Sie kommen aus Ländern, in denen Einkommen, Frieden und Sicherheit nicht selbstverständlich sind. Sie arbeiten, planen ihre Zukunft oder sind längst angekommen. Vier Menschen, vier Wege und drei Unternehmen, die ihnen eine Chance geben.
Text: Christine Weis
Von Westafrika ins Markgräflerland

Manchmal hat Musa Njie noch Heimweh nach Gambia. Dort leben seine Eltern und Schwestern. „Aber es ist weniger geworden“, sagt er. „Müllheim ist jetzt meine zweite Heimat.“ Der 31-Jährige lebt seit knapp elf Jahren im Markgräflerland, seit fast zehn Jahren arbeitet er bei Stop & Go Marderabwehr in Neuenburg. Ende 2023 kam seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn nach Deutschland, 2024 wurde ihr zweites Kind geboren. Die Familie ist vereint, gewachsen und hat den Neubeginn geschafft. Wobei seine Frau sich noch häufig nach dem alten Zuhause sehnt.
Der Weg von Gambia nach Müllheim begann 2015: Musa Njie war im zweiten Jahr seiner Ausbildung zum Grundschullehrer, als er sich aufgrund der schlechten politischen und wirtschaftlichen Lage während der Diktatur von Präsident Yahya Jammeh zur Flucht entschied. Gambia ist seit 2017 wieder demokratisch verfasst, doch es zählt weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt. Arbeitslosigkeit und Naturkatastrophen prägen den Alltag vieler Menschen. Musa Njie gelangte über die Türkei und Balkanroute nach Deutschland. Seine ersten Stationen waren München, Karlsruhe und Mannheim, schließlich eine Flüchtlingsunterkunft in Müllheim. Vier Männer teilten sich dort einen Raum.
„Müllheim ist jetzt meine zweite Heimat.“ Musa Njie
In den ersten Monaten besuchte Njie einen Integrationskurs. Über den Müllheimer Flüchtlingshelferkreis lernte er Hans-Jörg Schelb kennen, Inhaber und heutiger Seniorchef von Stop & Go Marderabwehr. „Er hat mir eine Chance gegeben und mich in vielem unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Musa Njie.
Er begann als Praktikant im Lager. Hans-Jörg Schelb bot ihm bald einen Ausbildungsplatz im Groß- und Außenhandel an, organisierte einen Computerkurs an der Volkshochschule, vermittelte Sprachunterricht bei seiner Schwiegertochter und half ihm auch bei der Wohnungssuche. Weg aus dem Mehrbettzimmer, hinein in die eigenen vier Wände, wo Lernen möglich war. Als es um die Verlängerung des Aufenthaltsrechts ging, hat sein Chef einen unterstützenden Brief an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geschrieben. Mittlerweile ist Musa Njie eingebürgert. Auch die Kolleginnen und Kollegen hätten ihm geholfen. Als der jetzige Geschäftsführer Markus Spies ihm vor zwei Jahren ein Firmenauto zur Verfügung stellte, machte ihn das glücklich, erzählt er gerührt. Die ihm entgegengebrachte Hilfsbereitschaft habe ihn motiviert, etwas zurückzugeben. So engagierte er sich mehrere Jahre ehrenamtlich bei der Lebenshilfe, begleitete Jugendliche mit Handicap bei Ausflügen ins Schwimmbad. Seit 2018 ist er Mitglied im Internationalen Beirat der Stadt Müllheim. Dort setzt er sich für die Gleichbehandlung von Menschen mit Migrationsgeschichte ein. Aktuell planen sie ein Projekt zur Integration durch Sport. „Ich habe in den Fußballvereinen Hügelheim und Müllheim gespielt“, sagt er. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Sport verbindet. Die Menschen treffen zusammen, spielen gemeinsam – egal, woher sie stammen.“
Musa Njie ist angekommen: in einer neuen Sprache, einem neuen Land, einer neuen Kultur – und in einem neuen Berufsfeld. Ob er denn vorher gewusst habe, was ein Marder ist? Er lacht. „Nein. In Gambia gibt es keine Marder.“ Anfangs habe er sich gewundert, was diese Tiere alles anrichten: Sie beschädigen Autos und verwüsten Dachböden. In Gambia gebe es stattdessen viele Ratten und Mäuse. Einmal habe er eine Marderabwehr seines Arbeitgebers im Urlaub bei den Eltern ausprobiert. Doch die gambischen Mäuse ließen sich davon nicht beeindrucken.
Von Syrien und Vietnam nach Todtnauberg


Es schneit an diesem zweiten Januartag. Am Notschrei fahren die Menschen Ski und Schlitten, der Todtnauer Wasserfall ist vereist, auf der Hängebrücke darüber herrscht trotz Minusgraden reger Betrieb. So auch im Hotel Engel in Todtnauberg. Das Familienressort ist ausgebucht, rund 170 Gäste verbringen hier ihren All-inclusive-Urlaub auf rund 1000 Meter Höhe. Für sie ist es Erholung, für das Hotelteam bedeutet es Arbeit: Thuy Nguyen räumt die letzten Frühstücksteller und Kaffeetassen ab, während das Büffet fürs Mittagessen bereits aufgetragen wird. Die 25-Jährige arbeitet im Service. Im vergangenen Juni hat sie ihre zweijährige Ausbildung zur Fachkraft Gastronomie abgeschlossen. Knapp drei Jahre lebt die Vietnamesin jetzt im Personalhaus des Hotels. „Ich finde es sehr schön hier“, sagt sie. Die Natur gefalle ihr, sie gehe viel spazieren, ein bisschen Skifahren könne sie inzwischen auch. Am Anfang sei alles fremd gewesen – das Dorf, das Wetter, die Sprache. Doch sie habe sich eingelebt. Auch kulinarisch. Nudeln mag sie, Kuchen, besonders die Schwarzwälder Kirschtorte. Sie lacht viel, während sie das erzählt. Freunde hat sie in der Berufsschule gefunden. Heimweh kennt sie kaum, ihre Schwester lebt in München. Nur einmal war sie in den vergangenen Jahren in Vietnam.
„Die kulturelle Vielfalt in unserer Belegschaft empfinde ich als große Bereicherung.“ Silke Boch-Textor, Geschäftsführerin Hotel Engel
Ohne Menschen wie Thuy Nguyen, sagt Silke Boch-Textor, ließe sich der Betrieb nicht führen, denn auf dem Arbeitsmarkt gibt es in ihrer Branche kaum Personal. Die 52-jährige Hotelfachfrau und Volkswirtin leitet gemeinsam mit ihrem Mann Alfred Boch das Traditionshaus. Rund 60 Mitarbeitende beschäftigt das Hotel derzeit, zwei Drittel von ihnen kommen aus dem Ausland. „Die kulturelle Vielfalt in unserer Belegschaft empfinde ich als große Bereicherung“, sagt Boch-Textor. Unterschiedliche Sprachen, Biografien und Herkunftsländer prägten auch den Alltag im Haus. Natürlich gebe es Enttäuschungen, Abbrüche, Menschen, die das System ausnutzten. „Aber das hat nichts mit Migration zu tun“, betont sie. „Das gibt es bei Deutschen genauso.“ Die positiven Erfahrungen würden bei Weitem überwiegen.
„Ich finde es sehr schön hier.“ Thuy Nguyen
Das Hotel rekrutiert über eigene Kontakte, Agenturen, die Bundesagentur für Arbeit oder einen ehrenamtlichen Vermittler. Bis Visa, Arbeitserlaubnis und alle Unterlagen vorliegen, vergehen oft Wochen, manchmal Monate. Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden im Landkreis Lörrach funktioniere gut, sagt Silke Boch-Textor. Ein Aspekt ist ihr besonders wichtig: „Wenn wir Fachkräfte wollen, dann müssen wir sie auch ausbilden. Da haben wir als Arbeitgeber und Unternehmer auch eine gesellschaftliche Verantwortung.“ Zehn Auszubildende lernen aktuell im Hotel Engel. Die jungen Menschen kommen aus Indonesien, Nepal, Indien, Kirgistan, Pakistan und aus afrikanischen Ländern wie zum Beispiel Madagaskar. Viele wollen nach der Ausbildung bleiben. Nicht alle davon können übernommen werden. Manche wechseln den Betrieb, ziehen weiter in Großstädte. Für einige wird die Gastronomie zum Sprungbrett für andere Berufe, manche machen Karriere als Köchinnen und Köche oder Hotelfachleute, berichtet die Hotelchefin.
„In Syrien gab es keine Sicherheit, das Leben war gefährlich, viele Kämpfe, Waffen, ich hatte Angst.“ Zaher Jaward
Zaher Jawad arbeitet an diesem Vormittag im Housekeeping. Er reinigt Gästezimmer, bezieht Betten. Der 31-jährige Syrer ist unsicher, ob er ein Interview geben kann, sein Deutsch sei nicht gut genug, findet er. Zu bescheiden, er versteht und spricht ausreichend. Vor zwei Jahren flüchtete er nach Deutschland. Im Engel arbeitet er erst seit Kurzem, davor war er Küchenhelfer in einer Gaststätte im Nachbarort. „In Syrien gab es keine Sicherheit, das Leben war gefährlich, viele Kämpfe, Waffen, ich hatte Angst“, berichtet Zaher Jaward. Er lebte in Hama, einer Stadt zwischen Aleppo und Damaskus und war Gemüsehändler. Sein Bruder floh bereits vor zehn Jahren und arbeitet heute in einer Gärtnerei in Todtnau-Geschwend. Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Jahr 2024 und dem Ende des Bürgerkriegs kommen weniger Syrer nach Deutschland. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte im Herbst die Rückkehr von syrischen Flüchtlingen. Jawad möchte bleiben, arbeiten und in Sicherheit leben. Draußen fällt weiter Schnee. Drinnen wird das Mittagsbuffet eröffnet. Für die Gäste ist es Urlaub. Für Thuy Nguyen ist es Alltag. Für Zaher Jawad ist es mehr als das: ein Neuanfang.
Von Guinea nach Freiburg

Wenn Djiba Noba Fofana Frühdienst hat, nimmt er den ersten Zug um 5.07 Uhr von Neuenburg nach Freiburg. Am Wochenende kommt er allerdings verspätet zur Schicht. Das liegt nicht an ihm, sondern am Fahrplan: Der früheste Zug fährt um 6.37 Uhr ab. Es geht nicht anders, sein Arbeitgeber weiß das. Fofana arbeitet Vollzeit als Hilfskraft im Pflegebereich in der Senioren- und Pflegeeinrichtung Pro Seniore im Freiburger Stadtteil Rieselfeld. Im April beginnt der 30-Jährige dort eine Ausbildung als Altenpflegehelfer. „Ich mag die Arbeiten mit alten Menschen“, sagt er. An die Stelle kam er über das Projekt Job-Netz des Amts für Migration der Stadt Freiburg. Es unterstützt Männer zwischen 18 und 35 Jahren mit Flucht- oder Migrationserfahrung bei der Berufsorientierung und beim Einstieg in Ausbildung oder Beschäftigung. Mohamed Macky Bah ist Berater bei Job-Netz und begleitet Djiba Noba Fofana in dieser Funktion. Wie Fofana stammt auch er aus Guinea, von wo er vor 17 Jahren zum Studium nach Deutschland kam.
„Am Anfang war alles sehr schwer, vor allem die Sprache. Aber wenn man will, geht vieles.“ Djiba Noba Fofana
Auch Djiba Noba Fofana hat studiert. Als einziger von acht Geschwistern schaffte er es aufs Gymnasium und später an die Universität. Er hat einen Bachelor in Biologie und als Assistent in einem Labor gearbeitet. Dennoch habe es in seinem Heimatland für ihn keine Perspektive auf eine gute Zukunft gegeben, der Arbeitsmarkt kaum Chancen für ein gesichertes Einkommen geboten, erzählt er. Es herrsche eine wirtschaftliche Ungleichheit, die Menschen seien arm. Viele würden daher fliehen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Rund 29.000 Menschen aus Guinea haben 2023 in Deutschland Asyl beantragt. Einer von ihnen war Djiba Noba Fofana. Sein Einreisedatum kennt er genau: Es war der 14. August. Vorausgegangen waren Monate der Flucht. Er arbeitete zunächst in Algerien und Tunesien als Bauhelfer. Schließlich stieg er mit 27 anderen Menschen in ein sechs Meter langes Boot. Drei Tage dauerte die Überfahrt über das Mittelmeer. „Es war eine Katastrophe“, sagt Fofana. Mehr möchte er nicht erzählen. Als er Wochen später aus einem Auffanglager in Turin seine Mutter anrufen konnte, habe er nur noch geweint.
Über Frankreich kam er erst nach Heidelberg, dann nach Merzhausen. Zwei Jahre lebte er dort in einer Containerunterkunft des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald. Fofana lernte Deutsch, arbeitete als Hilfskraft im Lager und in der Produktion eines Unternehmens in Teningen. „Am Anfang war alles sehr schwer“, sagt er, „vor allem die Sprache. Aber wenn man will, geht vieles.“
Sein Asylantrag wurde zunächst abgelehnt. Im Zuge des Hilfsarbeiterjobs bekam er eine Beschäftigungsduldung, aktuell hat er eine Aufenthaltsgestattung. Sein nächstes Ziel ist eine Aufenthaltserlaubnis. „Bis dahin sind noch viele Schritte zu tun und einige bürokratische Hürden zu nehmen“, sagt Berater Bah, und fügt hinzu: „Djiba Noba Fofana ist klug und zuverlässig, er hat noch keinen Termin versäumt“. Fofana selbst bezeichnet seinen Weg bis hierher schon als Erfolg. „Mit dem Ausbildungsplatz habe ich jetzt endlich eine echte Perspektive,“ sagt er.
Warum zieht es so viele Menschen aus Guinea ausgerechnet nach Deutschland, obwohl Frankreich allein wegen der gemeinsamen Sprache naheliegender wäre? Die Kolonialgeschichte mache Frankreich unattraktiv. Deutschland hingegen genieße den Ruf eines wirtschaftlich starken Landes, in dem man sich durch Arbeit etwas aufbauen könne, erklärt Bah. Hinzu kämen die Bekanntheit deutscher Automarken, populäre Fußballclubs und die Erfolge der Nationalmannschaft. Fußball spielt auch im Leben von Djiba Noba Fofana eine wichtige Rolle. In Guinea spielte er für Sifo FC, heute läuft er für den FC Neuenburg auf. In der Bundesliga verfolgt er Borussia Dortmund, wo mit Serhou Guirassy ein Landsmann als Stürmer kickt. Sein Bruder in Guinea allerdings hält dagegen – und wettet stets auf den SC Freiburg.