Wer Mittelstand hört, denkt heute an Unternehmen. Das war lange anders. Eine kleine Begriffsgeschichte zu Herkunft, Bedeutungswandel und Definitionen des Wortes Mittelstand samt Beispielen aus der Region.
Text: Susanne Maerz
„Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft und damit auch unserer Gesellschaft“, sagt Dieter K. Tscheulin, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Laut dem Duden Wirtschaft gehören mehr als 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland der mittelständischen Wirtschaft an. „Der Mittelstand erwirtschaftet etwa 45 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung und beschäftigt rund 60 Prozent aller Erwerbstätigen“, heißt es darin weiter. Aber welche Unternehmen zählen zum Mittelstand, und welche nicht? Eine einheitliche Definition gibt es nicht – aus folgendem Grund: „Mittelstand ist keine gesetzlich festgeschriebene oder normierte Kategorie, sondern ein ökonomischer Begriff“, sagt der Wissenschaftler.
Erstmals verwendet wurde er in der Ständegesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts, als die Gesellschaft unterteilt war in Adel, Klerus, Bauern, besitzlose Bevölkerung – und den Mittelstand. „So nannte man die bürgerliche Mittelschicht, die sich zwischen Adel und der besitzlosen Bevölkerung entwickelt hatte“, sagt Tscheulin. Er verweist auf eine schlesische Klageschrift aus dem Jahr 1695, in der das Ständemodell festgeschrieben steht und der Begriff Mittelstand verwendet wird.
„Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft und damit auch unserer Gesellschaft“
Dieter Tscheulin, VWL-Professor, Uni Freiburg
Als weiteres, späteres Beispiel führt er Johann Wolfgang von Goethe an, der im Jahr 1816 Kaufleute, Fabrikanten, Beamte und akademisch gebildete Familien zum Mittelstand zählte. „Das hat also gar nichts mit dem zu tun, was wir heute unter Mittelstand verstehen, sondern war eigentlich eine Bezeichnung für die Mittelschicht“, sagt Tscheulin. Erst angesichts der Industrialisierung habe sich der Begriff Mittelstand im 20. Jahrhundert weg von der Bezeichnung einer sozialen Schicht, hin zu einer Unternehmensform entwickelt.
Noch im Jahr 1992 definiert das dtv-Lexikon Mittelstand als „die Gesamtheit der sozialen Gruppe in einer industriell bestimmten Gesellschaft zwischen der Oberschicht und der Unterschicht“. Die Grenzen seien fließend. Seit der Industrialisierung würden aber neben den Inhabern gewerblicher, kaufmännischer und landwirtschaftlicher Mittel- und Kleinbetriebe, den Angehörigen der freien Berufe und großen Teilen des Beamtentums auch die mittleren und unteren Angestellten sowie die qualifizierten Facharbeiter dazuzählen – also viele Gruppen, die man heutzutage als Mittelschicht definiert. Diese definiert das dtv-Lexikon 1992 denn auch als Angehörige des Mittelstands.
Noch im Jahr 2001 verwendete der Duden Mittelstand und Mittelschicht synonym – so ist es im Onlinelexikon Wikipedia zu lesen. Gleichwohl hat sich parallel dazu in der Wirtschaft die heutige Bedeutung beziehungsweise Unterscheidung der Begriffe etabliert: „Mittelschicht wird über das private Einkommen definiert, zum Mittelstand zählen hingegen eigentümergeführte Familienunternehmen“, erklärt Dieter Tscheulin. Allerdings nicht alle.
Wann ein Unternehmen zum Mittelstand gehört – und wann nicht
Die gängige und hierzulande gebräuchliche Definition von Mittelstand ist die des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM): Wesentlich ist danach „die Einheit von Eigentum und Leitung“. Das heißt konkret: „In einem mittelständischen Unternehmen halten bis zu zwei natürliche Personen oder ihre Familienangehörigen direkt oder indirekt mindestens 50 Prozent der Anteile eines Unternehmens.“ Und: „Diese natürlichen Personen gehören der Geschäftsführung an.“ Für das IfM sind die Begriffe Mittelstand, Familienunternehmen, Eigentümerunternehmen und familiengeführte Unternehmen gleichbedeutend. Das Institut unterscheidet davon aber „unabhängige kleine und mittlere Unternehmen (KMU)“ – auch wenn die Schnittmenge sehr groß sei, wie es heißt.
Laut IfM haben Kleinstunternehmen bis zu neun Mitarbeitende und einen Jahresumsatz von bis zu zwei Millionen Euro, Kleinunternehmen bis zu 49 Beschäftigte und 10 Millionen Euro Umsatz, mittlere bis zu 499 Beschäftigte und 50 Millionen Euro Umsatz. Alles darüber fällt unter Großunternehmen. Doch es gibt Ausnahmen: Denn das IfM zählt auch Unternehmen mit 500 und mehr Beschäftigten oder mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz zum Mittelstand, wenn die Einheit von Eigentum und Leitung gegeben ist.
Damit unterscheidet sich die in Deutschland gängige Definition mittlerer Unternehmen von der strengeren der EU aus dem Jahr 2003. Diese legt für mittlere Unternehmen bereits eine Obergrenze von 249 Mitarbeitenden, einen Jahresumsatz von maximal 50 Millionen Euro oder eine Jahresbilanzsumme von höchstens 43 Millionen Euro fest. „In der Praxis ist die Frage der Abgrenzung besonders für Maßnahmen der Mittelstandsförderung relevant“, heißt es im Gabler-Wirtschaftslexikon. Auch sonst verschwimmen die Grenzen manchmal. Laut Wirtschaftsprofessor Tscheulin kann auch ein Unternehmen als mittelständisch gelten, wenn die Eigentümer(familien) einen oder mehrere Fremdgeschäftsführer beschäftigen, aber weiterhin mehr als 50 Prozent der Anteile am Unternehmen halten und nach wie vor, zum Beispiel in einem Beirat oder über die Gesellschafterversammlung, den Kurs vorgeben. Beispiele dafür sind Konzerne wie Sick aus Waldkirch sowie Endress + Hauser aus dem schweizerischen Reinach, das seinen größten Standort in Maulburg betreibt.
Hohe Dichte in Baden-Württemberg
Auch regional gibt es Unterschiede: Die größten und wirtschaftsstärksten Bundesländer verfügen über die meisten mittelständischen Unternehmen. Laut dem Portal „Die Deutsche Wirtschaft“ liegt Nordrhein-Westfalen mit knapp 2300 Top-Mittelständlern auf Platz eins, gefolgt von Bayern (circa 2000) und Baden-Württemberg (knapp 1800). Setzt man die Zahl der Unternehmen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, liegt Baden-Württemberg wieder auf Platz drei – diesmal hinter Hamburg und Bremen. Warum ist das Ländle stets vorne mit dabei? „Was man den Baden-Württembergern, den Schwaben vielleicht insbesondere, nachsagt, sind Sparsamkeit, Fleiß und Erfinder- oder Tüftlergeist“, sagt Dieter Tscheulin. Diese Eigenschaften brachten viele Innovationen, Unternehmen und ganze Industriezweige hervor. Als Beispiel nennt der Betriebswirt die Schwarzwälder Bürstenindustrie, die entstand, weil Bauern in langen, harten Wintern, in denen ihnen oft das Nötigste fehlte, Bürsten herstellten, um sich etwas dazuverdienten. Das Holz dafür fanden sie im Schwarzwald, die Borsten bei ihren Schweinen. „So entstand praktisch in Heimarbeit das Bürstenmachen“, erklärt Tscheulin und nennt den Maschinenbauer Zahoransky aus Todtnau als ein Beispiel, das daraus hervorgegangen ist. Deren Gründer Anton Zahoransky entwickelte 1902 in der Garage kombinierte Bohr- und Stopfautomaten für die Bürstenproduktion. Damit legten sie den Grundstein für den inzwischen breiter aufgestellten Weltkonzern, auf dessen Maschinen nach wie vor ein Großteil der Zahnbürsten weltweit produziert wird.
Als jüngeres Beispiel für einen Pionier und Hidden Champion aus der Region führt Tscheulin Busch Vacuum Solutions aus Maulburg an: 1963 entwickelten der Ingenieur Karl Busch und seine Frau Ayhan Vakuumpumpen für Lebensmittelverpackungen, um diese so länger haltbar zu machen. „Auch sie haben es zu einem weltweit führenden Unternehmen in ihrer Nische geschafft und sind ebenso ein Hidden Champion“, sagt Tscheulin.
Ob Weltmarktführer oder nicht: Mittelständische Firmen stehen derzeit vor großen Herausforderungen. Tscheulin zählt explodierende Energiepreise, hohe Lohnnebenkosten, zunehmende EU-Vorgaben sowie Bürokratie auf und sagt: „All das belastet natürlich den Mittelstand.“ Doch er zweifelt nicht daran, dass dieser weiterhin das Wesen der regionalen Wirtschaft ausmachen wird.