Die Zukunft der Landwirtschaft wird nicht allein im Reagenzglas erforscht. Auf den Versuchsfeldern des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums Augustenberg in Südbaden zeigt sich, welche Kulturpflanzen mit Hitze, Trockenheit und Schaderregern zurechtkommen.
Text: Christine Weis
Die Sonne brennt, das Thermometer zeigt an diesem Nachmittag Ende Juni 38 Grad. Zwei Mitarbeiter des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums Augustenberg (LTZ) entfernen die Insektenschutznetze von den Versuchsparzellen auf einem Acker bei Kollmarsreute. Darunter recken sich Adzuki-, Augen-, Mung- und Sojabohnenpflanzen aus dem staubtrockenen Boden. Geregnet hat es schon lange nicht mehr. „Wir bewässern das Feld bewusst nicht, weil wir herausfinden wollen, ob diese Sorten mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen“, erklärt Andreas Butz, Referatsleiter Ökologischer Landbau beim LTZ. Die zwei Sojasorten auf dem Feld dienen dabei als Vergleich, sie sind hierzulande längst heimisch. Wie sich hingegen Bohnen der Gattung Vigna in den nächsten Monaten entwickeln werden, ist ungewiss. „Es ist wie eine Wundertüte“, sagt Butz.
Eine Wetterstation und mehrere Bodensensoren erfassen kontinuierlich Temperatur, Feuchte und Niederschlag. „Diese hier kommen sehr lückig“, bemerkt Andreas Butz beim Gang durch eine Parzelle Adzukibohnen. „Es wäre schon gut, wenn es regnen würde.“ Die Hitze ist für die Arten, die seit Jahrtausenden in den Subtropen kultiviert werden, weniger das Problem, anhaltende Trockenheit könnte eines werden.



Der Acker wird zwar nicht bewässert und auch nicht gedüngt, dennoch gibt es viel zu tun: eggen, säen, hacken, mulchen, jäten, ernten, Hasenzaun aufstellen. Die Außenstelle Hochburg des LTZ, das zum baden-württembergischen Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat gehört, hat dafür eigene Maschinen, doch vieles ist Handarbeit. Das gehört für die Agrarwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ebenso zum Arbeitsalltag wie Dokumentation, Datenanalysen, Bewertungen und Forschungsberichte.
„Wir sind eine Art Stiftung Warentest für Landwirte.“ – Andreas Butz
Das Versuchsfeld bei Kollmarsreute ist Teil des deutschlandweiten vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz finanzierten Forschungsprojekts „BOENLE“, an dem das LTZ mit weiteren Partnern, darunter die Universität Hohenheim und das Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung, beteiligt ist. Dabei werden Vignabohnen unterschiedlicher Herkunft für den Anbau in Deutschland geprüft, mit dem Ziel, die Vielfalt der Kulturen zu erhöhen. Sie gehören wie auch Erbsen, Linsen, Kichererbsen zur Familie der Körnerleguminosen, die eiweißreich sind. „Einige Sorten wie Soja sind nicht nur gute Proteinlieferanten für Mensch und Tier. Sie haben noch eine weitere tolle Eigenschaft: Sie binden mit ihren Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft und düngen damit sich und den Boden“, erläutert Agrarwissenschaftler Stephan Zeller. Er zieht eine der Pflanzen heraus, die Knöllchenbakterien sind kleine Kugeln an den Wurzeln.
„Einige Sorten wie Soja sind nicht nur gute Proteinlieferanten für Mensch und Tier. Sie haben noch eine weitere tolle Eigenschaft: Sie binden mit ihren Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft und düngen damit sich und den Boden.“ – Stephan Zeller
Ob die Vignabohnen so leistungsfähig wie Sojabohnen unter unserem Klima sind, werde sich noch zeigen. Doch klar sei, dass sie eine höhere Wertschöpfung als Soja haben, weil sie direkt verzehrt und nicht erst noch verarbeitet werden müssen. Die Nachfrage nach pflanzlichen Proteinquellen wie Tofu ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Vor Kurzem berichtete die Süddeutsche Zeitung von Tofuknappheit im Einzelhandel. Hersteller wie das Freiburger Unternehmen Taifun können nachgefragte Mengen aktuell nicht bedienen. Die neuen Bohnen könnten irgendwann eine Ergänzung auf dem Teller sein.
Erdnuss, Mohn, Winterweizen
Rund 20 Kilometer entfernt, in Forchheim am Kaiserstuhl liegt ein weiteres Versuchsfeld. Auf den Flächen wachsen neben Winterweizen, Ackerbohnen, Körnererbsen, Mais, Hafer und Soja auch Kichererbsen, Rispenhirse, Färberdistel, Mohn sowie Erdnüsse. Das LTZ bewirtschaftet in einer fünfgliedrigen Fruchtfolge. Das Rotationssystem vermindert Schaderregerbefall, fördert Bodengesundheit und erhöht die Artenvielfalt, erläutert Stephan Zeller.


Das Weizenfeld ist in Blöcke unterteilt und wirkt von oben wie ein Schachbrett. Jede Sorte wurde mehrfach an verschiedenen Stellen des Feldes in zufälliger Anordnung ausgesät. Damit lassen sich Bodenunterschiede ausgleichen und die Ergebnisse besser vergleichen. „Wir wollen den Landwirtinnen und Landwirten aufzeigen, welche Kulturen künftig interessant sein können“, sagt Agrarwissenschaftlerin Verena Preußner. „Das ist zum Beispiel Färberdistel“, sagt sie und zeigt auf eine Pflanze mit gezahnten Blättern. Daraus werde hochwertiges Speiseöl gewonnen.
„Wir wollen den Landwirtinnen und Landwirten aufzeigen, welche Kulturen künftig interessant sein können.“ – Verena Preußner
Stephan Zeller hebt derweil die Folie über den Erdnüssen an. Vor drei Tagen sei hier noch nichts zu sehen gewesen, jetzt schieben sich die ersten Pflanzen durch den Boden. Anders als der Name vermuten lässt, ist die Erdnuss botanisch eine Hülsenfrucht. Nach der Blüte bohrt sich der Fruchtstängel in die Erde, wo sich die Schoten entwickeln.

„Wir forschen immer mit Blick auf die veränderten Klimabedingungen und darauf, wie sich die Erträge und Nährstoff-versorgung verbessern lässt.“ –Andreas Butz
Im nächsten Abschnitt stehen Mohnpflanzen. Nach der Blüte reifen in den Kapseln jetzt die Samen, wie man sie als Zutaten von Brot oder Müsli kennt. „Wir forschen immer mit Blick auf die veränderten Klimabedingungen und darauf, wie sich die Erträge und Nährstoffversorgung verbessern lässt. Vor allem geht es aber auch um die Wirtschaftlichkeit und die Zukunftssicherung der heimischen Bio-Landwirtschaft“, sagt Andreas Butz. Denn am Ende müsse sich ein Produkt auch vermarkten lassen. Das LTZ prüft die Sorten unabhängig und veröffentlicht die Ergebnisse frei zugänglich. „Wir sind eine Art Stiftung Warentest für Landwirte.“
Vom Feld ins Labor
Vom staubigen Versuchsfeld geht es hinauf auf zum Campus Hochburg, der auf der Anhöhe knapp unterhalb der gleichnamigen Burg im Emmendinger Ortsteil Windenreute liegt. Hier werden die Daten aus den Feldversuchen ausgewertet, Versuchsreihen geplant, Forschungsergebnisse zusammengefasst und publiziert. Unter der Dachorganisation Kompetenzzentrums Ökologischer Landbau Baden-Württemberg (KÖLBW) arbeiten auf der Hochburg drei Partner zusammen: die LTZ-Außenstelle mit dem Referat Ökologischer Landbau, das Landwirtschaftliche Bildungszentrum Emmendingen-Hochburg für Aus- und Weiterbildung sowie der Praxisbetrieb Hofgut Domäne Hochburg mit Ackerbau, Grünland und Tierhaltung.
Josef Schimetschek koordiniert das KÖLBW, das Lehre, Forschung und Praxis miteinander verzahnt und auch das Netzwerk zu Biobetrieben knüpft. „Der Klimawandel ist ein zentraler Treiber, aber nicht der einzige, der uns beschäftigt“, sagt der Agrarwissenschaftler. Weitere Herausforderungen sieht er im Verlust der Biodiversität, dem Strukturwandel in der Landwirtschaft und den veränderten Märkten durch neue Ernährungsgewohnheiten. Ein weiterer Schwerpunkt sei die Frage, wie Nährstoffe künftig stärker im Kreislauf gehalten werden können – etwa durch organischen Dünger. Angesichts weltweit knapper werdender Rohstoffe, geopolitischer Spannungen und der damit verbundenen Lieferkettenprobleme gehe es auch darum, die Landwirtschaft unabhängiger zu machen.

„Der Klimawandel ist ein zentraler Treiber, aber nicht der einzige, der uns beschäftigt.“– Josef Schimetschek
„Wir suchen mit unseren Forschungen nach Antworten auf all diese Fragen“, sagt Butz. Freilich nicht allein: Der Standort Hochburg mit 15 Mitarbeitenden ist nur ein Teil des LTZ, das insgesamt sechs Außenstellen und den Hauptsitz in Karlsruhe-Durlach auf dem Augustenberg hat. 350 Mitarbeitende zählt das Institut. Die Bereiche umfassen Saatgut, Pflanzenbau und -schutz, Anbausysteme. Auf der Hochburg geht es um den Ökologischen Landbau mit dem Schwerpunkt Ackerbau, der neben den Saatenversuchen viele weitere Themen umfasst. Als Beispiele nennt Butz den biologischen Pflanzenschutz etwa die Bekämpfung des Maiszünsler-Schädlings mit Schlupfwespen, Grüngutkomposte, Blattdünger, Mulch- und Direktsaatsysteme und Hacktechniken.
Was draußen auf den Feldern geerntet, gesammelt und gefangen wird, geht zur Analyse an die Labore ins Stammhaus auf den Durlacher Augustenberg. Dort prüfen Fachleute Saatgut auf Reinheit oder Keimfähigkeit, Düngemittel auf Nährstoffgehalt, Böden auf Belastungen durch Schadstoffe wie PFAS oder Schwermetalle, identifizieren neue Schaderreger. In der biologischen Diagnostik identifizieren sie außerdem invasive Arten. Dazu gehören etwa die Grüne Reiswanze, der Japankäfer oder die Baumwoll-Kapseleule. Letztere ist in den Tropen und Subtropen verbreitet, seit einigen Jahren kommt sie auch hierzulande vor. Die Forschenden des LTZ haben den eingewanderten Schädling bei den Kichererbsen in Forchheim gesichtet.