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  • Kultur

Italienisches Industriedesign: Bella Figura in Hochdorf

  • 19. Juni 2026
Blick in die Ausstellung "Italia Geniale. Design enables"
Ästhetik trifft Mobilität beim Fahrradhersteller Pinarello.
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Manche Gegenstände erfüllen lediglich eine Aufgabe. Andere werden zu Ikonen. Die sehenswerte Ausstellung „Italia Geniale. Design enables“ in den Geschäftsräumen der Koch Freiburg GmbH versammelt rund 60 Objekte italienischer Designgeschichte – von der Olivetti-Schreibmaschine bis zum Sacco-Sitzsack.

Text: Christine Weis • Fotos: Santiago Fanego

Der Himmel kleidet sich an diesem frühen Abend Ende Mai hellblau, die Sonne strahlt gleißend, ein lauer Wind weht, und selbst um 18 Uhr zeigt das Thermometer noch 30 Grad: Das Wetter passt perfekt zur Vernissage „Italia Geniale. Design enables“ beim Fachgroßhändler Koch in Freiburg-Hochdorf. Meer und Strandcafé sind in weiter Ferne, doch das italienische Lebensgefühl rückt nahe, sobald man durch die Räume flaniert.

Auf den ersten Blick vielleicht ein ungewöhnlicher Ort für eine Ausstellung – und doch auch wieder nicht. Zwischen Werkzeugen, Türbeschlägen, Verkaufsflächen, Lager und Besprechungsräumen zeigen die 60 Exponate italienischer Designgeschichte, dass sie nicht allein Museen gehören, sondern mitten hinein in den Alltag. Bei der Koch Freiburg GmbH hat Kunst ohnehin schon länger einen festen Platz.

„Kunst gehört an den Arbeitsplatz, und sie ist mehr als nur Dekoration.“ – Hans-Peter Koch

„KunstKoch“ heißt das Projekt, das Seniorchef Hans-Peter Koch vor 15 Jahren startete, seitdem gibt es regelmäßige Ausstellungen in den Geschäftsräumen mit Werken regionaler Künstlerinnen und Künstler. „Kunst gehört an den Arbeitsplatz“, sagt er bei Begrüßung, „und sie ist mehr als nur Dekoration“. Sie berühre Geist und Sinne, fördere Kreativität. Auch an diesem Abend hängen im Foyer, im Treppenhaus und in den Fluren einige großformatige Arbeiten etwa von den Freiburger Malern Martin Kasper und Herbert X. Maier. Sie ziehen die Blicke der Gäste an, doch sie müssen sich die Aufmerksamkeit teilen: Die Hauptdarsteller sind in den nächsten Wochen unteren anderem eine Olivetti-Schreibmaschine, ein von Mario Bellini entworfenes rotes Sofa, eine Tischlampe namens Atollo von Vico Magistretti, eine elektrische Vespa von Piaggio, Rennräder der Marke Pinarello, der von Gaetano Pesce für Cassina entworfene Sesselthron Feltri oder der von Michael Graves kreierte Wasserkessel aus dem Hause Alessi.

Nemo Sessel von Fabio Novembre
Sofa von Mario Bellini

Die Wanderausstellung wurde vom italienischen Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und vom italienischen Außenministerium gefördert und unter Mitwirkung der Associazione per il Disegno Industriale, kurz ADI, entwickelt. Sie war bereits in Dubai, Tokio, Mumbai und Stockholm zu sehen. Nun also Hochdorf. Das klingt ein wenig überraschend, aber an diesem Abend wirkt es erstaunlich selbstverständlich. Nach Freiburg geholt wurde die Ausstellung vom Italienischen Konsulat in Freiburg. Konsul Pietro Falcone bedankt sich bei allen Beteiligten, insbesondere auch bei den Mitarbeitenden von Koch. In seiner Ansprache macht er deutlich: Hier sei nicht einfach eine Ausstellung aufgebaut worden, sondern hier wurde etwas ermöglicht.

Italienisches Lebensgefühl, nicht ohne Espresso und Vespa.

Espresso und Vespa

Kunsthistorikerin Antje Lechleiter nimmt die Gäste anschließend in ihrem Vortrag mit auf eine Reise durch die Designgeschichte Italiens und unterstreicht damit die Konzeption der Ausstellung. Die Exponate sind fünf Themenbereichen zugeordnet: Work-able, Move-able, Imagin-able, Live-able und Relation-able. Es geht also um Arbeit, Bewegung, Vorstellungskraft, Leben und Beziehung.

Der Rundgang beginnt im Verkaufsbereich mit Work-able. Hier begegnen sich Werkzeuge im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Danach führt Move-able ins Lager zu den Fahrzeugen. Im Foyer öffnet Imagin-able den Raum für Ideen und Fantasie. Live-able und Relation-able im ersten Stock lenken den Fokus auf Gesundheit, Genuss und Geselligkeit.

Anhand der Objekte lässt sich die Entwicklung des italienischen Designs ab den 1930er-Jahren bis heute nachvollziehen. Als frühes Beispiel nennt Lechleiter den 1933 von Alfonso Bialetti entworfenen achteckigen Espressokocher Moka Express. Vom Wachmacher leitet sie über zur Vespa von Piaggio, deren Geburtsjahr auf 1946 datiert ist. An dem motorisierten Zweirad zeigt sich, wie italienisches Design Funktion und Lebensgefühl miteinander verbindet, die Vespa wurde zum Symbol für Freiheit, Leichtigkeit und moderne Mobilität. Die Wirtschaftswunderjahre waren durch das sogenannte Bel Design geprägt. Während in Deutschland die nüchterne Form im Geist des Bauhauses vorherrschte, verstand man in Italien Gestaltung als Ausdruck und Zeichen der Lebensfreude. Unternehmen wie Olivetti, Kartell oder B&B Italia sowie Designer wie Ettore Sottsass, Marco Zanuso und Mario Bellini schufen Gegenstände mit beinahe skulpturalem Charakter und Namen wie „Valentine“, „Tizio“ oder „Aldo“. Im Gegensatz dazu benannte der deutsche Hersteller Braun seine Produkte mit nüchternen technischen Bezeichnungen wie „TS 45“ oder „S 50“.

Tragbarer TV von Marco Zanuso passend zum Sitzsack Sacco von Petro Gatti, Franco Teodoro und Cesare Paolini. Schöne Namen: Olivetti Valentine heißt die von Ettore Sottsass entworfene Schreibmaschine. Mirella die Nähmaschine von Vittorio Necchi.

Ende der 1960er-Jahre geriet diese Stilrichtung des Bel Design zunehmend in die Kritik. Mit dem Radical Design entstand eine Bewegung, die gesellschaftliche und politische Fragen in den Mittelpunkt rückte. Die Postmoderne der 1980er-Jahre wurde vor allem von der Mailänder Gruppe Memphis geprägt. Sie wandte sich gegen die Strenge des Funktionalismus und setzte auf spielerische Formen. Möbel sollten Geschichten erzählen und Emotionen wecken. Seit den 1990er-Jahren entwickelte sich einerseits eine neue Sachlichkeit mit klaren, reduzierten Formen, andererseits blieb Raum für verspielte Gestaltung, wie sie etwa die Haushaltsgegenstände von Alessi verkörpern. Bekannt ist der von Alessandro Mendini 1994 entworfene Korkenzieher in Form einer stilisierte Frauenfigur.

Heute stehen im italienischen Design Nachhaltigkeit und Verantwortung im Vordergrund, die sich im schonenden Umgang mit Ressourcen und in langlebigen Produkten äußern. Der kreative Erfindergeist Italiens sei nach wie vor ungebrochen, so Antje Lechleiter. Zum Abschluss stellt sie die Frage: Was macht einen Gegenstand zu mehr als nur einem Gegenstand? Und sie animiert die Gäste, die Antwort in der Ausstellung selbst zu finden.

„Italia geniale. Design enables“ läuft noch bis zum 20. Juli 2026, zu sehen bei Koch Freiburg, Hanferstraße 26, 79108 Freiburg, die Öffnungszeiten sind Montag bis Donnerstag von 10 bis 16 Uhr und am Freitag von 10 bis 14 Uhr.
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