Die Region verdankt viel von ihrer Attraktivität unter anderem auch der Bildungslandschaft. Ausbaufähig scheint die Vermittlung von Wissenschaft – auch in der Vernetzung mit der Wirtschaft.
VON RUDI RASCHKE
Das Thema „Wertschöpfung durch Bildung“ hat aktuell bessere Aussichten auf Beachtung als noch vor ein paar Jahren: Im Alltag erlebt jeder gerade, dass Wissenschaft, also die Erkenntnis aus Forschung und Lehre, wichtiger denn je ist: Diejenigen, die ihre Ergebnisse ignorieren, gefährden ihre Reputation oder ihre Gesundheit. Diejenigen, die sie ernst nehmen, fahren gut damit, ihre Entscheidungen auf die Expertise von Fachleuten zu stützen. Nicht etwa auf Bauchgefühl, Kumpeltratsch oder Wähleranbiederung.
Zur Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse gehört daher auch, dass sie sich ständig weiterentwickeln und dass sie nicht alles vorhersagen können. Wer sich deshalb der Wissenschaft generell verweigert, landet eher in ganz anderen Zusammenhängen: Bei der „Flat-Earth-Society“, im Brexit oder im Büffelkostüm bei der Erstürmung von US-Parlamenten. Hierzulande dann bei Gesprächskreisen sogenannter Querdenker oder der AfD.
Bildung ist präsenter denn je, auch weil es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt, die aktuell sehr gut in der Öffentlichkeit kommunizieren. Die Robert-Bosch-Stiftun sprach vergangenen April von einer „Chance für die Wissenschaft“, nicht nur in Bezug auf Corona, sondern auch auf andere globale Herausforderungen wie den Klimawandel. Was das alles mit unserem Titelthema zu tun hat?
Nun, es tut gut, den Wert von akademischer Bildung gegenüber Unkenntnis derart gewürdigt zu sehen. Der britische „Economist“ feierte zum Jahreswechsel den intellektuellen Weltbürger Erasmus von Rotterdam aus dem 15. Jahrhundert. Als Bollwerk des Moderaten gegen den Extremismus, als überzeugten Vertreter einer Welt, in der „große Ideen schwerer zu töten sind als Menschen.“ Erasmus hat auch in unserer Region gewirkt, sein Name ist nicht nur im Basler Stadtbild präsent, sondern auch als Namenspate weltoffener studentischer Austauschprogramme.
Hierzulande hat Bildung eine schöngeistige Tradition, sie ist aber auch wichtiger Wirtschaftsfaktor in unserer südbadischen Umgebung. Diese setzt traditionell auf mittelständische Tüftler, auf Dienstleister und Medizinthemen, ist aber weit entfernt von Schwerindustrie und Dax-Konzernen. Sogar der örtliche Fußball-Bundesligist wurde maßgeblich von zwei ausgestiegenen Gymnasial-Lehrern geprägt.
Ein Versuch der Bündelung der Bildungsregion
Unser Magazin unternimmt erstmals den Versuch, die Faktoren, die diese Bildungslandschaft prägen, in einer (sicher nicht vollständigen) Bündelung vorzustellen. Es gibt dabei gar nicht so wenig zu beschreiben: Menschen, die sich um das Gründen aus Uni-Zusammenhängen verdient machen, praxisnahe Hochschulen, starke Weiterbildungsideen. Zu dieser Landschaft, wenn auch nicht gesondert im Magazin porträtiert, gehören die großen Hochschulen wie die Universität Konstanz, die mit dem Exzellenz-Titel werben kann. Und eine Freiburger Universität, die versucht, ihn wieder zurückzuerobern.
Mit einer neuen Rektorin, Professorin Kerstin Krieglstein, die aus Konstanz zurückgekehrt ist. Übrigens mit einer sichtlich neuen Tonalität, die seit Antritt im Herbst 2020 auf den Wert von Kommunikation und Partizipation setzt, wo die Vorgänger-Ära eher etwas technokratisch-intransparent werkelte.
Der Wert von Bildungseinrichtungen für die Wettbewerbsfähigkeit von Standorten liegt auf der Hand. Unternehmensansiedlungen, Gewerbesteuer-Einnahmen und Branchen-Cluster, aber auch eine Kulturszene, die akademisch geprägt ist, sind heute mehr als nur „soft power“ für Städte wie Freiburg. Sie sind der Kern der Attraktivität unserer Region.
Dagegen tun wir uns mit den „hard facts“ etwas schwerer. So sehr wir uns um Fakten (siehe auch die Daten-Seite und Landkarte hierzu) bemühen: Die „Bildungsregion Südbaden“ existiert nicht als Google-Treffer (als „Bildungsregion Freiburg“ ist sie ein Schulprojekt der Bertelsmann-Stiftung). Diese Faktenlage ist insofern ausbaufähig, als es inzwischen über alles und jeden eine Untersuchung gibt, welche Wertschöpfung sich mit seiner Arbeit verbindet. Der Lörracher „Burghof“ verdankt beispielsweise einer Studie aus St. Gallen sein Wissen um die direkten und indirekten Effekte, der SC Freiburg ließ bereits 1995 ermitteln, wieviel Geld seine Gäste aus Mönchengladbach in Läden, Tankstellen, Restaurants und Hotellerie liegen lassen.

Von Universitätsstandorten wie Freiburg wissen wir dagegen, dass die Uni mit Uni-Klinikum der weitaus größte Arbeitgeber ist. Das ist Kneipentalk, falls wieder irgendwann welche eröffnen. Aber welche Auswirkungen das aber auf die Zahlungskraft hier hat? Wir wissen es nicht genau. Wir können nur ermessen, was es bedeutet, wie sehr Freiburg, das knapp 14 Prozent der 180.000 Studierenden an den neun Landesuniversitäten in Baden-Württemberg stellt, an einem Gesamteffekt der Bruttowertschöpfung von etwa 6,1 Milliarden Euro profitiert. Die regionalwirtschaftlichen Effekte zu ermitteln, wäre eine spannende Aufgabe, die wir als kleines Wirtschaftsmagazin leider nicht leisten können.
Wir können nur sagen, dass es sich lohnt, den Wert der Bildung vor Ort zu kennen. Ihn einmal gewissenhaft zu ermitteln und zu kommunizieren. Und die vielen Aktivitäten zu bündeln, unter Verzicht auf Lokalproporz, Regio- oder akademische Eitelkeiten. Das ist ein Wunsch, der in Wirtschafts- wie in Unikreisen immer wieder zu hören ist.
Welche Wertschöpfung bringt die Bildung?
Ein wenig wiederholen wir uns da auch vielleicht: Denn auch bei den Gesundheitsthemen in der Region (ebenfalls ein großer Wirtschaftsfaktor) haben wir vergangenes Jahr bereits berichtet, dass es schön wäre, wenn eine Verzahnung und ein Überblick sichtbar gemacht werden.
Das Klima hierfür dürfte kaum günstiger sein: Wissensvermittlung für möglichst viele findet in der Region (mit Instrumenten wie dem Freiburger „Studium Generale“ und vielen Veranstaltungen mit der Universität als Schauplatz) seit jeher statt. Im Zuge von Exzellenz-Bemühungen, aber auch populärer Corona-Forschung aus der Region, ist die Vermittlung an interessierte Laien noch wichtiger geworden.
Es wird vielleicht ein neues Geschichtenerzählen brauchen, bei dem die gesellschaftlichen Effekte von Wissenschaft mehr im Mittelpunkt stehen als nur die Bekanntmachung aus Forschersicht. Bei dem Innovation als Wert vermittelt werden kann, ohne nur auf ein industrielles Produkt zu verweisen. Und bei dem neben der Zahl der technischen Patentanmeldungen auch die Rechts- und Wirtschafts-, aber auch die Geisteswissenschaften nicht hinten runterfallen, weil auch sie zu Wertschöpfung und Renommee beitragen.
Das alles ist Aufgabe der Hochschulen, die das neu erwachte Interesse an der Wissenschaft kommunikativ zu nutzen wissen sollten, auch wenn das Arbeit bedeutet. Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Wirtschaftsförderung wird es sein, noch viel mehr mit Instrumenten der klugen Bündelung, Vernetzung oder Transfers auf die Bildung einzugehen und was sie gesamtgesellschaftlich einbringt. Das ist viel wert.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Printmagazin in der Ausgabe Februar 2021. Hier geht’s zum Abo!