Hinter unserem Titel dieses Monats steckt ein Thema, das sich in Deutschlands Mittelstands-Landschaft mehr und mehr in den Vordergrund drängen wird: Die Übernahme und Übergabe von Unternehmen.
VON RUDI RASCHKE
Die Pandemie dürfte einige Nachfolgelösungen verschleppt haben oder erschwert, besonders in Handel und Gastronomie. Der demografische Wandel tut sein Übriges, wenn die starke Babyboomer-Generation der 60er Jahre in den nächsten Jahren in den Ruhestand geht.
Am deutlichsten dürfte es im Handwerk zutage treten, wo etwa 100.000 Betriebe in den nächsten fünf Jahren in Deutschland eine Nachfolge suchen, wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks schätzt. Dabei finden immer weniger Übernahmen auf die traditionelle Weise statt, in der Familie: In den Jahren 2016 bis 2019 nahmen Familienübergaben laut Mittelstandsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW von 41 auf 36 Prozent ab.
Auch weil die scheidende Unternehmergeneration historisch wenig Kinder hat. Und nicht zuletzt, so schreibt der Monitor, seien Bildungs- und Berufswege nun mal weit individueller geprägt als früher. Das alles muss kein Grund für großen Pessimismus sein, wie dieses Heft unterstreichen soll.
Übergabe ist nicht gleich Übergabe
Wir haben große Freude gehabt, die zahlreichen Arten von Übergaben mit entsprechenden Beispielen zu versehen: Generationen teilen sich die Spitze des Unternehmens, Eltern ziehen sich zurück, Söhne oder Töchter führen gemeinsam mit Externen, Externe übernehmen komplett – für alle gibt es erfolgreiche Beispiele in der Region.
Zahllose haben es nicht in die Strecke geschafft, die unser Titelthema diesen Monat ausmacht. Zu den nicht näher beleuchteten gehören auch zwei der größten Unternehmen der Region, die als besondere Familienbetriebe bezeichnet werden dürfen. Beim Waldkircher Sensorenhersteller Sick mit rund 10.000 Mitarbeitern sorgt eine kluge Gesellschafterstruktur dafür, wie die Geschicke des Unternehmens durch Familienbesitz gelenkt werden.
Dennoch haben seit dem Tod des Gründers Erwin Sick vor 33 Jahren vor allem externe Manager im Operativen dafür gesorgt, dass das Unternehmen eine weltweit herausragende Position einnimmt. Beim im Dreiländereck angesiedelten Messtechniker Endress+Hauser (14.000 Mitarbeiter) existiert eine Familien-Charta, eine Art Verwandtschafts-Verfassung, die die Hürden und Chancen im Unternehmen für die Kinder der gegenwärtigen Besitzergeneration genau regelt. Auch E+H wird aktuell von einem Manager geleitet, der nicht aus der Familie stammt.
Aber auch Unternehmen der Region, die nicht über fünfstellige Mitarbeiterzahlen verfügen, schaffen es, gute Lösungen in der Familie und darüber hinaus zu finden. Man denke an das Autohaus Schmolck in Emmendingen und Müllheim, wo inzwischen die vierte Generation eingestiegen ist. Das es aber immer auch verstand, externe Fachleute im Stil von Familienmitgliedern in der Führung aufzunehmen: Der früh verstorbene Jürgen Henninger war als Geschäftsführer ein Musterbeispiel für einen Manager, der familiäre Werte (und Sympathiewerte) lebt.
Potenzial Familie
Es gibt vermutlich nicht DAS Erfolgsrezept, in welche Hände ein Betrieb übergeben werden kann. Innerhalb von Familien mag es von Vorteil sein, man denke an besonders alte Gasthäuser. An Orte, wo traditionell Arbeit und Leben eng verknüpft sind. Aber was hat das für Auswirkungen, wenn dort jüngere Generationen den Sinn ihrer Arbeit in einem anderen Ort oder Job suchen?
Familien, schreibt der Londoner Economist, würden nicht zwingend den Ratschlägen von Wirtschaftsuniversitäten folgen. Dennoch hätten sie auf lange Sicht das größte Potenzial. Weil sie Visionen und Werte über Generationen von klein auf weitergeben und unkonventionelle Strategien pflegten.
Das gegenteilige Szenario, wenn auch erfreulicherweise eher selten: Übergaben, die sich zu lange hinziehen. „Auch wenn es hart klingen mag“, fasst eine Studie der Uni St. Gallen und Credit Suisse es zusammen, „ein ins Alter gekommener, möglicherweise erkrankter Geschäftsführer steigert den Wert eines Unternehmens nicht.“
Das Gleiche gelte für abgeschriebene Maschinen. Die Studie kommt zu dem Schluss, „eine Übergabe an fähige und moderne Manager kann in vielen Fällen den Erhalt des Unternehmens sichern“. Dass dabei das Loslassen gerade in diesen Zeiten leichter fallen sollte als gedacht, egal ob Kleinstbetrieb, Hidden Champion oder Techkonzerne, zeigt auch das Silicon Valley:
Selbst die Großen dort sind aktuell von Übergabe-Themen geprägt: Mark Zuckerberg von Facebook dürfte der Letzte sein, der sich noch an seinen Gründer-Stuhl krallt: Auch bei Google, Amazon &. Co. fand die Übergabe statt.
Mitarbeit: Susanne Maerz