Software: Serienweise Unikate

Geschichten über Start-ups in der IT-Welt gibt es hierzulande zuhauf, aber hier handelt es sich um eines, dass schon vor knapp 40 Jahren eine Innovation zur Gründung brachte – und sich bis heute gut am Markt entwickelt hat: Den Freiburger Software-Anbieter kühn & weyh.

Von Rudi Raschke

Ältere aus der Region werden sich an die Werbemittel mit dem orangefarbenen Schriftzug erinnern, die damals allgegenwärtig schienen. kühn & weyh war damit zu einer Zeit am Software-Markt, als es ihn in dieser Form noch gar nicht gab. Eine ganze Weile, bevor Personal Computer jedes Heim in Beschlag genommen hatten. Und mit Speichermedien, an die sich auch die heutigen, gleichwohl langjährigen Chefs nur schwer erinnern können. Es sei auf jeden Fall vor der Papphüllen-Diskette namens „floppy“ gewesen, sagt Klaus Ganter, einer von drei Geschäftsführern.

„Die Leute haben uns wohl die Software auf Messen aus der Hand gerissen“, erzählt er, und dass es Magnetbänder gewesen sein müssen. Ganter ist seit 21 Jahren im Unternehmen, das ist mehr als die Hälfte der Firmengeschichte. Die verging mit einem Produkt am Markt, das damals wie heute existiert, es heißt M/Text, heute ist eine größere M/-Serie daraus geworden. Die beiden Namensgeber Klaus-Jürgen Kühn und Rainer Weyh hatten schon bei Gründung das Thema vereinfachter Kommunikation für Unternehmen im Blick.

Ganters Geschäftsführer Kollege Matthias Abel sagt, dass die Kunden damals branchenübergreifend all jene gewesen seien, die die Software überhaupt einsetzen konnten – eine Gemeinde wie Rust mit fünf Angestellten habe ebenso dazu gezählt wie große Unternehmen, das meiste aber in Freiburg-Nähe. Heute spielen Gemeinden keine Rolle mehr, bei den Branchen gibt es einen Schwerpunkt bei Versicherungen, zum Geschäft gehört mehr als das Verteilen eines Magnetbands: bisweilen sind es mehrjährige Projekte, meist an Standorten wie München, Hannover und anderen Großstädten in ganz Deutschland, die eigenen Consultants von kühn & weyh sind dort angesiedelt.

Das Ursprungsprodukt M/Text hat im 40. Jahr des Bestehens die vierte Welle der Transformation hinter sich. Potenzielle Kunden sind vor allem solche, die riesige Mengen an Dokumenten produzieren – gleich ob auf Papier oder als PDF – und sowohl in der Zusammenführung von Systemen, bei der Automatisierung und der Erweiterung von SAP-Basisfunktionalitäten an ihre Grenzen stoßen. Ganter sagt, dass man rasch die Schmerzpunkte, „painpoints“, finde, was in der Softwareentwicklung fehlt. Und dabei Kunden wie die HUK Coburg findet, einen der größten deutschen Versicherer, wobei für kühn & weyh weniger die Umsatzmillionen eine Rolle spielen, sondern die Anzahl von 350 Millionen Dokumenten, die jährlich an die Kunden gesendet werden.

Vollautomatisch gesteuert aus den ERP-Daten werden sie quasi unsichtbar mit Hilfe von kühn & weyh an Druckerstraße und Versand ausgegeben. Ganter bezeichnet es als Plattform für „Unikate in Serie“. Als „Software“ ließe sich das heutige Angebot nur noch schwer umreißen, sagen beide Geschäftsführer, man sei ein Anbieter umfassender Lösungen, auch wenn das möglicherweise uneindeutig sei. Aber gerade im Bereich der Beratungsleistungen mit der M/-Reihe sei mit rund 30 von 120 Mitarbeitern das größte Wachtstum zu verzeichnen.

Wie schwer oder leicht ist es für kühn & weyh mit technischen Umwälzungen mitzuhalten? „Wir reagieren flexibel und schnell“, sagt Matthias Abel. Seine Gegenfrage: „Von wie vielen Versicherern erhalten Sie Dokumente auf ihr Mobiltelefon?“ Dass die Antwort „bisher von keinem“ lautet, hat er erwartet, das sei nicht nur dem Datenschutz geschuldet. Es gibt schlichtweg Branchen, die die Digitalisierung für ihre Kunden mehr oder aber weniger schnell umsetzen. Mehr beispielsweise in der Telekommunikation, Energiedienstleister seien ebenfalls etwas weiter vorn, aber die Versicherer noch vergleichsweise zurückhaltend.

Unternehmen wie Adam Riese, eine Online-Assekuranz der W&W (Wüstenrot & Württembergischen), die ihre Produkte modern aufstellt, seien gleichsam bereits Kunden des Hauses, sagt Abel. Auf die schrittweise Modernisierung, die sich keinesfalls als von-jetzt-auf-gleich-Digitalisierung präsentiert, sei das Haus eingestellt, sagt Klaus Ganter. Zu den Anforderungen gehöre auch, dass Anwendungen immer mehr in die Cloud wandern, wichtig sei, dass das Unternehmen „reinspüre“, was im Markt wichtig wird, beispielsweise bei Expertentagen, zu denen Kunden und Entwickler jährlich im Freiburger Konzerthaus zusammenfinden.

Und nicht zuletzt gehört eines zum Unternehmen, von dem viele beim Kunden oft nicht wissen, dass es im Hintergrund entscheidend zur Kommunikation beiträgt: Eine Kultur des Umgangs, der sozialen Verantwortung, die gewonnene Mitarbeiter lange im Unternehmen hält. Mancher Angestellte im Retro-Klinkergebäude aus den 80er Jahren am Seepark kann sich noch an die ersten Jahre in der Freiburger Eisenbahnstraße erinnern, damals über Karchers Weinstube, wo alles begann. Als der Neubau vor fünf Jahren renoviert wurde, sind etliche Bilder aufgetaucht aus dieser Zeit. Matthias Abel, dessen Vater einer der frühen Geschäftsführer war, hat sie digitalisieren lassen und den Kollegen zur Verfügung gestellt. Ein Album als heitere Festschrift, die mit den Initialen der Firmen-DNA spielt. „Kontinuität & Wandel“ haben sie es genannt.