten oder dritten Aperol.“

Spätestens an den Zahlen merken die Clubbetreiber, was wirklich möglich ist: In Wien finden dreimal jährlich „Mama geht tanzen“-Partys mit jeweils bis zu 2000 Besucherinnen statt, in Köln waren es im letzten Jahr rund 1600 Gäste an einem Abend. Das ist nicht nur finanziell spannend, sondern auch langfristig wirksam. „20 bis 23 Uhr ist normalerweise eine tote Zeit für die Clubs“, erklärt Anna Schumacher. „Außerdem kommen sie so an neue Zielgruppen. Die waren teilweise seit zehn Jahren nicht mehr da und entdecken jetzt das Nachtleben wieder neu.“ Im Schnitt zählen die Veranstalterinnen etwa 300 bis 700 Frauen pro Party, je nach Region, in Großstädten etwas mehr.
Anna Schumacher und Andrea Rücker sind froh, dass sich inzwischen rumgesprochen hat, wie erfolgreich ihr Konzept in kürzester Zeit geworden ist. Mittlerweile ist auch eine Reihe für Familien entstanden, bei der Kinder mit ihren Eltern in der Disko tanzen – mit Nebelmaschine, Lichtanlage, DJ und allem, was dazu gehört. Der Punkt aber ist ein anderer: „Letztendlich sind wir viel mehr als Partymacherinnen für Mütter“, sagt Anna Schumacher. „Wir haben 42 Frauen in die Selbstständigkeit gebracht. Das sind 42 Frauen, die ihren Teil zum Familieneinkommen beitragen.“