Titelstory: Neun Lehren von Gästen und Gastgebern

Diese Ausgabe hat einmal mehr den Tourismus zum Thema. Hatten wir vor zwei Jahren noch festgestellt, dass sich im Schwarzwald eine qualitative Aufwertung deutlich zeigt, so kann heute mehr berichtet werden, als dass diese anhält.

Von Rudi Raschke

Sondern dass einige Dinge in der gesamten Region unseres Verbreitungsgebiets derart richtig gemacht werden, dass man daraus sehr gut Ratschläge, Best-Cases oder Thesen ableiten kann, wie der Tourismus hierzulande Zukunft hat. Die Ausgabe ist ein Ergebnis vieler Gespräche seit dem letzten Reise-Titel, aber auch eigener Reisen unserer Redaktion. Denn Tourismus schließt ja nicht nur den Blick auf die Gäste im Dreiländereck ein, sondern die eigene Reisefreudigkeit, die hier herrscht. In diesem Sinne haben wir viele unserer Anschauungen, aber auch Gespräche, die seither stattgefunden haben, aufgegriffen. Für das Reisen aus der Region haben wir Matthias Suhr, den Chef des Basler EuroAirports besucht, für den Qualitätstourismus in der Region haben wir uns nach Bernau in den Südschwarzwald begeben, für die Lust am Regelbruch steht das Hotel und Hostel „Heimathafen“ in Lörrach. In folgenden Punkten lässt sich das Gesehene zusammenfassen:

1. Ohne Qualität geht nichts mehr

Das einmal-und-nie-wieder-Erlebnis fürs schnelle Abkassieren funktioniert gerade im digitalen Zeitalter schlecht. Negativ-Mundpropaganda war gestern, heute kann jeder Gast eine schäbige Unterkunft oder ein liebloses Essen auf eine Weise vervielfältigen, die viel mehr Menschen nachvollziehen können. Ein niedriger Preis macht nicht mehr wett, wenn zu wenig geboten wird. Und die Anstrengungen für nette Gesten, einen einfachen, aber guten Teller oder ein Zimmer, das nicht ausschaut wie in der Nachkriegszeit, sind zu ungleich niedrigeren Kosten zu bekommen als mancher Gastgeber behauptet. Adressen wie beispielsweise das neue Freiburger „Motel One“ zeigen sogar, dass sich auch mit hochwertigen Einrichtungsgegenständen eine preiswerte Übernachtung bieten lässt. Und, liebe Touristiker: Zeigt die Highlights als solche und schafft Vorreiter – auch wenn damit einigen in der Breite nicht Genüge getan wird. Das gilt übrigens auch in Sachen vorzeigbarer Architektur: Der „Bilbao-Effekt“ (Menschen pilgerten plötzlich ins Baskenland, weil Frank Gehry dort ein Guggenheim-Museum hingestellt hatte) ist vielleicht abgeflacht. Aber ohne moderne Architektur sterben die traditionsreichsten Dörfer. Wer das bezweifelt, darf gern eine Fahrt durch Ortschaften im Elsass und anschließend durch Vorarlberg unternehmen. Auch diese Qualität kann in der Vermarktung unterstützt werden.

2. Übertreibt es nicht mit Kitsch und Folklore

Jeder, der schon mal eine Herberge im Schwarzwald für sich oder den auswärtigen Besuch gegoogelt hat, weiß: Man kann es auch überdrehen. Warum muss mitten im Idyll auch noch ein sogenanntes Wandtattoo mit Hirsch und Tanne daran erinnern, wo man sich gerade befindet? Warum reicht eine alte Stube oder eine schöne Hütte nicht aus? Muss wirklich der halbe Schwarzwald mit Bollenhut-Folklore und Honigschnäpsen überzogen werden, ohne dass es authentisch und glaubwürdig erscheint?

3. Vergesst die Bewohner nicht

Tourismus stößt dort an Grenzen, wo Abstoßungsreaktionen bei der Bevölkerung hervorgerufen werden. Das kann das Abwickeln von Wohnraum zu „Airbnb“- Unterkünften sein, wie es aktuell in Barcelona, vereinzelt aber auch schon in Freiburg, sauer aufstößt. Es geht aber auch um Lebensqualität der Bewohner, die sich positiv aufs Gefühl von Touristen überträgt. Im Idealfall, darauf hat die neue Chefin der Freiburg-Werbung, Hanna Böhme, dieses Frühjahr in unserem Magazin hingewiesen, lassen sich kluge Konzepte finden, die beiden dienen. Das kann ein Grün-Konzept in Innenstadtnähe sein, aber auch „nur“ ein Weinfest, das nicht bloß eine Touristen-Kirmes und Lebensfreude-Kulisse darstellt. Oder eben auch andere Events, Stadtfeste, die bei beiden Gruppen gut ankommen. Touristengruppen aus Übersee vielleicht ausgenommen, scheuen Besucher heute nichts mehr, als wenn etwas „zu touristisch“ daherkommt. Das weiß jeder von uns, der andernorts das untouristische als Touri sucht. Überdies sind gerade jene Städte und Regionen für Reisende die beliebtesten, die bei Lebensqualitäts-Rankings gut abschneiden. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC nennt als Beispiele das überdurchschnittliche Wachstum von Porto und die Auslastungszahlen der Stadt Wien.

4. Überdenkt das Marketing

Es ist eine so alte Binse, dass man sie kaum noch aufschreiben mag, aber sie stimmt: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Vielerorts werden Touristen-Publikationen aufgelegt, die opulent abbilden, was Verbandszaren sich in Arbeitskreisen mit kruden Kürzeln als Programm ausgedacht haben. Wo der Gast nicht mehr ins Schwärmen kommen kann, weil der Gastgeber schon alle Superlative aufgebraucht hat. Mancherorts wird auch beleuchtet, was die Honoratioren der Stadt als historisch wertvoll empfinden. Im Instagram-Zeitalter genügt das in der Regel nicht mehr. Die Stadt Freiburg hat hier mit einem klugen Beispiel reagiert und ein ansehnliches Magazin aufgelegt, das künftig regelmäßig und saisonal erscheinen soll. Der historische Stadtführer für die Übergangsjackentasche, mit der Münsteruhr auf dem Titel, hat damit ausgedient: Das Gastgeberverzeichnis und das Wikipedia-Wissen zur Gerichtslaube sind ins Internet abgewandert und dort gut aufgehoben. Das emotionale Reiseerlebnis kann besser geweckt werden. Und auch der nächste Punkt ist in diesem Magazinbeispiel sehr gut verarbeitet:

5. Der Einzelhandel gehört dazu

Gerade weil manche Innenstädte zunehmend austauschbar geworden sind, sollte das Besondere hervorgehoben werden: Einkaufserlebnisse fern von Karstadt, Kaufhof oder Amazon. Das kann besonderer Handel mit Handwerk sein, der über gewöhnlichen Souvenirkram hinausgeht. Oder einfach Empfehlungen von Straßenzügen, wo sich das Flanieren lohnt, auch ohne belehrende Stadtführung. Gerade mit Blick auf die Internet-Konkurrenz gibt es schöne Ansammlungen realer Läden, die zugänglich gemacht werden können. In Freiburg zum Beispiel in der Gerberau, die aktuell mit ihrer Abfolge von Plattenantiquaren, Kunsthandlungen, Maßschneidern und dem neuen Passagenwerk „Lust auf Gut“ samt Gastronomie ein schönes „Analog“-Quartier verkörpert. Sie zu bewerben, mag vielleicht den einen oder anderen Umsatz-Platzhirsch mit „Erstes Haus“-Anspruch und „Z’Friburg“- Tümelei vor den Kopf stoßen, es kommt aber auch ihm zugute. Dafür müssen halt ein paar Eitelkeiten abgebaut werden. Und manche 80er-Jahre-Anti-Kommerz-Debatte aus den Gemeinderatsköpfen.

6. Achtet auf die Gastronomie

Eine Gemeindeverwaltung hat wenig Einfluss auf die Ansiedlung von Gaststätten. In zahlreichen Ortsmitten breiten sich inflationär Shisha-Bars aus, quasi das Gastro-Pendant zum 1-Euro-Laden. Gesund schaut das nicht aus. Genauso wenig wie eine Ballung von Gewöhnlichkneipen, die in zentralen Ortslagen die Dreieinigkeit von Flammkuchen, Brägele und Putensalat hochhalten, mit scheinbar identischen Karten. Oder mit hunderten Posten ihr Investitionsfaible unterstreichen – für Kühltruhen und Mikrowellen. Wenn sich denn kein Gastrosoph findet, der Wirte in Unverwechselbarkeit, Frische und Regionalität gegen Tourismus-Budget schulen könnte: Vielleicht hilft ein Qualitäts-Regelwerk wie das der „Naturpark“-Wirte im Schwarzwald doch, um etwas zu bewirken. Es muss halt nur auch auf die Einhaltung geachtet werden. (Wer fern von Kontrolle und Verband selbstständig etwas lernen mag, auch fürs Ambiente: Mit Easyjet gibt es günstige Flüge nach London oder Berlin. Mancher lokale „Szenewirt“ dürfte sich dort noch nie umgeschaut haben.)

7. Entrümpelt die Hotellerie

Wo internationale Ketten Einzug halten, haben es gerade familiengeführte Übernachtungsbetriebe oft schwer, mit den Investitionen mitzuhalten, das ist klar zu bedenken. Aber es führt kein Weg daran vorbei, dass diese Herbergen auch zeigen sollten, dass sie eben kein „Holiday Inn“ sein wollen. Und auch kein Museum. Vieles, was in (schlechten) Kettenhotels nervt, könnten sie schlicht weglassen: Keine Minibar, bei der man nach dem Genuss eines Biers das Gefühl hat, ein halber Monatslohn sei weg. Keine diebstahlsicheren Kleiderbügel, die den Gast stressen und ihm das Gefühl geben, er sei zum Klauen von Cent-Gegenständen hier. Keine Einheitszimmer, die ausschauen wie … siehe oben. Und keine Investitionen in Dinge, die auf groß machen, aber gar nicht so toll sind: Kartenlesegeräte statt Schlüssel an der Zimmertür. Oder undurchschaubare Lichtsteuerungskonzepte. Stattdessen etwas Charme, eine Gratiskaraffe Wasser aufs Zimmer, ein nettes Notizbuch, das auch mitgenommen werden darf. Plus persönliche Regio-Empfehlungen an der Rezeption, eine angenehme Bar, Workplaces im Foyer oder ein Unikat-Konzept, beispielsweise in Umweltfragen.

8. Und schließlich: denkt an die Diversity – angefangen beim Reisegrund

Es ist alles nicht mehr so einfach wie früher: Columbus wollte neue Erdteile entdecken, Goethe andere Kulturlandschaften. Unsere Großeltern wollten Sommerfrische, die Eltern suchten Erholung oder Bildung oder beides. Und heute? Sollten wir beim Tourismus daran denken, dass die Reisegründe individueller denn je sind. Das kann ein Fußballspiel sein, eine Ökologietour, ein Kneipenwochenende, ein Besuch beim Christopher Street Day, eine Vorliebe für Wandern, Designhotels oder Museen. Und wer Freunde hat, die regelmäßig mit Günstig-Airlines oder Bahn-Schnäppchen zu unbekannt-Zielen aufbrechen, die ihnen ein Algorithmus anbietet, weiß ohnehin: es verschlägt einfach ganz neue Touristengruppen hierher. Darauf können sich Regionen auf zwei Arten einlassen: mit ganz klarer Positionierung, die gut zu verstehen ist und nicht nur für die „seit-30-Jahren“-Gäste. Oder mit einem Bekenntnis zur Vielfalt, das die unterschiedlichen Entdeckungsbedürfnisse abbildet. Darauf lässt sich auch mit ganz vielfältigem Personal eingehen. Ein ökologisches Hotel im Freiburger Vauban mit gelebter Inklusion bei den Angestellten – dieses Beispiel dürfte gern auch auf dem Land weiter Schule machen. Hat es ja bereits in der Restaurantwelt im Dreisamtal.

9. Zuallerletzt: Es gibt noch ein paar Potenziale zu heben

Der Eindruck täuscht: Es ist keineswegs so, dass jede Gemeinde eine eigene Tourismus-Zentrale, fünf verschiedene Fremdenverkehrsbroschüren und eine Mitgliedschaft in größeren Zirkeln besitzt, die sich um den größeren Regionen-Zusammenhang kümmern. Manchmal herrscht Nachholbedarf. Nicht nur Freiburg hat erst in den vergangenen Jahren auf eine eigene Website für Reisende und ihre Buchungswünsche gesetzt, die zuvor auf der städtischen Homepage mit Recyclinghof-Service und alten Wahlergebnissen gelandet waren. Auch der Kaiserstuhl ist ein Beispiel für eine Region, die sich zwar auf Hunderttausenden Weinflaschen eine mittlere Bekanntheit verschafft hat. Aber digital trocken da liegt, was ihre Gemeinschafts- Vermarktung angeht. Hier könnte durchaus das Naheliegende getan und eine schlichte Bündelung angepackt werden. Es dürfte nicht das einzige Beispiel für noch mehr „erste Schritte“ sein.