Nach acht Jahren als Bürgermeisterin von Müllheim startet Astrid Siemes-Knoblich in ihr neues altes Leben als Unternehmerin. Sie widmet sich der Gendergerechtigkeit und dem Empowerment von Frauen.
VON DANIEL RUDA
Es ist Ende September, der letzte Tag, der noch etwas Restsommer in sich hat. Die Sonne scheint an diesem Vormittag in Müllheim, wo Astrid Siemes-Knoblich in ihrem Wohnzimmer zum Gespräch empfängt. „Es geht mir richtig gut“, sagt sie nach einem halben Jahr Auszeit, welche sie zum Großteil genau hier verbracht hat. Zu Hause, besser gesagt: Bei sich.
Anfang dieses Jahres endete ihre Zeit als Bürgermeisterin von Müllheim, der 20.000-Einwohner-Stadt im Markgräflerland. Für eine Wiederwahl hatte sie nicht mehr kandidiert. „Es war nicht meins“, sagt die 58-Jährige über das Berufsleben auf dem politischen Parkett.
Sie erzählt Kritisches über ihre Zeit im Rathaus. Ausgebremst habe sie sich immer wieder gefühlt. Von gesetzlichen Rahmenbedingungen einerseits, und vor allem von einer politischen Debattenkultur, in der einander nicht mehr zugehört wird, einem zunehmend raueren Ton und dem Umstand, dass persönliche Interessen in der Politik oftmals größere Rollen spielten als gesellschaftliche Belange. „Das hat mich erschüttert.“ Dazu kam, dass ihre Wahrnehmung als Frau im Amt auch immer wieder klischeebeladen war.
„Ich empfinde die heutige Zeit als einen Rückschritt, die Gesellschaft wurde zuletzt immer konservativer und das hat auch wieder das alte Rollenbild verstärkt“
Astrid siemes-knoblich
Etwas, gegen das sie stets subtil ankämpfte. Nun geht sie das Thema viel offener an, sie hat es zu ihrer neuen Aufgabe und Beruf gemacht. „Go unGender“ heißt ihr gerade gegründetes Ein-Frau-Unternehmen. Sie will künftig aktiv(er) daran mitarbeiten, Genderneutralität in Politik, Verwaltung und Wirtschaft voranzutreiben. Passend dazu hat sie den Firmennamen gewählt. „Die alten Rollenbilder müssen aufgebrochen werden“, sagt die 58-Jährige. Frauen müssen die gleichen Chancen bekommen wie Männer, „weil enorme Chancen vergeben werden, wenn dieses Wissen, Erfahrung und Kompetenz außen vor gelassen wird“.
Die ehemalige Bürgermeisterin forscht, analysiert und berät nun für das große Ganze. „So kann ich mehr für die Sache erreichen, als ich es während meiner Zeit im Amt hätte tun können.“
Gerade arbeitet sie in Eigeninitiative etwa an einer empirischen Studie über Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg. Damit soll ergründet werden, warum es so wenig Frauen als Chefinnen in Rathäusern gab und gibt.
Der Studie soll unter anderem ein Seminar für zukünftige Bürgermeisterkandidatinnen folgen. „Ich bin ja mit vielen Dingen unerwartet und unvorbereitet konfrontiert worden“, sagt sie, die vor ihrer Wahl schon 20 Jahre lang als Marketing-Unternehmerin mit eigenem Büro und Angestellten tätig war und dann als Quereinsteigerin in die Politik kam. Nun will sie ihre Erfahrungen weitergeben.
Studien, Vorträge, Publikationen, Workshops
Sie plant Vorträge, Publikationen, Workshops und Einzelberatungen zum Empowerment von Frauen und der Sensibilisierung von Männern für diese wichtige Thematik. Es geht ihr darum, mit allen über das Thema ins Gespräch zu kommen. „Bestimmte Rollen sollen nicht mehr nur einem Geschlecht zugeschrieben werden“, auch und gerade im Bezug auf Führungskräfte. Wo der Mann als durchsetzungsstark, selbstbewusst und ehrgeizig gelte, könne es nicht sein, dass das bei einer Frau als zickig, laut und aggressiv aufgefasst wird. „Die Konnotation ist aber leider immer noch so.“ Es ist nur ein Beispiel unter vielen.
„Ich empfinde die heutige Zeit als einen Rückschritt, die Gesellschaft wurde zuletzt immer konservativer und das hat auch wieder das alte Rollenbild verstärkt“, sagt Astrid Siemes-Knoblich. Inzwischen spricht sich die gebürtige Rheinländerin auch für eine Frauenquote aus, „weil wir anders nicht weiterkommen“. Vor ein paar Jahren dachte sie noch anders, vielleicht war sie da etwas naiv, sagt sie über sich selbst. Das gelte auch für ihren damaligen Blick auf die Politik, ihre heutige Perspektive will sie aber nicht als Generalabrechnung verstanden wissen. Die Unternehmerin will Konstruktives daraus ziehen, für die CDU sitzt sie (als Nicht-Parteimitglied) weiter im Kreistag.
Engagement im Unternehmerinnen-Verband
Die vergangenen acht Jahre, sie rasten jedenfalls rückblickend rasend schnell vorbei. „Das eigene Leben hat man da nicht wirklich gelebt“, sagt die zweifache Mutter. Das ändert sie nun. Die Auszeit war da wertvoll. Auch wenn Corona das geplante Unterwegssein fast komplett verhinderte, „ich konnte nicht stillsitzen, ich musste mich bewegen“. Handwerkeln im Haus, Sport draußen, „Mein Körper und meine Seele haben das richtig gebraucht“.
Passend zu ihrer neuen Aufgabe ist sie auch im Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) wieder aktiv. Vor ihrer Zeit im Rathaus baute sie ihn im Südbadischen mit auf und gehörte zum Vorstand. Die Professionalität und das breite Spektrum an Unternehmerinnen schätzt sie enorm. „Der Austausch unter Frauen ist wertvoll und wichtig“. In ihrer neuen Arbeit wird sie auch von zwei strategischen Partnerinnen aus dem VdU in Südbaden unterstützt. Auch festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten noch folgen. „Es gibt ja viel zu tun.“
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe vom Oktober 2020 unseres Printmagazins