Die Basis im Vereinsfußball ist die Kreisliga. Hier treten in Südbaden allein bei den Herren mehr als tausend Teams in fast siebzig Ligen gegeneinander an, mit mehr oder weniger großen Ambitionen. Denn es geht nicht nur um Sport.
Text: Kathrin Ermert
Sonntagnachmittags geht es am Rand des Bad Krozinger Ortsteils Schlatt ähnlich zu wie in vielen Dörfern und Städten im Land: Kreisligaspieltag. Die erste Herrenmannschaft der DJK Schlatt tritt zum Heimspiel gegen die SpVgg. Ehrenkirchen an. Gut hundert Menschen verfolgen das Match am Spielfeldrand und von der Terrasse des Vereinsheims aus, wo es Bier, Limo und Aperol gibt. Natürlich auch einen Wurststand. Die Stimmung ist gut – schon zur Halbzeit steht es 4:1. Die DJK Schlatt ist einer von 153 Vereinen im Freiburger Bezirk des Südbadischen Fußballverbands (SBFV). Die erste Mannschaft spielt in der Kreisliga B4 und träumt ein bisschen vom Aufstieg in die nächsthöhere Kreisliga A. Das zweite Team aus der Kreisliga C kann weder ab- noch aufsteigen. Die Kreisligen sind die niedrigsten Spielklassen. Zwischen Baden-Baden und dem Bodensee, dem Einzugsgebiet des Südbadischen Fußballverbands, gibt es im Amateursport der Männer eine Verbandsliga, drei Landes,- sechs Bezirks- und 67 Kreisligen.
Für den Fußball und fürs Dorfleben
In der zweiten Halbzeit erklingt die Tormusik zwei weitere Male. Endergebnis: 6:1. Stephan Zeller bedankt sich bei den Fußballern und beim Publikum, schiebt den Regler zu dem von Spielern selbst eingesungenen Abschlusslied „60 Jahre die Schlatter“ und hat jetzt Zeit für ein Gespräch. Der 48-Jährige ist Vorstand, Sprecher und Organisator der DJK Schlatt. Außerdem trainiert er die Jüngsten, die G-Jugend, in der seine eigenen beiden Söhne, 4 und 7 Jahre alt, spielen. Sein Bruder Andreas Zeller (56) ist Trainer der C-Jugend, dessen 22- und 24-jährigen Söhne spielen aktiv bei den Herren und trainieren auch Jugendliche. Zusammen mit Benjamin Winkler bilden Stephan und Andreas Zeller das Vorstandstrio. Das Engagement im Verein ist Familientradition. Schon Vater Manfred Zeller war Vorstand und ist heute noch bei jedem Heimspiel dabei. Die Söhne kickten viele Jahre in der ersten Mannschaft, kamen dafür auch während des Studiums jedes Wochenende heim. Stephan Zeller arbeitet als Agrarwissenschaftler beim Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg in Emmendingen. Andreas Zeller ist Entwicklungsingenieur und für die IKA-Werke in Staufen tätig.

„Wir würden eher mit nur einer Mannschaft weitermachen als mit einem anderen Verein zu fusionieren. Sonst geht was verloren fürs Dorf.“ – Stephan Zeller, DJK Schlatt
Mindestens zehn Stunden pro Woche engagieren sich die Brüder für den Verein. Es geht ihnen nicht nur um Fußball, sondern auch ums Dorfleben. Die Eigenständigkeit der DJK sei wichtiger als der sportliche Erfolg, sie würden eher mit nur einer Mannschaft weitermachen als mit einem anderen Verein zu fusionieren. „Sonst geht was verloren fürs Dorf“, sagt Stephan Zeller, der in einem weiteren Ehrenamt Ortsvorsteher ist. Zum Beispiel das jährliche Mundarttheater, das die DJK Anfang jeden Jahres veranstaltet. Aktive und ehemalige Spieler sowie Angehörige führen einen „Schwank in drei Akten“ vor und füllen an zwei Abenden die Quellenhalle in Schlatt, in die mehr als 300 Menschen passen. Rund 1300 Menschen wohnen in Schlatt, etwa ein Drittel davon sind Mitglied in der DJK.






Die Theaterabende samt Tombola finanzieren den Verein ebenso wie Mitgliedsbeiträge und Werbeeinnahmen. Dazu kommen kleinere Beträge wie das Eintrittsgeld, das die Klubs in ihrer jeweiligen Staffel gemeinsam festlegen, meist drei Euro pro Spiel. Um Budget und Sponsoren kümmert sich auch der Vorstand. Die Wein- und Spargelhöfe von Martin und Fritz Wassmer, an deren Felder der Fußballplatz grenzt, zählen zu den Sponsoren . „Alle Banden rund um den Platz sind belegt“, betont Andreas Zeller. Doch der Trainingsplatz ist ein Problem, im Winter gleicht er einem Acker. Es braucht einen Kunstrasen, der etwa eine dreiviertel Million Euro kostet. „Allein können wir das nicht stemmen“, sagt Andreas Zeller. Die DJK wirtschafte zwar solide – das 2002 eingeweihte Vereinsheim ist abbezahlt, ebenso die vor 15 Jahren installierte PV-Anlage auf dem Dach –, aber eine Investition in der Größenordnung überfordere den Verein. Mit der von der Stadt Bad Krozingen in Aussicht gestellten Unterstützung von 250.000 Euro würde er es wagen.
Weniger Mannschaften und Engagement
Mit seinen zwei Herrenmannschaften und dem nicht mal sechsstelligen Etat gehört die DJK Schlatt zu den Kleinen im Fußballbezirk. Arno Heger, Leiter des Bezirks Freiburg im Südbadischen Fußballverband (SBFV), schätzt die Jahresbudgets der Klubs durchschnittlich auf 100.000 bis zu 250.000 Euro: „Fast wie kleine Mittelständler.“ Damit hätten die Vereine eine gewisse Wirtschaftskraft – selbst in Summe aber nicht mal ansatzweise die gleiche wie der Proficlub SC Freiburg, der zuletzt gut 160 Millionen Euro umsetzte. Heger weiß, wie schwierig die Finanzierung für die Vereine ist. Sie müssten ordentlich Klinken putzen, selten kämen Unternehmen von sich aus auf sie zu. Firmen, die sich engagieren, täten das vor allem aus regionaler Verbundenheit.

„Die schichtübergreifende Integration, die Vereine in der Kreisliga leisten, ist zusammen mit Sport und Bewegung die beste Sozialarbeit.“ – Arno Heger, Südbadischer Fußballverband
Doch die lässt nach. Die Menschen sind mobiler und weniger verwurzelt. Früher spielten nur Leute aus dem Dorf oder Stadtteil im Verein, heute gebe es mehr Wechsel, damit weniger Identifikation und Engagement, beobachtet Heger. Viele wollten sich nicht dauerhaft verpflichten, höchstens für einzelne Projekte. Dabei gibt es rund ums Spielfeld einiges zu tun: Training, Betreuung, Fahrten, Auf- und Abbau, Kuchen, Grill. Menschen wie die Zellers, die dem Verein vieles unterordnen, werden seltener. „Die Leute stehen lieber auf der anderen Seite der Theke und trinken den Aperol, statt ihn zu mixen“, sagt Heger.
Auch die Zahl der aktiven Männermannschaften im Fußballbezirk Freiburg sank in den vergangenen fünf Jahren von 241 auf 228 (bei den Frauen von 45 auf 41). Der Hauptgrund dafür ist die demografische Entwicklung, ein bisschen aber auch der gesellschaftliche Wandel. „Fußball ist jetzt ein Hobby von vielen“, konstatiert Heger. „Und manche zahlen lieber 100 Euro monatlich fürs Fitnessstudio als 60 Euro Jahresbeitrag für den Verein.“ Darauf reagiert der SBFV mit unverbindlicheren Angeboten. Der Verband plant zum Beispiel eine offene Kleinfeldliga und überlegt, den Rahmenterminplan anzupassen, dass es zum Beispiel ein spielfreies Wochenende pro Monat gibt.
Ein anderer Trend: „Der Amateurfußball scheint sich strukturell immer mehr zum Miniaturbild des Profifußballs zu entwickeln“, schrieb die Wochenzeitung „Die Zeit“ schon 2020. Eine gewisse Professionalisierung sieht Arno Heger auch hier in der Region: Es gebe mehr Wechsel und mitunter schon in der Kreisliga Zahlungen für gute Spieler. Initiativen für ein gemeinsames Agieren der Vereine gegen diese Entwicklung hätten bislang keinen Erfolg gehabt. „Eine freiwillige Verpflichtung, in bestimmten Klassen nichts zu zahlen, würde den Vereinen sehr helfen“, sagt Heger. Warum funktioniert es nicht? „Weil irgendwer immer aufsteigen will.“
Mit Konzept und vielen Schultern
Bei der DJK Schlatt sind die beiden Trainer der Herrenmannschaften die einzigen, die eine Aufwandsentschädigung bekommen. „Wir investieren nicht in Spieler, sondern in die Infrastruktur“, sagt Stephan Zeller. Der gleichen Devise folgt der FC Freiburg-St. Georgen, der vor fünf Jahren sein 100. Jubiläum gefeiert hat und einer der größeren und sportlich erfolgreicheren im Fußballbezirk ist. Kein Geld für Spielerinnen oder Spieler, dafür Aufwandsentschädigungen für junge Trainerinnen und Trainer sowie Investitionen in die Infrastruktur, lautet das Prinzip seit sechs Jahren. „Das war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten“, sagt Tobias Rauber beim Gespräch an einem Dienstagabend im Clubheim am Hüttweg. Der 39-Jährige hat 2018 zusammen mit Andreas Bechtold und Michael App die Leitung des FC Freiburg-St. Georgen übernommen, später kam Jana Kiefer hinzu. Zum erweiterten Führungsteam zählen insgesamt etwa ein Dutzend Köpfe.

„Wir wollen weg vom Dienstleistungsdenken, dass Eltern ihre Kinder hier nur abgeben.“ – Tobias Rauber, FC Freiburg-St. Georgen
Die neue Generation spielte selbst lang aktiv, kommt gut miteinander klar. „Es muss passen, das ist der Schlüssel, um die Verantwortung auf mehr Schultern zu verteilen“, sagt Rauber. Damit das funktioniert, erarbeiteten sie ein Konzept, ehe sie die Vereinsführung übernahmen. Das 70-seitige Leitbild „Wir sind St. Georgen“ enthält Ziele und Maßnahmen, Ideen und Visionen für die Arbeit auf und neben dem Platz. Man merkt: Hier sind Profis am Werk, auch wenn die Vereinsarbeit ehrenamtlich ist. Rauber hat Sportmanagement studiert und auch in seinem Brotjob in der Nachhaltigkeitsabteilung des SC Freiburg mit Breitensport und Nachwuchsarbeit zu tun. Tobias Barth, der sich gemeinsam mit Jana Kiefer beim FC um die Jugendarbeit kümmert, arbeitet hauptamtlich beim SBFV.



„Viele Leute machen bei uns das, was sie beruflich tun“, berichtet Rauber. So kann der Verein viermal im Jahr ein Magazin drucken und mit den Anzeigen darin Geld verdienen, weil sich ein Vereinsmitglied darum kümmert, dem eine Marketingagentur gehört. „Wir wollen weg vom Dienstleistungsdenken, dass Eltern ihre Kinder hier nur abgeben“, erklärt Rauber. Das Engagement funktioniere gut, auch die Mischung aus dem alten Dorf St. Georgen und den Neubaugebieten im Stadtteil. Unter den vielen neuen Trainern – deren Zahl ist seit 2018 von 50 auf 121 gestiegen, die der Mitglieder von 584 auf 1003 – seien etliche Zugezogene. Auch bei Veranstaltungen wie dem St. Georgener Weinfest und dem eigenen Sommerfest sollen die Mitglieder anpacken. Denn das sind weitere wichtige Einnahmequellen. Dazu kommen natürlich Sponsoring und Mitgliedsbeiträge.
Rauber und sein Vorstandsteam sehen die Aufgabe des FC Freiburg-St.Georgen vor allem im Breitensport und der Jugendarbeit für den Stadtteil. Ihnen sind das offene Ü35-Angebot, wo Frauen und Männer zusammen kicken, und die Inklusionsmannschaften ähnlich wichtig wie die drei Herren- und die beiden Frauenmannschaften, die in der Bezirks- beziehungsweise Oberliga spielen. „Die sind unsere Aushängeschilder, aber wir wollen ein Verein für alle sein“, sagt Rauber. Und als solcher laut SBFV-Funktionär Heger wichtig für die Gesellschaft: „Die schichtübergreifende Integration, die Vereine leisten, ist zusammen mit Sport und Bewegung die beste Sozialarbeit.“