Gerade in der Corona-Krise kann Kunst ein Kraftgeber sein – das ist die Meinung von Elisabeth Fünfgeld von der Riegeler Kumedi und Jürgen Alexander Weber vom Cala Theater in Freiburg. Über die gesellschaftliche Relevanz der Kultur.
VON CHRISTINE WEIS
Am letzten Tag vor dem zweiten Lockdown waren die Aufführungen in der Kumedi und im Cala Theater restlos ausgebucht. Die Leute wollten nochmal Kultur tanken, ehe der Vorhang wieder für lange Zeit fällt. Dabei geht es um viel mehr als Entertainment: „Wir geben seelischen Input, liefern Denkanstöße, regen Diskurse an und bringen die Menschen zusammen“, sagt Elisabeth Fünfgeld, „doch die Politik behandelt uns gerade wie ein Stiefkind“.
Man spürt während des Telefonats, wie stark sie für die Künstler und ihre Kumedi brennt. Um unbekannte Künstler aufzubauen, folgt sie dem Prinzip der Mischkalkulation. Bekannte regionale Größen wie Matthias Deutschmann oder Bea von Malchus ziehen Publikum ins Haus, in deren Fahrwasser schwimmen dann Newcomer wie der Kabarettist René Sydow nach Riegel.
Das Privattheater wurde 1981 von ihrem 2016 verstorbenen Mann und Schauspieler Klaus Spürkel in Nimburg gegründet. Heute leitet es Fünfgeld zusammen mit Anja Weis und Roman Schneider. Ihr Feuer wird schwächer, wenn sie an die Zukunft, die finanziellen Einbußen und die wirtschaftliche Notlage vieler Kulturschaffender denkt. Sie sei wie gelähmt, es fehle an Planungssicherheit. Gerade lief alles wieder gut an, wenn auch mit enormem Mehraufwand.
Das Hygienekonzept hat funktioniert, Ersatztermine waren gebucht, Tickets verkauft. Die Anstrengungen waren fast umsonst, jetzt heißt es wieder: abwarten, absagen, umbuchen. Die Kumedi hat bis jetzt überlebt – vor allem durch Spenden von Menschen, die unterstützen wollen, weil sie wissen, wie wichtig Kunst und Kultur ist. Wann die finanzielle Hilfe vom Staat kommt, ist noch ungewiss.
Kulturorte sollten vorrangig wieder öffnen
Sollte es zu Entschärfung der Corona-Maßnahmen kommen, dann seien Kulturorte vorrangig zu öffnen, forderte der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Dabei verweist der SPD-Politiker „auf den besonderen Rang der Kunstfreiheit in unserer Verfassung“, und dass Bühnen im regionalen und städtischen Kontext als gesellschaftliche Räume wirken.
Das unterstreicht Jürgen Alexander Weber, Leiter des Cala Theaters in Freiburg. Seit 2012 betreibt er zusammen mit Tanja Mayer das ehemalige Galli-Theater an der Haslacher Straße. Er beobachtet mit Sorge, dass die Kultur in den aktuellen Debatten zu wenig vorkomme – auch medial spiele sie nur eine Nebenrolle. „Dabei ist sie sinnstiftend, bietet Reflexionen und öffnet Resonanzräume. Sie ist ein wichtiger Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft und gehört in deren Mitte, nicht an den Rand“, sagt Weber.
Es fehlt an einer langfristigen Strategie im Umgang mit der Corona-Pandemie
Auch wirtschaftlich ist die Veranstaltungsbranche nicht zu unterschätzen. Laut dem Forschungsinstitut der Live-Kommunikationsbranche Rifel sind 1,5 Millionen Beschäftigte in dem Sektor tätig. Weber musste bereits Personal entlassen. Zwei Schauspieler wechselten in andere Jobs. 90 Prozent Einnahmeverluste stehen zu Buche. Nach dem Boom 2019 war das in diesem Jahr eine Vollbremsung für das Theater. Weber ist verärgert über die wöchentlich wechselnden Ad-hoc-Verordnungen, die einen Spielbetrieb unmöglich machen. Die Subventionen sind gut, aber ungenügend und werden enorm zeitversetzt ausbezahlt. Die Entscheidungen, wie viel Unterstützung es gibt, sind zudem intransparent.
Was ihn noch mehr aufwühlt, ist, dass die verantwortlichen Politiker keine visionäre Strategie außer der „Hoffnung Impfung“ haben. „Die Aussicht auf Öffnung der Kulturorte, wo die Seele der verängstigten Menschen gesunden kann“, wäre in seinen Augen eine positive Vision. Seine Erfahrung ist, dass Theater die Menschen emotional berührt, sie aus dem Alltag rausholt und ihnen Kraft gibt, deshalb will er und sein Team weitermachen – irgendwie. Die Komödie „Jahre später – gleiche Zeit“ von Bernard Slade haben sie für die Zeit nach dem Lockdown dafür schon mal eingespielt.