Seit 40 Jahren kommen beim Freiburger Literaturgespräch Menschen zusammen, die schreiben, lesen, fragen und zuhören. Streiflichter aus vier Jahrzehnten Festivalgeschichte.
Text: Christine Weis
Anfang November 1999, ein Freitagmorgen, kurz vor zehn. Der Freiburger Ratssaal, in dem sonst der Gemeinderat tagt, ist übervoll. Alle Amtssessel sind besetzt, Menschen sitzen auf dem Boden und auf den Treppenabsätzen. Draußen lösen sich langsam die Nebelschwaden auf. Drinnen nimmt die 29-jährige Judith Hermann auf dem Podium Platz: das dunkelblonde Haar lässig zusammengesteckt, eine kleine Spange hält eine Strähne aus dem Gesicht, ein Kunstpelzkragen bauscht sich um den Hals. Zehn Uhr morgens ist eigentlich keine Zeit für eine Lesung, findet sie. Es fühle sich an, als sei es noch mitten in der Nacht.
Die Berliner Autorin war ein Popstar in der Literaturszene: jung, cool, schön, Sängerin der Berliner Band Poems for Laila. Ihre Texte hatten einen neuen Sound, der den Nerv der Generation nach Schule und vor Familiengründung traf. Mit ihrem ersten Buch „Sommerhaus, später“ landete sie gleich einen Erfolg. Die Geschichten in dem Erzählband kreisen um die Themen Verlorenheit, Einsamkeit, Liebe, Freiheit, ungelebte Möglichkeiten. Nichts muss, alles kann: Haus, Job, feste Beziehung. Wenn, dann später.
27 Jahre später kommt Judith Hermann wieder zum Freiburger Literaturgespräch, das heuer seinen 40. Geburtstag feiert. Für sie ist es der fünfte Auftritt, wenn man die virtuelle Lesung im Pandemiejahr 2020 mitzählt. Dieses Mal ist sie Opener des Lesefests. Nicht morgens – später um halb acht am Abend.
1999 eröffnete Ilse Aichinger den dreitägigen Lesemarathon. Die 1921 in Wien geborene Schriftstellerin zählt zu den großen deutschsprachigen Autorinnen der Nachkriegszeit. Verfolgung, Krieg und das Schicksal ihrer jüdischen Familie prägten ihr Leben und Schreiben. Aichinger und Hermann – Newcomerin und Renommierte – stehen exemplarisch für einen Mix, der das Literaturgespräch bis heute ausmacht: etablierte Namen neben neuen Stimmen, Begegnungen neben Entdeckungen.

Mehr als 400 Autorinnen und Autoren waren inzwischen zu Gast. Darunter viele, die erst danach mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. So erhielten etwa Sibylle Lewitscharoff, Felicitas Hoppe, Lutz Seiler und Jan Wagner den Büchner-Preis oder Nora Bossong, Marcel Beyer und Durs Grünbein den Huchel-Preis. Selbst Literaturnobelpreisträgerinnen und -preisträger waren lange vor Stockholm im Badischen: Herta Müller, Olga Tokarczuk und László Krasznahorkai.
„Das Literaturgespräch erzeugt immer wieder aufs Neue diese ganz besondere Aufmerksamkeit durch Fülle und Sprachkunst, durch das intensive Eintauchen in neue Bücher und fremde Lebenswelten, in ein großes Gespräch über Literatur.“ – Katharina Knüppel
Das Grundprinzip hat sich über die Jahrzehnte erstaunlich gut gehalten: mehrere Tage Prosa und Lyrik, Lesungen und Gespräche, bekannte nationale und internationale Namen ebenso wie Debütantinnen und Debütanten. Von Donnerstagabend bis Samstagabend, dazu eine Matinee am Sonntagmittag. Zum Jubiläum gönnt sich das Literaturgespräch sogar noch einen zusätzlichen Tag.
Wo sonst Kommunalpolitik gemacht wird
Initiatoren des Formats waren der ehemalige Freiburger Kulturamtschef Ludwig Krapf zusammen mit dem damaligen SWF-Landesstudioleiter Wolfgang Heidenreich. Anfang Dezember 1987 ging‘s los: Die Literaten kamen ins Rathaus, darunter Christoph Meckel, Lotte Paepcke, Martin Walser und Urs Widmer. Dass die Literatur ausgerechnet dort einzog, wo sonst Kommunalpolitik gemacht wurde, war durchaus als Statement gedacht. Man wollte in der Musikstadt Freiburg auch der Literatur einen angemessenen Raum und Aufmerksamkeit verschaffen, heißt es im Programmheft zur 25. Ausgabe. Doch ganz ohne Gegenwind ging das nicht. Die lokale Autorenschaft fühlte sich angesichts der nationalen und internationalen Gäste übergangen. In dem Konzept waren sie nicht vorgesehen. Mit der Reihe „Andruck“ hat die Kommune zusammen mit verschiedenen Partnern 2009 eine eigene Reihe für die Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Übersetzer und Übersetzerinnen aus der Region entwickelt, die ebenfalls bis heute besteht.

Gedichtband „Der Große Wagen“ entgegen. Im November kommt sie wieder aus der Hauptstadt
in den Breisgau. Foto: Dirk Skiba
2004 begann zunächst die Kooperation des Kulturamts mit dem Literaturbüro. 2017 schließlich zog das Literaturgespräch aus dem Rathaus ins neu eröffnete Literaturhaus. Seitdem kuratiert dessen Leitungsduo, Martin Bruch und Katharina Knüppel, das Format. Bruch nennt das Literaturgespräch „das tickende Herz“ ihres Jahresprogramms – ein Bild, das zum Jubiläum gleich mehrfach passt, weil es Motto der Veranstaltung und der Titel des neuen Romans von Lutz Seiler ist, der am zweiten Festivaltag auftritt.
„Das Literaturgespräch erzeugt immer wieder aufs Neue diese ganz besondere Aufmerksamkeit durch Fülle und Sprachkunst, durch das intensive Eintauchen in neue Bücher und fremde Lebenswelten, in ein großes Gespräch über Literatur“, charakterisiert Katharina Knüppel das Festival. Martin Bruch sieht darin inzwischen noch eine andere Aufgabe. „Der Druck auf die Literaturbranche und den Buchmarkt ist in den vergangenen zehn Jahren enorm gewachsen – die Vielfalt der Literatur gerät zusehends in Gefahr.“ Auch deshalb seien solche Festivals und ihr Fortbestand seiner Meinung nach wichtig. „Sie ermöglichen, neben etablierten Stimmen Neues, Unbekanntes, im besten Sinne Abwegiges zu präsentieren. Auch das ist ja eine Konstante der Literatur: uns andere Blicke, Denkweisen, Wege des Miteinanders zu zeigen“, sagt der Literaturhauschef.
„Der Druck auf die Literaturbranche und den Buchmarkt ist in den vergangenen zehn Jahren enorm gewachsen – die Vielfalt der Literatur gerät zusehends in Gefahr.“ — Martin Bruch
Das Schönste einer jeden Festivalausgabe sind für Knüppel und Bruch die Verbindungen, die sich im Laufe der Tage wie von selbst ergeben. Geschichten, die sich weiterspinnen, Gespräche, Gedanken, die auf und neben der Bühne fortgeführt würden. „So entdecken wir Jahr für Jahr überraschende Verwandtschaften zwischen den Büchern“, sagt Knüppel. „Denn die großen Themen ändern sich ja nicht.“


Die Kunst der Moderation
Das namensgebende Gespräch mit den Autorinnen und Autoren findet jeweils zwischen zwei Menschen statt. Entscheidend ist dabei auch, wer die Fragen stellt. Zu denen, die seit vielen Jahren moderieren, gehören die Schriftstellerin und Literaturprofessorin Annette Pehnt und Thomas Geiger. Der gelernte Buchhändler und studierte Literaturwissenschaftler war jahrzehntelang beim Literarischen Colloquium Berlin tätig. Seit 1999 moderiert er beim Freiburger Literaturgespräch. Wie viele Gespräche es inzwischen waren? Er habe nicht mitgezählt. Um die sechzig, schätzt er.
„Das war eine einmalige Atmosphäre, wie es heute nicht mehr möglich ist. Die Autorinnen und Autoren sind auf Lesereisen, terminlich durchgetaktet, der Literaturbetrieb ist schnelllebiger geworden.“ — Thomas Geiger
Geiger kennt den Literaturbetrieb lange genug, um zu wissen, dass Autorinnen und Autoren nicht überall gleich gern hinfahren. Nach Freiburg, sagt er bei einem Telefonat Ende September, kommen sie gerne. „Das liegt zum einen an der Qualität und Freundlichkeit der Gastgebenden und zum anderen schätzen es die Schreibenden, dass man hier zusammenkommt.“
Thomas Geiger weiß noch um die Tradition, als alle Autorinnen und Autoren das gesamte Festival über anwesend waren. Sie saßen bei den Lesungen der Kolleginnen und Kollegen in den ersten Reihen, hörten einander zu, und abends ging man gemeinsam ins Gasthaus. Nicht selten bis tief in die Nacht. „Das war eine einmalige Atmosphäre, wie es heute nicht mehr möglich ist. Die Autorinnen und Autoren sind auf Lesereisen, terminlich durchgetaktet, der Literaturbetrieb ist schnelllebiger geworden“, sagt er.
In all den Jahren gab es viele Höhepunkte. Und natürlich auch Abende, an die man sich aus anderen Gründen erinnert. 2004 saß Geiger dem Schweizer Schriftsteller Jürg Laederach gegenüber. Das Gespräch wollte einfach nicht in Gang kommen. Laederach reagierte auf seine Fragen schroff, beinahe unverständlich. Und auch er selbst sei nicht gerade entspannt in die Begegnung gegangen. „Ich hatte den hermetischen und experimentellen Text nicht bis in die Tiefe durchdrungen“, erzählt er. Nach 45 Minuten sei er vor allem froh gewesen, dass es vorbei war. Am Abend trafen sich die beiden wieder. Es stellte sich heraus, dass das Problem ein sehr konkretes gewesen war: Laederach hatte Geiger schlicht kaum verstanden. Auf dem Ohr, das er ihm zugewandt hatte, konnte er fast nichts hören.
Für Geiger liegt der besondere Reiz des Freiburger Literaturgesprächs in der Genrevielfalt, sowie der Mischung von renommierten und unbekannten Stimmen. An einen Abend denkt er häufig zurück: „Die Lesung von Ilse Aichinger war bewegend, ihre Texte berührend“, sagt er. Der Saal platzte aus allen Nähten, trotzdem war es still. Aichinger füllte den Raum und die Herzen. Am nächsten Tag las Judith Hermann.
Das 40. Freiburger Literaturgespräch findet vom 4. bis 8. November 2026 statt.
Gäste: Rotraut Susanne Berner, Chor der Singenden Hände, Radka Denemarková, Christian Dierstein, Natascha Gangl, Heike Geißler, Anja Gmeinwieser, Martina Hefter, Judith Hermann, Nadja Küchenmeister, Tristan Marquardt, Katharina Mevissen, Mia Oberländer, Arne Rautenberg, Lutz Seiler, Andrea Töpfer, Jula Weber
Moderation: Martin Bruch, Thomas Geiger, Katharina Knüppel, Annette Pehnt, Christoph Schröder, Insa Wilke
Programm und Tickets: www.literaturhaus-freiburg.de