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Vintage Originals: Aufgemöbelt

  • 1. Oktober 2026
Stefan Thoma von Vintage Originals betrachtet Lederstücke
Stefan Thoma lernte mehrere Berufe, vom Bäcker bis zum Blechbauer, und studierte BWL. Seine Leidenschaft für Designmöbel führte ihn schließlich in die Selbstständigkeit
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Vintage Originals in Breisach setzt jährlich Hunderte Eames Lounge Chairs und andere Designklassiker von Vitra instand. Firmenchef Stefan Thoma ist Restaurator, Gutachter und manchmal auch Detektiv. Seine Leidenschaft für besondere Möbel begann mit einem Zufallsfund auf dem Sperrmüll. Heute restaurieren er und sein Team Stühle, Sessel, Sofas oder Tische, die aus der ganzen Welt an den Kaiserstuhl gebracht werden.

Text: Christine Weis • Fotos: Alex Dietrich

Ein wenig verstaubt steht er bescheiden in einer Ecke neben der Holzpressmaschine. Und dabei ist er eine wertvolle Sammlerrarität: der DAF Swag Leg Chair aus den 1950er-Jahren, entworfen vom amerikanischen Industriedesigner George Nelson. Das Besondere an dem Fiberglassitz ist seine geschwungene Rückenlehne mit einer Öffnung, die wie ein Smiley-Gesicht aussieht. „Das ist mein Lieblingsstuhl. Wenn ich mich daraufsetze, bekomme ich immer gute Laune“, scherzt Stefan Thoma. Der Stuhl sei gut in Schuss, nur der Staub lasse sich in einer Holzwerkstatt eben nicht vermeiden.

Überhaupt wirkt der Betrieb von Vintage Originals wie eine Mischung aus Schaudepot, Atelier und Werkstatt mit gleich mehreren Disziplinen. Wohin man schaut, stehen, liegen oder hängen Möbel-Ikonen, dazwischen ihre Einzelteile, Maschinen und Werkzeuge, mit denen sie bearbeitet werden. Holzverarbeitung gehört ebenso zum Portfolio wie Fräs- und Drehtechnik, Feinmechanik oder das Lackieren, Polieren, Polstern und Schneidern.

„Die Möbel, die wir restaurieren, sind industriell gefertigte Produkte, bei denen Holz, Metall, Kunststoff, Lack, Mechanik, Leder und Textilien aufeinandertreffen“, sagt der 55-jährige Firmenchef. Daher müsse man all diese Materialien und ihr Zusammenspiel verstehen. Spätestens hier wird deutlich, warum Stefan Thoma seinen Betrieb nicht Werkstatt, sondern Produktionsstätte nennt. „Wir sind ein von Vitra geprüfter und autorisierter Reparatur- und Restaurationsservice, die Kooperation bezieht sich ausschließlich auf die Dienstleistung, unternehmerisch sind wir eigenständig“, erklärt er.

Plastic Chair von Vitra bei der Restauration
Lackierer bei VIntage Originals in Breisach
Nähwerkstatt bei VIntage Originals in Breisach
Blick ins Innere von Vintage Originals in Breisach.

Die Summe aller Teile

Beim Rundgang spezifiziert Stefan Thoma die Anforderungen am Beispiel eines Action-Office-Schreibtischs von George Nelson aus den 1960ern. „Diesen haben wir in seine Einzelteile zerlegt und Stück für Stück wieder in den Originalzustand versetzt.“ Ein paar Schritte weiter arbeitet Gerhard Jauch an einer mechanischen Drehmaschine, ganz ohne CNC-Steuerung, und fertigt zylindrische Hohlkörper aus Metall, die Lagerbuchsen für das Fußgestell der Eames Lounge Chairs. Der 77-Jährige ist längst in Rente und arbeitet auf Minijob-Basis weiter, weil er an seinem Handwerk hängt. Jede Buchse wird individuell angefertigt, ebenso die passenden Schrauben in Sondergrößen. Neun Mitarbeiter, vom Tischler bis zum Schneider, beschäftigt Stefan Thoma. Seine Frau Martina managt die Gesamtorganisation.

„Die Möbel, die wir restaurieren, sind industriell gefertigte Produkte, bei denen Holz, Metall, Kunststoff, Lack, Mechanik, Leder und Textilien aufeinandertreffen.“ – Stefan Thoma

Traditionelle und neue Technik stehen unmittelbar nebeneinander. In einem weiteren Bereich trägt ein moderner Industrielaser die Lackbeschichtung ab, ohne dabei, wie es beim Schleifen der Fall wäre, Material von der Oberfläche wegzunehmen. Danach werden die Teile gereinigt.

Im oberen Stockwerk wechseln die Gerüche: Metall und Lack weichen Holz und Leder. Hier sind Schreinerei, Polsterei und Schneiderei untergebracht. Zwei Mitarbeiter sind gerade an Näh- und Spaltmaschinen damit beschäftigt, Leder für die Möbel vorzubereiten und Bezüge anzufertigen. Lange Rindslederhäute hängen an großen Haken von der Decke. Braun und Schwarz gehören zu den beliebtesten Farben, grundsätzlich gibt es die Bezüge in vielen Farbtönen.

Ein hellblauer Lounge Chair steht zur Abholung bereit. Er ist für ein Ferienhaus in der Bretagne bestimmt. „Viele kommen persönlich vorbei, suchen sich das Leder vor Ort aus und wollen sehen, wie wir arbeiten“, sagt Thoma. Viele Stücke seien zu Generationenmöbeln geworden. Sie gehörten den Eltern oder Großeltern und werden an Kinder und Enkel weitergegeben. Manche würden mit einem Sessel Erinnerungen an einen verstorbenen Menschen verbinden.

Metallbearbeitung in der Werkstatt von Vintage Originals
Metallbearbeiter in der Werkstatt von VIntage Originals
Präzisionsarbeit: Gerhard Jauch (rechts) arbeitet seit 60 Jahren an einer mechanischen Drehmaschine.

Und überall begegnet man epochalen Einrichtungsklassikern: Plastic Arm Chair, Tandem Seating oder die Garderobe Hang-It-All. An einer Wand hängt ein Elliptical Table, wegen seiner langgezogenen Form auch Surfboard Table genannt. Daneben die Turbine Clock, deren zwölf geschwungene Metallblätter strahlenförmig tatsächlich wie eine kleine Turbine aussehen. „Bei diesem Wire Chair mit dem filigranen Drahtgestell erinnert schon der Name Cats Cradle an das gleichnamige Fadenspiel mit seinen gekreuzten Schnüren“, erklärt Thoma. Ein weiterer Stuhl ist für ihn von besonderer Bedeutung. Er zeigt auf einen sogenannten DKR, ein frühes Original. Der Stuhl dient ihm als Vergleich bei Gutachten, wenn er ein gut gemachtes Plagiat prüft.

Die Kundinnen und Kunden kommen aus der ganzen Welt, darunter sind auch viele Prominente aus Politik, Sport und Kultur oder aus Adelshäusern. Namen nennt Thoma keine, Diskretion gehört zum Geschäft. Anonymisiert erzählt er dennoch einige Geschichten: von einem Lounge Chair, der jahrelang in einer Villa im brasilianischen Urwald stand. Oder von einer außergewöhnlichen Wohnung in Paris, in der das Schlafzimmer ein umgebauter Kinosaal war. Vielleicht entsteht aus den Geschichten sogar mal ein Buch, sagt er. Doch vorerst hat er dafür keine Zeit. Die Auftragsbücher sind voll.

„Bei angemessener Pflege und regelmäßiger Inspektion kann ein Lounge Chair eigentlich nicht kaputtgehen.“ – Stefan Thoma

Stefan Thoma Inhaber von Vintage Originals
Stefan Thoma ist ausgewiesener Sachverständiger für Kunst- und Designklassiker und wird als Experte hinzugezogen, wenn es darum geht, Plagiate zu erkennen oder Diebesgut zu identifizieren.

Vom Bäcker zum Restaurator

Dass Stefan Thoma einen Betrieb aufgebaut hat, der so viele unterschiedliche Gewerke unter einem Dach vereint, passt zu seinem Werdegang. Aufgewachsen ist er in Neustadt im Schwarzwald und in Burkheim am Kaiserstuhl. Zunächst lernte er Bäcker. Dann machte er Ausbildungen zum Gas- und Wasserinstallateur sowie zum Blechbauer. Außerdem besuchte eine zweijährige Metallfachschule, in der er sich die Grundlagen der Feinmechanik und Metallbearbeitung aneignete. Hinzu kamen zahlreiche technische Lehrgänge und fünf Semester BWL-Studium. Thoma bezeichnet sich als Sondermaschinenbauer. Möglichst breit aufgestellt zu sein, vieles selbst machen und verstehen zu können, habe ihm sein Vater mitgegeben, der fünf Berufe hatte, darunter Konditor und Flugzeugbauer.

Die Leidenschaft für Designmöbel begann für Stefan Thoma mit einem Zufallsfund vor über 30 Jahren. Auf dem Sperrmüll entdeckte er einen Eames Plastic Side Chair, den er reparierte. Das Möbel weckte seine Neugier. Er begann, sich mit dem Designerpaar Charles und Ray Eames, ihren Möbeln und deren Konstruktion zu beschäftigen, suchte nach Plänen und Unterlagen.

Schließlich schaltete er eine Anzeige im Reblandkurier, auf der Suche nach Vitra-Möbeln, Ersatzteilen und Zeichnungen. Das Vertreibungsgebiet des Anzeigers im Markgräflerland war dafür genau richtig, erzählt er. Vitra mit Werk und Campus in Weil am Rhein ist in dieser Region tief verwurzelt. Auf die Anzeige meldeten sich ehemalige Mitarbeiter des Designmöbelherstellers. Sie erzählten ihm von Prototypen und Vorserien und davon, wie die Möbel entwickelt und gebaut worden waren. Auf diese Weise eignete sich Thoma Wissen an, das sich nicht allein aus Büchern lernen lässt.

Aus dem anfänglichen Hobby wurde erst ein Nebenerwerb und seit 2008 das Unternehmen Vintage Originals. Vor drei Monaten ist es innerhalb von Breisach umgezogen. Der neue Standort im Gewerbegebiet Rheinbrücke hat 750 Quadratmeter Produktionsfläche, verteilt auf zwei Ebenen. Weitere rund 300 Quadratmeter sollen hinzukommen. Das angrenzende Grundstück dafür hat Thoma bereits gekauft.

Schneider bei Vintage Originals
Es gibt sämtliche Gewerke unter einem DAch, hier arbeitet ein Schneider.

Ein Baseballhandschuh zum Sitzen

In der Regel restauriert Vintage Originals jährlich rund 1500 Objekte, davon allein 600 bis 800 Eames Lounge Chairs. Charles Eames beschrieb die Idee hinter dem Lounge Chair mit dem Bild eines warmen, einladenden, viel benutzten Baseballhandschuhs. Zusammen mit seiner Frau Ray entwickelte er den Ruhesessel auf der Grundlage ihrer langjährigen Experimente mit dreidimensional geformtem Schichtholz. Der Lounge Chair verbindet geformte Holzschalen, Lederpolster und ein drehbares Untergestell. Längst ist er mehr als ein Möbelstück: Er vereint Ästhetik und Komfort und steht exemplarisch für das amerikanische Industriedesign des 20. Jahrhunderts.

„Vitra hat die Produkte zur Serienreife weiterentwickelt, das hatten sie den Amerikanern voraus.“ – Stefan Thoma

1956 begann die Firma Herman Miller mit der Produktion des Lounge Chairs in den USA. Ab 1957 übernahm Vitra die Produktion und Vermarktung der Entwürfe von Charles und Ray Eames für Europa. „Vitra hat die Produkte zur Serienreife weiterentwickelt, das hatten sie den Amerikanern voraus“, sagt Stefan Thoma, der wiederum ein Verfahren ausgetüftelt hat, mit dem man die Teile der Schichtholzlagen der Sitzschalen und Lehnen entfernen und wieder neu einzusetzen kann.

Der Möbeldetektiv auf Spurensuche

„Bei angemessener Pflege und regelmäßiger Inspektion kann ein Lounge Chair eigentlich nicht kaputtgehen“, ist Thoma überzeugt. Doch daran hapere es häufig. Er vergleicht es mit einem Auto: Auch dort wartet man ja nicht, bis die Bremse versagt, sondern fährt rechtzeitig in die Werkstatt. Für den Lounge Chair empfiehlt er deshalb nach etwa 15 bis 20 Jahren eine Inspektion. Damit lassen sich größere Schäden und im Zweifel eine kostspielige Restaurierung vermeiden. Besonders die Shock Mounts, elastische Verbindungselemente, die wie Schwingungsdämpfer wirken, sowie Lagerbuchsen, Armlehnen und Leder können je nach Gebrauch im Laufe der Zeit verschleißen. Das Leder sollte ohnehin regelmäßig gereinigt und gefettet werden, empfiehlt der Experte. Vor allem dort, wo Kopf und Arme aufliegen, können Schweiß, Haarspray oder andere Substanzen das Material auf Dauer angreifen.

Lehnen Eames Lounge Chair in der Werkstatt von Stefan Thoma
Lehnen des Eames Lounge Chairs

Dazu passt die Anekdote einer Reklamation: Ein Lounge Chair aus einer Anwaltskanzlei, den Vintage Originals ein paar Jahre zuvor vollständig restauriert hatte, kam schwer beschädigt zurück. „Es war uns ein Rätsel, dann zerlegten wir ihn und dabei kam die entscheidende Spur zum Vorschein: ein Schuhabdruck.“ Thoma fotografierte den Abdruck und nahm Kontakt zur Kanzlei auf. Dort hatte man ihm zuvor erzählt, der Lounge Chair stehe in der Bibliothek und werde nur selten benutzt. Er habe dem Vater des Kanzleiinhabers gehört und sei ein Erinnerungsstück. Niemand dürfe darauf sitzen – außer dem Besitzer selbst, wenn er sich zum Lesen in die Bibliothek zurückziehe. Schließlich stellte sich heraus, was mit dem vermeintlich kaum benutzten Sessel tatsächlich passiert war: Eine Mitarbeiterin hatte ihn regelmäßig vor ein hohes Regal geschoben und als Steighilfe benutzt. Mit den Schuhen stieg sie auf den teuren Lounge Chair, um die oberen Fächer zu erreichen.

„Solche Fehlnutzungen erleben wir oft“, sagt Thoma. Meistens sind es falsche Belastungen, die zu Schäden führen, etwa die Leute auf der Lehne sitzen. Auch ein nasses Handtuch, das immer wieder auf dem Sessel abgelegt wird, hinterlässt Spuren. Stefan Thoma erkennt sie alle.

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