Vielerorts werden klassische Schwimmbäder zu Naturfreibädern umgebaut. Warum deren Bau und Betrieb deutlich günstiger sind, wie Wasserreinigung ohne Chlor funktioniert und vor welchen Problemen die Betreiber der biologischen Alternativen manchmal stehen, erklären zwei Experten.
Text: Julia Donáth-Kneer
Klar ist das Wasser zwar nicht, aber dafür schön kühl, herrlich erfrischend und angenehm auf der Haut. In der Troase in Trossingen ist an diesem Sonntagvormittag noch nicht viel los. Auch hier oben, auf mehr als 700 Metern Höhe, ist die Hitze der vergangenen Wochen angekommen. Der Ausflug ins Freibad daher Standard für viele Familien. Die Troase ist aber kein herkömmliches Schwimmbad. Seit 2005 wird sie als Naturfreibad betrieben. Naturfreibäder sind künstlich angelegte Freibäder, deren Wasser biologisch statt chemisch gereinigt wird. Sie sehen aus wie klassische Freibäder mit Schwimmbecken, Liegewiesen und Infrastruktur. In Trossingen gibt es zum Beispiel einen Kiosk mit Plastikstühlen und roten Sonnenschirmen, Umkleidekabinen, Sanitärbereiche, Babybecken, Wasserrutsche, Seilbahn und Spielplatz. „Das Wasser besteht ausschließlich aus Trinkwasser“, sagt Daniel Sasse, Badleiter in Trossingen. Der große Unterschied ist die Wasseraufbereitung – sie macht auch einen optischen Unterschied: Im Naturfreibad leben etwa 120 bis 180 verschiedene Tier- und Pflanzenarten sowie Mikroorganismen. Diese Lebensgemeinschaft ist Bestandteil des biologischen Reinigungssystems.
Die Qualität ist aber ebenso hoch wie bei klarem Chlorwasser. Bei Naturfreibädern gelten dieselben Anforderungen, was Personal, Badeaufsicht, Hygienevorschriften, Qualitäts- und Sicherheitsstandards angeht, betont Michael Meßner, Pressesprecher des DGFNB (Deutsche Gesellschaft für naturnahe Badegewässer) am Telefon, Meßner lebt in Adendorf bei Lüneburg. „Es gibt inzwischen sogar gemeinsame Schulungen mit der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen“, erklärt der Sprecher des Vereins, zu dem deutschlandweit rund 300 Mitglieder aus den Bereichen Planung, Bau, Betrieb und Gutachten naturnaher Badeanlagen gehören. „Der wesentliche Unterschied ist natürlich, dass Naturfreibäder kein Chlor einsetzen, weswegen die Schulung für den Umgang mit gefährlichen Stoffen entfällt.“

Rund 300 Naturfreibäder gibt es laut DGFNB momentan deutschlandweit. „Tendenz steigend“, sagt Meßner. Jedes Jahr kämen zehn bis zwanzig neue Anlagen hinzu – sowohl Neubauten, aber vor allem sind es Umrüstungen bestehender Freibäder. Denn viele Naturfreibäder sind aus ehemaligen Freibädern entstanden. Allein in der Region Südbaden sind das mehrere: etwa in Sulz, Schonach oder eben in Trossingen. Hier wurde das Bad 1952 als klassisches Freibad eröffnet. Doch 2003 gab es ein schwerwiegendes Problem am Blockheizkraftwerk, das eine umfangreiche Sanierung nötig machte. Die Stadt wollte die hohen Kosten nicht tragen, das Bad sollte geschlossen werden. In Folge kam es zu Widerstand aus der Bevölkerung, sagt Daniel Sasse, und erzählt von Demonstrationen auf dem Rathausplatz. Sasse hat den Umbau damals nicht selbst miterlebt, kann nur berichten, was er im Laufe der Jahre mitbekommen hat. Es wurde ein Förderverein gegründet und mit der Unterstützung zahlreicher Sponsoren, darunter Bauunternehmen, die Maschinen, Geräte und Material zur Verfügung stellten, sowie Spenden konnte das Bad innerhalb von zwei Jahre umgebaut werden und eröffnete 2005 als Naturfreibad.
„Viel Aufwand entfällt beim Naturfreibad weitgehend. Statt Wasser auszutauschen, reguliert sich die Biologie selbst.“ Michael Meßner
Das Schwimmbecken blieb erhalten, wurde mit einer Folie ausgekleidet und um 25 Meter auf insgesamt 75 Meter Länge vergrößert, damit ein Sprungbereich mit zwei Felstürmen Platz findet, berichtet Daniel Sasse. Die alte Chlortechnik wurde entfernt, stattdessen installierte man eine große Förderpumpe und passte die Wasserleitungen an. Insgesamt lagen die Materialkosten bei rund 1,5 Millionen Euro, dazu kommen die Eigenleistungen des Fördervereins.
Geringere Kosten
Insgesamt ist der Betrieb eines Naturfreibads etwa 20 Prozent günstiger als der eines konventionellen Freibads, erklärt Sasse. „Zwar ist der Reinigungsaufwand höher, dafür entfallen die Kosten für Chlor sowie die aufwendige Chlortechnik“, sagt er. Der Kostentreiber in klassischen Freibädern sind die mechanischen Sandfilter, durch die das gesamte Wasser regelmäßig mit hohem Energieaufwand gepumpt werden muss. In Naturfreibädern ist die Technik deutlich einfacher und schon im Bau kostengünstiger: Viele Pumpen, Kessel, Leitungen sowie aufwendige Mess-, Regel- und Steuerungstechnik entfallen, einschließlich Software und deren Wartung. „Dadurch sinken Investitions- und Folgekosten erheblich“, betont Michael Meßner. „Zudem entsteht der größte Kostenvorteil durch den wesentlich geringeren Energiebedarf.“ Moderne Naturfreibäder benötigten teilweise nur zwei bis drei Kilowattstunden pro Stunde Betriebsleistung, rechnet der Experte vor. Nicht nur der Energie-, auch der Wasserverbrauch sei geringer. Das liegt daran, dass beide Badtypen zwar Wasser durch Verdunstung verlieren, im konventionellen Freibad kommt jedoch das regelmäßige Rückspülen der Sandfilter hinzu. Außerdem muss dort bei hoher Belastung häufiger das Wasser ausgetauscht werden, um Keime oder Schadstoffe zu verdünnen. „All das entfällt beim Naturfreibad weitgehend“, erklärt Meßner. „Statt Wasser auszutauschen, reguliert sich die Biologie selbst.“
Aber wie genau funktioniert das? „Während Chlor Verunreinigungen chemisch bindet und unschädlich macht, übernehmen diese Aufgabe im Naturbad biologische Prozesse mit Pflanzen wie Phyto- und Zooplankton“, erklärt Daniel Sasse, der sich seit vielen Jahren mit dem Element Wasser beschäftigt. Er hat unter anderem zahlreiche meeresbiologische Umweltprojekte begleitet. In Trossingen gibt es den sogenannten Neptunfilter – einen Kiesfilter, der Haare, Hautschuppen und andere Schmutzpartikel filtert und ebenfalls vollständig ohne Chemie auskommt. „Zusätzlich reinigen die Pflanzen im Regenerationsbecken – vor allem Schilf – das Wasser, indem sie Phosphor aufnehmen, der über das Trinkwasser eingetragen wird.“ Chemische Reinigung gibt es übrigens in der Troase durchaus, allerdings nur zum Putzen des Sanitärbereichs.

Daniel Sasse (49) ist zertifizierter Tauchlehrer, arbeitete auf Fuerteventura sowie in Australien und betrieb 16 Jahre lang seine Tauchschule „Poseidon Dive Center“ in Thailand. 2022 kehrte der gebürtige Schwarzwälder in die Heimat zurück und übernahm die Leitung des Naturfreibads Troase in Trossingen.
Beheizt wird das Wasser in der Troase ebenfalls unkonventionell: Das Bad nutzt ein kleines Solarfeld und eine Absorberanlage auf dem Dach, das sind schwarze Schläuche, durch die das Wasser fließt und von der Sonne erwärmt wird. „Damit wird vor allem das Planschbecken beheizt, damit es mindestens 25 Grad erreicht, aber auch dort wird ausschließlich Naturwasser verwendet“, sagt Sasse. Konventionelle Freibäder haben momentan teilweise das gegenteilige Problem, berichtet Meßner, der einen guten Überblick über die Mitgliedsunternehmen im gesamten Bundesgebiet hat. „Bei großer Hitze müssen manche Freibäder das Wasser sogar kühlen. Hohe Temperaturen beschleunigen den Chlorabbau, sodass mehr Chlor nachdosiert werden muss.“ Lange Hitzeperioden können allerdings auch Naturfreibädern zum Verhängnis werden. Liegt die Wassertemperatur dauerhaft über 25 Grad, könnten vermehrt Nährstoffe ins Wasser gelangen. „Dann kann das biologische Gleichgewicht kurzfristig außer Balance geraten“, sagt Sasse. In Trossingen wird in solchen Fällen kaltes Frischwasser mit etwa 14 Grad zugeführt, um die Temperatur wieder zu senken. Im ungünstigen Fall bleiben dann die Türen für ein, zwei Tage geschlossen, bis sich das System wieder stabilisiert hat. Das käme aber nur sehr selten vor.
„Viele hatten zu Beginn Bedenken und hielten das Wasser für weniger sauber. Das hat sich deutlich geändert.“ Daniel Sasse, Troase
Generell kommen Naturfreibäder mit Wetterextremen besser zurecht, betont Michael Meßner. Durch ihre biologische Stabilität reagieren sie etwa deutlich gelassener auf Starkregen. „Während Regenwasser in Chlor-Schwimmbädern viele Wasserparameter verändert, bleibt das biologische System im Naturfreibad vergleichsweise stabil“, sagt der Experte.
Trotz der naturnahen und nachhaltigen Ausrichtung begegnen Naturfreibädern aber immer wieder Zweifel und Vorurteile. Erst kürzlich verhinderte zum Beispiel in Schopfheim ein Bürgerentscheid den Umbau des dortigen Schwimmbads zum Naturfreibad. Widerstände ist Michael Meßner gewohnt: „Meist geht es weniger um sachliche Argumente als um Gewohnheiten oder persönliche Interessen“, sagt er. „Früher standen sich Vertreter konventioneller Freibäder und Naturfreibäder sogar über viele Jahre gegenüber. Erst in den vergangenen Jahren ist eine enge Zusammenarbeit entstanden.“ Daniel Sasse aus Trossingen berichtet ähnliches: „Viele Menschen hatten zu Beginn Bedenken und hielten das Wasser für weniger sauber. Das hat sich deutlich geändert. Die Besucherzahlen steigen von Jahr zu Jahr.“