Es ist kein Zufall, dass sich auf der Baar viele Unternehmen mit moderner Zeiterfassung samt Ablegern wie Zutrittskontrolle oder bargeldlosem Bezahlen befassen. Villingen-Schwenningen ist ein Fixpunkt im Kosmos dieser Industrie und sogar Sitz eines börsennotierten Unternehmens.
VON PHILIPP PETERS
Am Anfang war das Wort. Denn der Uhrenpionier Johannes Bürk war eigentlich gar kein Techniker. Er war Autor. Der aus einer Handwerksfamilie stammende Bürk begann im Alter von 22 Jahren als Verleger und Redakteur einer Wochenzeitschrift für Landwirtschaft und Gewerbe. „Die Biene“ hieß das Blatt. Ein Buch hatte er da bereits geschrieben. Doch während andere Kuckucks-Uhren bauten, meldet er 1846 sein erstes Patent an.
Seine Erfindung sollte die Höhe von Bäumen messen. In der Badischen Revolution von 1848 steht Bürk an der Spitze der Rathausstürmer, die die konservative Elite aus dem Schwenninger Gemeinderat vertreiben. 1855 gründet er dann die Württembergische Uhrenfabrik. Dort fertigt er seine erste Stechuhr. Er stirbt 1872 Jahre später im Alter von 53 Jahren. Er hatte die Handelskammer Rottweil mitgegründet, sich für den Bau der Eisenbahn eingesetzt und war Gründungsmitglied von Feuerwehr und Turnverein.
Die von Bürk entwickelte Kontrolluhr sollte Nachtwächter überwachen. Denn diese kehrten bei ihren nächtlichen Rundgängen durch die Stadt allzu gerne in Kneipen ein. Ob sie ihre Arbeit dann tatsächlich verrichten, war nicht nachvollziehbar. Also erfindet Bürk ein Gerät, in dem ein aufgerollter Papierstreifen liegt. Darauf werden die Handlungen des Nachtwächters notiert. „Bürk baut so einen Prototyp für all die im Inneren verborgenen Datenträger, die menschliches Handeln aufzeichnen und speichern“, heißt es in einer Ausstellung des Schwenninger Uhrenindustriemuseums.
Von der Kontrolluhr zur Stempelkarte
Das Wort Kontrolle leitete sich übrigens im 18. Jahrhundert aus dem französischen Begriff „contre-rôle“ ab. Dabei handelte es sich um ein aufgerolltes Stück Papier. Natürlich sind die ersten Kontrolluhren sehr mechanisch. Ein Exemplar hat ein rotierendes Ziffernblatt mit am Rand angebrachten Stiften. Über einen Schnurzug wird der jeweils oben befindliche Stift heruntergedrückt. So kann man ablesen, wann der Nachtwächter den Mechanismus in Gang setzt.
Allerdings braucht man auf der gesamten Strecke mehrere Uhren. Und auch der Kontrolleur muss den ganzen Weg ablaufen, wenn er prüfen will, wann der Nachtwächter wo war. Es dauerte mehrere Jahrzehnte bis aus Bürks Idee die Stempelkarte wurde. In den 1930er-Jahren können diese Karten schon Mitarbeiterdaten aufnehmen und dokumentieren. Jede Station hinterlässt ihren Abdruck und die Kontrolle wird so deutlich einfacher.
Stempelkarten werden auch zur Zeiterfassung eingesetzt. So wird der Lohn minutengenau berechnet. Längst gibt es andere Firmen, die sich mit der Messung von Zeit zur Steigerung der Produktivität befassen. Kienzle Apparatebau aus Villingen etwa hat einen Autographen entwickelt, der Betriebs- und Stillstandzeiten von Maschinen aufzeichnet. Er zeichnet auch die Wegstrecke eines Autos auf.
Ab den 1970er-Jahren wird der „Kienzle 6600“ in der Lohnbuchhaltung eingesetzt. Dieser frühe Computer nimmt Daten über einen Lochstreifen auf. Die Software kommt schon per Diskette. Es gibt nun die flexible Gleitzeit. Urlaubspläne und Dienstreisekosten werden per Computer erfasst und abgerechnet. 1978 wird Intercard gegründet. Das Unternehmen entwickelt kleine Papierkarten – ähnlich den Tickets aus einem Parkhaus – auf die man einen Geldbetrag laden kann. Studenten kaufen sich damit Kopien.

Alles passt auf eine Karte
Heute sind diese Karten entweder aus Plastik oder komplett digital – in einer App. „Karten werden immer noch nachgefragt“, sagt Intercard-Sprecher Stefan Thoma. Neben der industriellen Zeiterfassung hat Intercard sich in seiner Nische gut eingerichtet und ist immer noch ein Zulieferer von Universitäten und Hochschulen. Mit den Karten aus Villingen-Schwenningen werden längst nicht mehr nur Kopien bezahlt.
Egal ob Mensa-Essen, Buch-Ausleihe oder Zutrittsberechtigung – alles passt auf eine Karte. Intercard ist damit zu einem wichtigen Player im deutschsprachigen Raum geworden. Seit 15 Jahren ist das Unternehmen sogar an der Börse. Heute erlöst der Konzern mit 140 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 20 Millionen Euro. In der Corona-Krise stockt das Geschäft, einfach weil an den Unis weniger Betrieb ist.
Zum Service-Geschäft von Intercard gehört auch, dass laufend neue Karten gebraucht werden. „Die Karte überlebt zwar einen Waschmaschinengang, aber nicht den Trockner“, sagt Thoma. Und natürlich gehen Karten verloren oder es kommen neue Studierende an die Uni. Jahr für Jahr liefert Intercard rund eine halbe Million Chipkarten nach. „In vielen Punkten ist die Karte einfacher als eine App“, sagt Thoma.
Die Karte zieht man aus der Hosentasche, wenn man durch eine Tür gehen oder ein Mittagessen bezahlen will. Die App muss man erst öffnen. Natürlich verkauft Intercard nicht nur die Karten, sondern auch die Geräte und das Wissen dahinter. Und das Vertrauen, das dazu gehört.
Intercard ist im Umbruch.
Kürzlich erklärte das Unternehmen, dass man „die Konzernstruktur weiter straffen“ werde. Der Marken-Dschungel soll sich lichten. „Wir haben noch zu viele Marken“, sagt Thoma frei heraus. So wird etwa die Konzerntochter Multicard mit der Intercard verschmolzen. Auch in der Schweiz sollen Polyright und Multi-Access künftig eins sein. Jobs soll das aber nicht kosten, eher werde man Arbeitsplätze schaffen.
Aktuell ist ein Teil der Belegschaft jedoch noch in Kurzarbeit. Und natürlich versuche man, das Spektrum zu erweitern. Intercard will nun auch Kartensysteme an Krankenhäuser oder an die Industrie verkaufen. Und der Konzern hat ein Produkt für die Corona-Krise: eine Ausweiskarte, mit der Krankenhäuser oder Testzentren die Corona-Immunität dokumentieren.
„Die Idee ist, jedem Patienten, bei dem Antikörper im Blut nachgewiesen wurden, einen Ausweis zu erstellen“, erklärt Konzernchef Gerson Riesle. Quasi ein Ticket zurück ins geordnete Leben.