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Das Phänomen Küchenparty

  • 23. November 2019
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Tanja Grandits bereitete ein gewohnt monochromes Gericht zu: Ziegenquark an Rote Beete Gnocchi mit Langpfeffer-Molke. Foto: Markus Edgar Ruf
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Sternerestaurants brechen das Eis der Unlockerheit mit ihnen und bescheren den Gästen eine gläserne Produktion. Sie sind Marketingwerkzeuge und angesagte Abwechslung im Restaurant- und Küchenalltag. Zu Besuch beim Phänomen Küchenparty.

VON ANNA-LENA GRÖNER

In leichtem Nieselregen und im Rücken von „Manis Schnellimbiss“ stehen die Gäste an diesem Sonntagabend im Oktober für die erste Küchenparty des Restaurant „Eckert“ in Grenzach Wyhlen Schlange. Anstehen ist man als Partygänger gewohnt, doch heute kommt ins Sternerestaurant nahe der Schweizer Grenze nur rein, wer auf der Gästeliste steht und einen der begehrten 150 Plätze erstehen konnte.

Mit diesem Exklusivitätsgefühl und einem Champagner-Empfang werden die Besucher auf Bestlaune geprickelt. Die Gäste sind alte Bekannte des Restaurants und Neugierige zwischen 30 und 70 Jahren, gehobener Mittelstand. Man spricht Schweizerdeutsch, Deutsch und Englisch und hat sich für diesen Abend herausgeputzt, nicht overdressed, aber gerne auffällig. Beinahe jedes Restaurant mit Ambitionen richtet so eine Küchenparty inzwischen aus.

Statt an eingedeckten Tischen Platz zu nehmen, plaudern die Eckert-Gäste an Stehtischen oder flanieren durch den leergeräumten Gastraum. Dazu Souliges und Funkiges vom Plattenteller und erste Amuse- Bouches, die gereicht werden.

Gastgeber Nicolai Wiedmer begrüßt die Gäste im sympathischen Alemannisch und stellt, begleitet von johlendem Applaus, die Stars des Abends vor, die sich in einem Halbkreis vor dem DJ-Pult aufgestellt haben: Neben vier männlichen Kochgrößen steht fast etwas unscheinbar Tanja Grandits, zwei-Sterne-Köchin des „Stucki“ in Basel, zweifach zum Schweizer „Koch des Jahres“ durch den Gault Millau ausgezeichnet.

Die 49-Jährige war Wiedmers Mentorin, bei ihr hat der 27-Jährige gelernt, mit ihr verbindet ihn bis heute eine Freundschaft. Erst Anfang Oktober konnte man Grandits an der Seite von Tim Mälzer in der VOX Sendung „Kitchen Impossible“ sehen. Hier überzeugte die zierliche Schwäbin neben ihrem offensichtlichen Kochtalent vor allem damit, wie sie mit leisen und charmanten Tönen die oft vulgären Touretteausbrüche des Fernsehkochs konterte. Grandits braucht vermutlich kein extra Marketing, sondern leistet an diesem Abend in Grenzach einen Freundschaftsdienst.

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Durchatmen und ein Gläschen Wein trinken: Tanja Grandits mit ihrer Küchenparty-Hilfe nach getaner Arbeit.
Fotos: Markus Edgar Ruf

Ausschließlich Spitzenköche…

kochen bei der Eckert-Küchenparty. Die Gäste zahlen dafür 160 Euro. Ums Geldverdienen geht es dabei nicht. Der Verdienst gleicht die Aufwandskosten aus – wenn überhaupt. Aber was treibt ausgelastete Köche zur Genuss-Hochsaison, in der Weihnachtsfeiern, Familienessen und Festtagsmenüs anstehen, dazu, einen Extraabend in fremder Arbeitsumgebung zu leisten?

Die Süddeutsche Zeitung schrieb vor wenigen Wochen im Artikel „Die Reifeprüfung“, dass „immer mehr Köche um Gäste konkurrieren, weil die Zahl deutscher Sternelokale in den vergangenen zehn Jahren von 216 auf 309 gestiegen ist.“ Von Konkurrenz ist an diesem Oktoberabend jedoch nichts zu spüren. Man gibt sich als große Familie, ein Team, das sich gegenseitig unterstützt, das Können des Kollegen schätzt.

Marketing sei ein Antrieb für solche Events, sagt Nicolas Häberl. Er leitet „Die LOKation“ in Freiburg, ein Eventraum samt Profiküche. Hier finden unter anderem seit 2017 zwei bis drei Mal im Jahr Küchenpartys statt. Und Häberl ist sich sicher: „So wie wir bei unseren Küchenpartys die Eventlocation vermarkten möchten, so wollen die Köche Werbung für ihr Restaurant und ihr Können machen.“

Viele Köche seien Rampensäue und dieses „Talent“ können sie hinter verschlossenen Türen ihrer Restaurantküche nur bedingt ausleben. Christian Singer kennt sich aus mit Köchen und ihrem Hang zum Publikum. Sein Chef: Zwei-Sterne-Koch Tim Raue aus Berlin. Singer wirft in der Eckert-Küche Kaisergranat in die Fritteuse und knetet sie anschließend mit schwarzer Handschuh-Hand vorsichtig durch eine Wasabicreme. „Wir wollen hier natürlich etwas präsentieren, das unser Restaurant auszeichnet“, sagt der 34-Jährige.

Die 180 kleinen Krebse hat Singer abends zuvor von seinen Kollegen „knacken lassen“ und verpackt in einer Kühlbox mit an Bord des Fliegers von Berlin nach Basel genommen. Auch er spricht von einem Werbefaktor, den man bei solchen Küchenpartys erzielen kann, aber auch von profitablem Netzwerken und einem Freundschaftsdienst unter Kollegen.

Statt einem Gruß aus der Küche…

kommen die Gäste bei Küchenpartys zum direkten Hallo an den Herd, können den Köchen auf die Finger schauen, mit ihnen ins Gespräch kommen und ihre so genannten „Signature-Gerichte“ verkosten. Das macht den Charme dieser Events aus.

Dazu DJoder Live-Musik, gute Weine und Hochprozentiges. „Die Faszination solcher Veranstaltungen ist auch, dass man als Gast nicht genau weiß, was passieren wird“, sagt LOKation-Leiter Nicolas Häbel. „Es ist die einmalige Stimmung, die die Gäste zu schätzen wissen. Man läuft rum, kommuniziert und genießt die lockere Atmosphäre – Essen verbindet.“

Nachdem die Küchenstars des Abends, darunter noch Nicolas Marceau aus dem „Drei König“ in Lörrach, Jeroen Achtien, Küchenchef im Restaurant „Sens“ im Hotel Vitznauerhof am Vierwaldstättersee und Pascal Steffen vom „Roots“ in Basel, die letzten Schälchen ausgehändigt haben, mischen sie sich unters Volk (außer Tanja Grandits).

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Das komplette Küchenparty-Team hat’s gerockt – vom Spüler bis zum Spitzenkoch.

Die Musik wird aufgedreht, manches Paar Schuhe ausgezogen und der Gastgeber beweist, dass auch er Rhythmus im Blut hat. Die erste Eckert-Küchenparty ist ein Erfolg. Den Gästen scheint das Essen im Stehen und das Löffeln aus Schälchen trotz 160 gezahlter Euro nichts auszumachen.

Sie lieben das Event mit all seinen Extras: extralange Fonduespieße, über die ein Eckert-Koch geschmolzenen Käse aus dem Kupferkessel laufen lässt oder die extra Gin-Drinks, die von zwei Mitarbeitern des erst kürzlich als beste Bar der Schweiz ausgezeichneten „Angels‘ Share“ in Basel zubereitet werden.

Den normalen Restaurantbesuch können die Gäste schließlich immer haben. Und wann gibt’s die nächste Küchenparty? „Vielleicht im nächsten Jahr“, sagt Nicolai Wiedmer.

DIE NÄCHSTEN KÜCHENPARTYS IN DER REGION

Küchenparty in der KellerWirtschaft, Oberbergen
Wann: 31. Dezember 2019
Wer kocht: Das Küchenteam der KellerWirtschaft
Preis: 145 Euro
Mehr Infos: www.franz-keller.de

Küchenparty #4 im Spielweg, Münstertal
Wann: 12. Januar 2020
Wer kocht: Viktoria Fuchs mit jungen Gastköchen
Preis: 145 Euro
Mehr Infos: www.spielweg.com

LOKation Küchenparty No. 9 „Der Rausch“, Freiburg
Wann: 25. Januar 2020
Wer kocht: Anne und Oliver Rausch. Sie ist mit ihrer Movin‘ Kitchen unterwegs. Er ist Küchenchef im Sternerestaurant „sHerrehus im Hotel Schloss Reinach“ in Freiburg.
Preis: 99 Euro
Mehr Infos: www.die-lokation.de/kuechenparty-no-9

Küchenparty im Parkhotel Adler, Hinterzarten
Wann: 29. Februar 2020
Wer kocht: Das Küchenteam des Parkhotel Adler
Preis: 139 Euro
Mehr Infos: www.parkhoteladler.de  

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