Zwei bewegende Geschichten über Grenzerfahrungen und den Umgang mit Angst: Marian Veith hat beim Freeski sein rechtes Bein verloren, heute steht er mit seiner Prothese wieder auf Skate- und Snowboard. Robert und Daniela Jaspers gehören seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Extrembergsteigern Europas. Ein Karriereende ist noch lange nicht in Sicht.
Text: Julia Donáth-Kneer
Wenn man nur einen Satz über Marian Veith sagen könnte, wäre es wohl dieser: Aufhalten lässt sich der Mann nicht. Der 35-Jährige, lange blonde Haare, weißes Poloshirt, hat sich für das Videogespräch aus der Münchner Kanzlei zugeschaltet, in der er als Anwalt arbeitet. Die Prothese an seinem rechten Unterschenkel ist nicht zu sehen.
Seine Geschichte beginnt vor vielen Jahren im Schwarzwald: Das Skifahren wurde Marian Veith in die Wiege gelegt. Die ganze Familie liebt die Piste, Vater Dieter Veith, ein niedergelassener Orthopäde, ist staatlich zertifizierter Skilehrer, der Ur-Opa hat die Arlberger Skischule St. Christoph mitgegründet, die als eine der ersten Skischulen der Welt gilt. Seit er klein ist, steht Marian Veith ebenso wie seine Geschwister auf den Brettern. Als Jugendlicher beginnt er mit Freeski – akrobatisches, trickreiches Skifahren, gerne abseits der Piste. Profi war er nicht, aber der Sport ein selbstverständlicher Teil seines Lebens. Bis zum 4. Februar 2022.
An diesem Tag, einem Freitag, geht der Denzlinger mit seinem Kumpel Dominik Schwarz im österreichischen Lermoos Skifahren, sie kennen die Gegend gut. Sie nehmen bereits zum zweiten Mal nicht die reguläre Piste, sondern eine unverspurte mit Tiefschnee. Marian Veith hat vorher noch die Gefahrenlage gecheckt, wie immer. Die Bedingungen sind nicht ideal, geben aber vermeintlich keinen Anlass zur Sorge. Ein Fehlunterteil, denn nach den ersten Schwüngen löst sich plötzlich eine Lawine und reißt Marian Veith mit. Alles geht wahnsinnig schnell – zu schnell, um noch den Lawinenairbag auszulösen. Geistesgegenwärtig macht er Schwimmbewegungen, um nicht vollständig verschüttet zu werden, und schafft es, an der Oberfläche zu bleiben. Die Lawine schleudert ihn gegen einen Baum und bremst den Höllenritt, der Schnee wälzt sich noch runter bis ins Tal. Später wird er erfahren, dass an diesem Tag acht weitere Menschen verschüttet wurden, bis auf einen von ihnen hat keiner das Unglück überlebt.
Jetzt erzählt Marian Veith von dem Moment, der sein Leben verändern sollte: „Mein rechtes Bein war um 180 Grad nach oben gebogen, der Skischuh baumelte direkt neben meinem Gesicht.“ Eine unvorstellbare Situation. Zumindest kann er noch atmen. Sein Freund kämpft sich zu ihm durch, bindet das Bein mit seinem Shirt ab, ruft die Rettung. Binnen 20 Minuten kommt ein Hubschrauber, fliegt Veith in die Murnauer Unfallklinik, wo das medizinische Team ihn aus Angst vor multiplem Organversagen ins künstliche Koma versetzt.

Die ganze Geschichte des Unfalls, der Tage, Wochen und Monate danach sowie des Genesungsprozesses und der neuen Möglichkeiten mit seiner Prothese kann man sich anschauen: Der Denzlinger hat gemeinsam mit dem Prothesenhersteller Ottobock eine vierteilige Dokumentation gedreht, die kostenfrei auf Youtube zu sehen ist: „New Boundaries – The Story of Marian“. Es ist ein tiefer Einblick geworden, oft bewegend, manchmal heftig. Das Rettungs- und OP-Team erzählt von den Tagen nach dem Unfall, Familie und Freunde teilen Emotionen und Erfahrungen. So berichtet seine Mutter vom ersten Gespräch mit ihrem Sohn. „Hallo, hier ist Marian“, habe der frisch aus dem Koma Erwachte gesagt. Seiner Mutter kommen immer noch die Tränen, wenn sie an diesen Moment denkt. „Ein ganz dünnes Stimmchen hatte er.“ Wochen des Bangens beginnen. Schließlich steht fest: Das Bein ist nicht zu retten, es muss amputiert werden.
Für Marian Veith eine existenzielle Grenzerfahrung: „Ich konnte mich nicht mal aufsetzen, musste wochenlang liegen“, berichtet er beim Gespräch mit Netzwerk Südbaden. „Wenn man sich an diese Einschränkungen gewöhnt, geraten all die Dinge, die man früher konnte, plötzlich sehr weit weg.“ An Sport ist nicht zu denken, zunächst muss er aus dem Bett aufstehen, mit dem Rollstuhl klarkommen, allein die Wohnung verlassen. Bremsen lässt er sich nicht. Im Film ist zu sehen, wie er im Affenzahn mit seinem Rollstuhl über den Bürgersteig saust. Er lernt mit der Prothese zu laufen, kann bald wieder Radfahren. Dann steht er erstmals wieder auf dem Skateboard. Eine Ernüchterung. Veith ist ein herausragender Skater gewesen, mit der Prothese fühlt sich alles anders an. Er sagt, die körperliche Einschränkung habe auch eine mentale Barriere aufgebaut. „Für mich war es ein Prozess. Mein Mindset hat sich verändert. Plötzlich waren da Grenzen, die ich mir selbst gesetzt habe, die aber mit meinem Bein gar nichts zu tun hatten.“ Er habe lernen müssen, dass die Blockaden nicht so unverrückbar sind wie sie zu sein scheinen. Mit Erfolg: Er ist viel weitergekommen, als viele zu hoffen gewagt haben.
„Mein Mindset hat sich verändert. Plötzlich waren
da Grenzen, die ich mir selbst gesetzt habe, die aber
mit meinem Bein gar nichts zu tun hatten.“ — Marian Veith
Gut zwei Jahre nach dem Unfall steht er zum ersten Mal wieder auf der Piste – allerdings nicht auf Skiern. „Die Ärzte haben mir gesagt: ,Sie können nie wieder Ski- oder Snowboard fahren. Aber wenn es sein muss: Snowboard‘“, berichtet er und grinst. Anfangs sind die Schwünge zaghaft, doch schnell ist die Muskelerinnerung wieder da. Seither habe er sich kontinuierlich gesteigert. „Im vergangenen Winter war ich sicher an 20 Tagen im Schnee.“ Beide Beine machen gut mit: sowohl die Prothese als auch das linke Knie, das beim Unfall ebenfalls schwer verletzt wurde. „In diesem Winter habe ich versucht, zum ersten Mal wieder im Tiefschnee zu fahren. Das war schwierig. Aber Übung macht den Meister.“

Hat er keine Angst, wieder auf der Piste zu stehen? „Das haben mich viele gefragt“, antwortet er. „Im Extremsport hat man seine Angst eher an der Leine. Eine gesunde Portion ist überlebenswichtig. Sie ermöglicht die Konzentration, die es braucht, um an die Grenzen zu gehen und dabei die Risiken vernünftig einzuschätzen.“ Bei den Dingen, die er bislang mit seiner Prothese gemacht hat – skaten, snowboarden, surfen, rennen – habe er sich nicht blind reingestürzt, sondern gewusst, dass es geht. Von der Intensität der früheren Erlebnisse sei er noch weit entfernt. „Was mir am meisten hilft, ist die Erfahrung. Ich weiß, wie es ist, die Komfortzone zu verlassen“, sagt er. „Wenn ich früher beim Skateboarden einen neuen Trick probiert habe, klappte der ja auch nicht beim ersten Mal, obwohl ich zwei Beine hatte.“ Sein Ziel: Er will unbedingt mit dem Snowboard einen Backflip, einen Rückwärtssalto, schaffen. Er hat andere Menschen mit Prothesen gesehen, die das können. Grenzen immer wieder neu zu definieren, die körperliche, aber auch die im Kopf, wurde zu seinem Hauptantrieb. „Mein ultimatives Ziel ist es, mein Leben so selbstbestimmt zu leben, wie ich das möchte.“
Am Schluss des Films ist zu sehen, wie Marian Veith mit Dominik Schwarz zur Unglücksstelle zurückkehrt. Es ist Sommer, der Wanderweg steil und unwegsam. Veith geht ohne Stütze, stürzt mehrfach auf dem Weg nach oben. Er ärgert sich kein einziges Mal, steht auf, lacht, und geht weiter. Oben angekommen bleiben die Männer am Baum stehen, der damals den Sturz bremste und das Bein kostete. Keine Bitterkeit ist zu spüren, nur die Realität eines Extremsportlers, der ein Lawinenunglück überlebte und sich seither vielleicht noch weniger als zuvor von irgendwelchen Grenzen aufhalten lässt.
Die Könige der Berge
Grenzerfahrungen machen Robert und Daniela Jasper auch, seit mehr als drei Jahrzehnten gehören die beiden zu den führenden Extrembergsteigern weltweit, setzen international Maßstäbe. Zum Zeitpunkt des Gesprächs im Sommer sind sie kurz vor dem Aufbruch zu einer Expedition nach Nordnorwegen. Daniela und Robert Jasper sitzen in ihrem Wohnzimmer in Schopfheim, bei gutem Wetter kann man von hier aus bis in die Alpen sehen. Vor allem zur Eiger-Nordwand hat das Ehepaar, 58 und 55 Jahre alt, das zwei erwachsene Kinder hat, eine besondere Beziehung. Auf knapp 30 verschiedenen Routen hat Robert Jasper die 1800 Meter hohe Steilwand, die den schauderhaften Beinamen „Mordwand“ trägt, bisher bestiegen, Daniela Jasper auf sieben.
1999 gelang den beiden mit der Erstbegehung der „Symphonie de Liberté“ die bisher schwierigste Route durch die Wand (Schwierigkeitsgrad 10 minus). Daniela Jasper ist bis heute die zweite Frau überhaupt, die das geschafft hat. Tausende Meter im Berg, nächtelang im Hängezelt, ein Minimum an Nahrung, teils extreme Wetterbedingungen, abseits jeglicher Zivilisation. „Es fordert einen extrem“, sagt Daniela Jasper. „Man hat Hunger, man ist müde, man klettert mitten in der Nacht oder stundenlang durch.“ Ob es letztendlich funktioniert, ob dieser Weg nach oben führt oder nicht, weiß man vorher nie. „Das ist ja das Interessante am extremen Klettern“, sagt Robert Jasper. „Es ist wie ein Spiel, bei dem man schaut, ob diese Grenze zu verschieben ist, ob wir aus Unmöglich ein Möglich machen können.“ Mit ihren Erstbegehungen haben die Extrembergsteiger nicht nur eigene Grenzen überwunden, sondern auch internationale Limits verschoben. Weltrekorde und erfolgreiche Erstbegehungen lassen sich nicht planen. „Es hängen einfach zu viele Faktoren dran“, sagt Daniela Jasper. Dabei verlassen sie sich auf ihr Können, auf jahrzehntelange Expertise und Routine. Beide klettern seit ihren Jugendtagen.
„Ein Hauch von Angst ist wichtig, er macht einen wacher, vorsichtiger und aufmerksamer. Aber Panik ist immer schlecht.“ — Daniela Jasper
Daniela Jasper stammt aus Weil am Rhein, sie war eine der ersten Sportkletterinnen, die von einem Sponsor unter Vertrag genommen wurde, nachdem sie als 19-Jährige mit extremen Touren für Aufmerksamkeit sorgte. Außer ihr gab es damals deutschlandweit nur eine weitere Frau, die im zehnten Schwierigkeitsgrad geklettert ist. Mit Anfang 20 lernte sie Robert Jasper beim Klettern im Basler Jura kennen. Er hatte da bereits 100 der schwierigsten Nordwände der Alpen durchstiegen und arbeitete hauptberuflich als Bergsteiger und Bergführer. „Liebe auf den ersten Blick“, sagt Daniela Jasper heute und legt ihrem Mann die Hand auf den Arm.

„Bevor wir uns kennengelernt haben, bin ich viel Solo geklettert“, berichtet Robert Jasper. Mit ihr an seiner Seite konnte er zu neuen Höchstleistungen wachsen. „Daniela ist eine sehr starke Kletterin. Eine ihrer großen Stärken ist ihre mentale Unterstützung“, sagt der 58-Jährige. „Beim Bergsteigen ist es enorm wichtig, in sicheren Händen zu sein.“ Die Zuverlässigkeit des Kletterpartners entscheidet im Ernstfall über Leben und Tod. „Wenn Robert beispielsweise weit über dem letzten Haken in einer ungünstigen Position hängt, überlege ich bereits, was ich im Falle eines Sturzes machen kann, damit er nicht gegen den Felsen schlägt“, berichtet Daniela Jasper, die diese Form der Aufmerksamkeit und Weitsicht verinnerlicht hat. Es gehört zum Leben am Berg dazu, abzuschätzen, welche Fehler man machen darf und welche niemals. Man darf außerdem nicht zu stolz sein, eine eingeschlagene Route abzubrechen und einen anderen Weg zu wählen. Der Gipfel dürfe niemals jede Vorsicht überschatten. „Wer beim Bergsteigen alt werden will, muss Risikomanagement betreiben“, sagt Robert Jasper. „Man muss sich auf den Weg dorthin konzentrieren und nicht nur aufs Ziel.“ Seine Frau schaut ihn an, hebt den Finger und ergänzt: „Und auf den Weg zurück. Das vergessen immer viele. Wer oben ist, muss auch wieder sicher runterkommen.“ Solche Erfahrungsschätze spielen auch im Geschäftsleben eine Rolle. Robert Jasper hält regelmäßig Vorträge für begeisterte Sporttreibende, aber auch in Firmen und Wirtschaftsunternehmen. „Beim Bergsteigen und in der Wirtschaft geht es ja letztlich um dasselbe: Zielsetzung, Teambildung, Risikomanagement, Motivation, Logistik, Führungsqualitäten“, sagt er.


Inzwischen waren die Jaspers an den entlegensten Orten der Welt, im Himalayagebirge, in Patagonien oder Alaska. Stets auf der Suche nach Routen, die noch nie ein Mensch begangen hat. Nach wie vor trainieren sie nahezu jeden Tag, sind mehrmals im Jahr unterwegs. Extrembergsteigen werde mit dem Alter sogar zugänglicher, findet Robert Jasper: „Wir sind Allrounder. Wir haben sehr viele extrem schwierige Erstbesteigungen gemacht, dabei sind Ausdauer, Erfahrung und mentale Stärke besonders wichtig.“ Natürlich müsse man sich körperlich fit halten. Das Alter sehen sie aber nicht als Leistungsgrenze. „Vielleicht verschieben sich die Prioritäten. Aber die Erfahrung setzt neue Schwerpunkte.“
Man wird zum Beispiel sensibler, meint Daniela Jasper: „Wir haben beim Bergsteigen gelernt, in gefährlichen Situationen ruhig zu bleiben. Ein Hauch von Angst ist wichtig, er macht einen wacher, vorsichtiger und aufmerksamer. Aber Panik ist immer schlecht.“ Einmal vor rund zwanzig Jahren, so berichtet sie, war sie mit ihrem Mann bei der Erstbesteigung des Flying Circus, damals die schwierigste Eiskletterroute der Welt. Er war weit entfernt von der letzten Sicherung, wollte eine Eisschraube setzte. „Ich hatte ein mulmiges Gefühl, brüllte ihn an, die Schraube nicht zu setzen.“ Er sei anderer Meinung gewesen, doch in dem Moment, in dem er zum Schlag ansetzte, riss der gewaltige Zapfen ab und stürzte in die Tiefe. Robert Jasper wurde mitgerissen, aber da er nicht mit ihm verbunden war, landete er sicher im Seil, während der Eiszapfen hunderte Meter nach unten fiel. „Ich habe damals gelernt, auf meine innere Stimme zu hören. Erfahrung ist auch eine Form von Sicherheit“, sagt Daniela Jasper heute. Ihre Stimme zittert immer noch, wenn sie von dem Ereignis erzählt. „Und ich habe gelernt, dass man nicht glauben darf, dass man alles allein bewältigen kann“, ergänzt ihr Mann.