Das Medizintechnikunternehmen Intuitive Surgical Optics ist nun mit allen Abteilungen im Freiburger Industriegebiet Nord angekommen. Zuletzt ist die Produktion in den Neubau eingezogen. Ein Besuch.
Text: Christine Weis
„Meine Mutter ist vor Kurzem mit einem Da-Vinci-System operiert worden“, sagt Harald Haigis bei der Führung Mitte Juli durch den Freiburger Firmensitz der Intuitive Surgical Optics GmbH, deren Geschäftsführer der 59-Jährige ist. Damit zählt sie zu den rund 20 Millionen Patientinnen und Patienten, die mit dieser minimalinvasiven Technologie operiert wurden. Der Name „da Vinci“ bezieht sich auf den italienischen Maler und Universalgelehrten Leonardo da Vinci, der sich unter anderem mit der Anatomie des Menschen wie auch der Mechanik beschäftigte und bereits um 1495 eine Art Roboter entwarf. Das nach ihm benannte Operationssystem wurde 1999 erstmals eingesetzt. Entwickelt hat es der kalifornische Konzern Intuitive Surgical, der zuletzt einen Umsatz von rund 10 Milliarden US-Dollar verzeichnete und nach eigenen Angaben Pionier der roboter-assistierten Chirurgie ist.
„Jetzt sind wir wieder alle unter einem Dach.“ – Harald Haigis
2019 übernahm Intuitive das Robotik-Endoskopie-Geschäft des Denzlinger Unternehmens Schölly Fiberoptic, seitdem kommen die Endoskope für das „da Vinci“ aus dem Badischen. Erst aus Emmendingen und seit Neuestem aus Freiburg, wo Intuitive Ende 2024 im Industriegebiet Nord einen 60 Millionen Euro teuren Neubau eröffnete. Dort zogen zunächst die Abteilungen Vertrieb, Marketing, Kundensupport, Schulung, Forschung und Entwicklung ein. Nun ist auch die Produktion in der Guerickestraße angekommen. „Jetzt sind wir wieder alle unter einem Dach“, sagt Haigis.

Üben an der Konsole
Global wurden bis dato rund 12.000 Intuitive-Systeme installiert, in Deutschland sind es mehr als 400. Mit einigen davon hat Tilman Schlick operiert. Der Chirurg ist Vice President Medical Affairs & Medical Officer bei Intuitive. „Wir schulen Ärztinnen und Ärzte und OP-Teams im Umgang mit den Technologien. Dabei simulieren wir eine echte OP mit künstlichen Gewebemodellen, die sich ähnlich verhalten wie menschliche Organe“, erklärt der 58-Jährige, während er vom Atrium aus auf das sich über zwei Etagen erstreckende Trainingszentrum deutet – einen der zentralen Bereiche, wie er sagt. „Da Vinci“ wird etwa bei Eingriffen an inneren Organen wie Darm, Leber, Galle oder Milz genutzt. Die häufigsten Anwendungen gab es bislang in der Urologie, speziell in der Prostatachirurgie mit einem Anteil bis zu 95 Prozent. Die Nachfrage in der Allgemeinchirurgie wachse jedoch dynamisch.
„Wir schulen Ärztinnen und Ärzte und OP-Teams im Umgang mit den Technologien. Dabei simulieren wir eine echte OP mit künstlichen Gewebemodellen, die sich ähnlich verhalten wie menschliche Organe.“ – Tilmann Schlick
Vereinfacht funktioniert „da Vinci“ wie folgt: Über kleine Öffnungen werden Instrumente wie Zange oder Schere und eine Kamera in den Körper eingeführt, diese steuert der Chirurg oder die Chirurgin von einer Konsole aus. Das Operationsgebiet erscheint dreidimensional und stark vergrößert auf dem Bildschirm. Eine computergesteuerte Technik überträgt die Handbewegungen des Operateurs in präzise Bewegungen der Instrumente. „Das Verfahren ist patientenschonend“, sagt Tilman Schlick.
Das System kann zudem Bewegungsabläufe erfassen und sichtbar machen, wie sich etwa die Arbeitsweise von Anfängern gegenüber von erfahrenen Operateuren unterscheidet. Der Mediziner erklärt, dass Profis meist kleinere, gezieltere und effizientere Bewegungen ausführen. Solche Erkenntnisse könnten künftig stärker in die chirurgische Ausbildung einfließen. Denkbar sei auch, dass man perspektivisch eine Teilautomatisierung bestimmter OP-Schritte ermöglichen könne. Immer mit dem Ziel, wie Schlick betont, die Qualität der Chirurgie zu verbessern und damit die Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Gleich im Eingangsbereich des neuen Gebäudes befindet sich das Customer Experience Center, wo Mitarbeitende sowie Kundinnen und Kunden auch ohne OP-Simulation die komplexen Maschinen ausprobieren können. Neben verschiedenen Ausführungen des „da Vincis“ präsentieren Harald Haigis und Tilman Schlick das computerbasierte Bronchoskopie-System Ion. Mit diesem Gerät lassen sich tief in der Lunge liegende Knoten erreichen, um gezielt Gewebeproben zu entnehmen. Dadurch könne man Lungenkrebs früher erkennen und behandeln. Seit Kurzem ist das Lungenkrebs-Screening in Deutschland eine Kassenleistung für Menschen ab 50 Jahren, die rauchen oder geraucht haben. Die Bedeutung präziser Diagnoseverfahren, wie es Ion liefert, werde in Deutschland zunehmen, ist Tilman Schlick überzeugt.

Effizienter Warenfluss und Hightech-Produktion
„Vertikale Fabrik“ nennt Harald Haigis das 30 Meter hohe Regallager mit 1100 Stellplätzen und 40.000 Boxen. Computergesteuerte Kisten, sogenannte Arcs, sausen auf Förderbändern hin und her. Gesteuert durch ein zentrales Lagerverwaltungssystem, versorgen sie rund um die Uhr sämtliche Produktionsbereiche mit Material. „Damit haben wir kurze Wege und effiziente Abläufe“, erläutert der Firmenchef. An einem der Montagearbeitsplätze verdeutlicht Haigis, wie lückenlos sämtliche Prozesse dokumentiert werden. Der Mitarbeiter meldet sich mit seiner persönlichen Karte an. Auf einem Bildschirm erscheinen die einzelnen Arbeitsschritte. Werkzeuge und sämtliche Materialien sind per Barcode erfasst und dem jeweiligen Auftrag zugeordnet. Jedes fertige Endoskop hat eine Seriennummer, über die sich jederzeit nachvollziehen lässt, wer an welchem Schritt beteiligt war. Während und am Ende der Herstellung werden die Bauteile mehrfach kontrolliert. „40 Prozent der Arbeitszeit besteht aus Prüfen“, sagt Haigis.

Dass trotz aller Automatisierung auch Fingerspitzengefühl gefragt ist, zeigt sich in der Abteilung Faseroptik. Ein Mitarbeiter richtet hauchdünne Glasfasern von Hand nebeneinander aus. Sie sind mit nur 50 Mikrometer extrem dünn – ungefähr so fein wie ein menschliches Haar. Nachdem sie ausgelegt sind, werden sie verklebt, ausgehärtet und zu einem Glasfaserkabel verarbeitet, das später im Endoskop das Bild aus dem Körperinneren überträgt. „Wir haben für diesen Bereich einen Friseur eingestellt“, erzählt Haigis. „Er war den Umgang mit feinen Haaren gewohnt und hat sich hier schnell zurechtgefunden.“
„40 Prozent der Arbeitszeit besteht aus Prüfen.“ – Harald Haigis
Der Friseur ist einer von rund 500 Beschäftigten, bald könnten es mehr werden, denn der Gebäudekomplex ist für bis zu 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgelegt. Die Expansion ist offenbar noch nicht abgeschlossen: Nach Angaben von Harald Haigis gibt es bereits Überlegungen, den Campus zu erweitern. Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden – von den insgesamt 30.000 Quadratmetern Grundstücksfläche sind derzeit noch rund 10.000 Quadratmeter unbebaut.