App: Ein Schutzengel fürs Internet

Ein Freiburger Startup möchte das Surfen im Netz für Kinder und Jugendliche sicherer machen. Mit der Gardion-App wird ein sensibler und selbstständiger Umgang mit dem Internet erlernt und individuelle Regeln zum Schutz der Kinder erstellt – und auf gar keinen Fall ein Monster gefüttert.

Von Anna-Lena Gröner

In zwei Freiburger Schulen kursierte vergangenen November ein Video über den Messenger-Dienst WhatsApp, das kinderpornographische Inhalte zeigte. Ein Fall, der nur zu deutlich gezeigt hat, wie Kinder und Jugendliche mit ihrem Smartphone und dem Internet umgehen: Es wird munter geteilt, heruntergeladen, gespielt und geprahlt, ohne Gefahren zu erkennen oder sich gar einer Straftat bewusst zu sein. Statt grenzenloser Freiheit im Web sollte gerade die junge Generation besser geschützt und vor allem aufgeklärt werden. 95 Prozent der deutschen Jugendlichen haben ein Handy.

Nur bei etwa 10 Prozent der mobilen Geräte kommt eine Schutzlösung zum Einsatz, um Datenkraken zu vermeiden und pornographische sowie gewaltverherrlichende Inhalte zu blockieren. Und das obwohl laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsbundes Südwest 87 Prozent der Eltern der Meinung sind, dass das Internet für ihre Kinder gefährlich ist. Damit in Zukunft mehr Eltern, aber auch deren Kinder richtig aufgeklärt werden und der sichere und selbstbewusste Umgang mit dem Smartphone besser geschult wird, haben die beiden in Freiburg lebenden Gründer Thomas Schlenkhoff und Benjamin Fröhlich Gardion entwickelt.

Ein Produkt, mit dem Eltern eigene Internetregeln aufstellen können: Illegales wird von vornherein verhindert, die Zeit zum Surfen kann genau festgelegt, gewisse Inhalte direkt blockiert und Dienste beschränkt werden, vor Gefahren wird rechtzeitig gewarnt. Ob unterwegs oder zu Hause – es spielt keine Rolle, wo man online ist. Auch nicht, welchen Netzanbieter man nutzt, Prepaid oder Vertrag. „Meine beiden Söhne bekamen ihre ersten Smartphones und plötzlich musste ich mich damit auseinandersetzen, was sie darauf sehen, wie lange sie damit im Netz surfen und was mit ihren Daten passiert“, sagt Schlenkhoff.

Der 45-jährige ITler, der bereits mehrere Startups gegründet hat (darunter die telfish GmbH, einen Mobilfunktarifrechner für Unternehmer), hat sich als begeisterter Techie sofort mit der Problematik auseinandergesetzt und überlegt, wie sich das Internet und der Umgang damit für Kinder und Jugendliche sicherer gestalten lässt. 2016 kam der erste Prototyp der Gardion-Family-App zum Einsatz, seither wurde sie stetig verbessert und mit Hilfe von Förderprogrammen, wie dem Smart Green Accelerator oder dem Start-up BW Pre-Seed, vorangetrieben. „Gerade haben wir den Finanzierungsrahmen von einer Viertelmillionen abgeschlossen“, sagt Tom Schlenkhoff.

Um die App auf die Bedürfnisse von Eltern und deren Kinder anzupassen, haben die beiden Gründer viel mit Familien gesprochen und sich mit Pädagogen ausgetauscht. Was sie dabei immer erfahren haben: das Verlangen nach einer einfachen und vertrauensvollen Lösung für besseren Schutz im Netz ist groß. In der Finanzierungsphase, bei der es auch darum ging, Unternehmen von ihrem Produkt zu überzeugen, sind die beiden Gründer ebenfalls auf offene Ohren und zustimmendes Nicken gestoßen. Dauerbrenner Datenschutz Der Schutzengel für Kinder im Netz hat großes Potential.

Zwar ist Gardion nicht die einzige Software, mit der sich der Internetkonsum regeln und sicherer gestalten lässt, doch im Gegensatz zu den Mitbewerbern wie Google Family Link, Apple Families oder Qustodio punktet die App aus Südbaden bei der Datensicherheit. „Unser Server steht in Frankfurt und Datenschutz ist uns hier besonders wichtig. Wir sind keine Spionage-App und nutzen die gewonnenen Daten garantiert und ausschließlich dafür, um den bestmöglichen Service gewährleisten zu können“, sagt der studierte Physiker Benjamin Fröhlich.

Facebook und Google bezeichnen die beiden Unternehmer als „Monster“, die man besser nicht füttern sollte. „Wenn Sie unseren Dienst über die App nutzen, können wir auch Ihren Kontonamen, Ihre E-Mail-Adresse, Ihre Telefonnummer (falls angegeben), Fotos und jegliche personenbezogenen Daten im Zusammenhang mit Videos, die Sie hochladen (falls angegeben), dem Gerätemodell und der Version des Betriebssystems des Mobiltelefons erheben.“ So steht es in einem Auszug der Datenschutzerklärung der momentan angesagtesten App unter den 13 bis 21 Jährigen.

Das Handelsblatt spricht von der nächsten „Must-Have-App auf deutschen Pausenhöfen“. Die Rede ist von TikTok, einer Tanz- und Videoplattform aus China. 4,1 Millionen Nutzer hat die App in Deutschland. Bedenklich: Die hauptsächlich jungen Nutzer wissen gar nicht, was mit ihren Daten passiert. Eine Antwort: das Monster wird gefüttert. Denn die App arbeitet mit den Drittanbietern Facebook und Google zusammen. Gardion hingegen versteht sich als unabhängiger Dritter, wenn der Nachwuchs gerade TikTok herunterladen möchte, könnte der online Schutzengel in Zukunft die Kontaktaufnahme der App zu den „Monstern“ unterbinden, die Eltern warnen und über den fragwürdigen Datenschutz aufklären.

Die Diskussion mit den Kindern ist eine andere Baustelle. Ein weiterer Pluspunkt für den unabhängigen online-Schutzengel: Gardion möchte kein Produkt sein, das man sich einmal kauft und installiert, sondern viel mehr durch langfristigen Service punkten. „Die ganze Familie soll im Umgang mit dem Internet nützliches Wissen, hilfreiche Tipps und Coachings erhalten“, sagt Schlenkhoff. Sensibilisierung und Aufklärung, statt Spionage- und Werbefallen. Voraussichtlich im Sommer beginnen die Gründer mit der Vermarktung von Gardion. Ende des Jahres sollen dann erst einmal lokal 100 zahlende Familien gewonnen werden.

Weitere Kunden sollen dann per Medienkooperationen gewonnen werden. Bereits an Board: das Telekommunikations-Magazin connect und die Zeitschrift Family & Co. Bis im Herbst 2020 sollen es 7000 Abonnenten sein, mittels bundesweiter Online-Werbung sollen in vier Jahren 5 Prozent der 2,3 Millionen deutsche Familien mit Kindern im Alter zwischen 6 und 15 Jahren dank Gardion App sicher surfen. „Wir sehen einen riesigen und wachsenden Markt“, sagt Schlenkhoff. Das Produkt ließe sich später auf einen weitaus größeren Markt ausbreiten. „Gardion ist auch für Senioren spannend, denn alte Menschen brauchen ebenfalls Sicherheit und Schutz im Netz“, sagt Fröhlich.

Für kleinere Unternehmen und Freiberufler könnte Gardion schon bald ein willkommener Schutzengel sein, um die Angriffsproblematik in offenen Netzwerken auszuschließen und um Daten nur mit einem zugewiesenen Server kommunizieren zu lassen. Vorerst sind die zehn Euro im Monat für den elterlichen „Peace of Mind“, den Seelenfrieden, gut investiert. Die Zahlen werden zeigen, ob Gardion die nächste Must-Have-App in deutschen Familien sein wird…

Für Interessierte
Die ersten zehn Emails, die uns erreichen, erhalten eine sechs monatige Gratisnutzung der App mit ausführlicher „Profi-Beratung“ durch die Gründer. Email mit Betreff „Gardion“ an: redaktion@netzwerk-suedbaden