Das Engagement von Till und Felix Neumann geht weit über ihre Musik hinaus. Dafür haben die Zwillinge unter anderem das Bundesverdienstkreuz erhalten. Warum das weniger cool ist, als man denken könnte und über ihr Leben abseits der Bühne sprechen die Brüder beim Espresso im Freiburger Planetarium.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Julia Hofmann
„Wenn ich Lampenfieber habe, ist es nicht so schlimm. Ich habe ja mein Back-up immer dabei“, witzelt Till Neumann. Er und sein Zwillingsbruder Felix sitzen nebeneinander auf einer Holzbank im Foyer des Freiburger Planetariums, wo sie an diesem Abend Ende Februar noch ein Konzert spielen werden. Es ist seit Wochen ausverkauft, die Nervosität aber nur deswegen einen Ticken höher als sonst, weil es hier in Freiburg ein Heimspiel ist. „Da kommen viele Freunde, das macht mehr Druck als in Marseille oder Hamburg“, findet Till Neumann. Die 42 Jahre alten Brüder sind spektakuläre Auftritte gewohnt. Sie haben 2015 in Kiew gespielt, ein Jahr nach dem Massaker auf dem Maidan, oder sind in Bamako, Malis Hauptstadt, vor 10.000 Menschen aufgetreten. „Das sind die wahren verrückten Erlebnisse“, sagt Felix Neumann.
Ihren deutsch-französischen Sound nennen sie positive Rebellion, es geht um offene Grenzen, um Freiheit, Frieden und Völkerverständigung. „Unsere Reisen rund um den Globus haben mit sich gebracht, dass wir politische und gesellschaftliche Themen immer näher an uns heranlassen“, erklärt Felix Neumann. Sie selbst nennen sich „Musikaktivisten“, es sei ihnen in die Wiege gelegt: „Bei uns zu Hause war es normal, dass wir mit unseren Eltern über die Knautschzonen der Welt debattiert haben“, erzählt Till Neumann. Heute spiegelt ihre Musik die Auseinandersetzung mit Krisen und Ungerechtigkeiten wider. „Wir sind eine Band, die sich mit der Welt, wie sie ist und wie wir sie gestalten möchten, beschäftigt“, ergänzt Felix Neumann. „Dass sich dabei Sachen verändern, ist Teil des Ganzen. Und wenn morgen ein neuer Krieg losbricht, heißt das nicht, dass ich morgen einen neuen Song schreibe. Aber es wird mich bewegen und meine Sicht der Dinge verändern.“




Das Zweisprachige indes ist nicht angeboren, die Zwillinge sind Kinder deutscher Eltern aus der Nähe von Heidelberg, aber haben sich schon früh in die französische Welt verliebt. Sie machen daher schon von Beginn an Lieder in beiden Sprachen und suchten sich ihre Heimat im Dreiländereck. Hier haben beide Brüder noch einen Zweitjob: Felix Neumann lebt in Kehl und arbeitet für das Diakonische Werk Ortenau, Till Neumann ist Redakteur beim Freiburger Stadtmagazin Chili. Das gibt ihnen die nötige Sicherheit, die großen Projekte der Band auch finanziell gut zu stemmen: Sessions an ungewöhnlichen Orten, Konzertfilme, Livealben, Auftritte an Schulen in Europa und Afrika. Dazu kommt ihr Engagement für Kinder und Jugendliche wie der jährlich stattfindende Rapwettbewerb „Ecole du Flow“, an dem bis zu 2000 Schülerinnen und Schüler aus Frankreich und Deutschland teilnehmen. So etwas muss gut kalkuliert werden. „Wir müssen teils ein Jahr in Vorleistung gehen. Deswegen brauchen wir Finanzpower, um uns im künstlerischen Bereich voll entfalten zu können“, erklärt Felix Neumann. Er sagt wirklich „Finanzpower“ statt Geld, wohl, weil es nicht um Besitz, sondern um den Luxus der Möglichkeiten geht. Immerhin: Zweierpasch gibt es seit 13 Jahren. „Wenn wir nur rote Zahlen geschrieben hätten, würden wir jetzt nicht hier sitzen und lächeln“, sagt Till Neumann.
„Wenn ich Lampenfieber habe, ist es nicht so schlimm. Ich habe ja mein Back-up immer dabei.“
Bei der Beantragung von Förderprojekten und Fundraising helfen die Auszeichnungen, die die Band, zu der neben den Zwillingen noch fünf Musikerinnen und Musiker gehören, erhalten hat. Darunter den renommierten deutsch-französischen Adenauer-de-Gaulle-Preis und das Bundesverdienstkreuz im vergangenen Jahr. Letzteres sei in Hip-Hop-Kreisen eher belächelt worden – zu uncool, zu sehr Establishment. Für die Brüder aber war es sogar das zweite Mal, dass sie im Schloss Bellevue waren: Sie spielten hier ihren Song „Grenzgänger/Frontalier“ beim Sommerfest des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck bereits im Jahr 2013.


Till und Felix Neumann leben mit ihren Familien an unterschiedlichen Orten: Till in Freiburg, Felix in Kehl. Die räumliche Distanz sei wichtig, damit jeder sein eigenes Leben führen kann. Sie sehen sich aber dennoch mindestens zweimal die Woche und schreiben sich nahezu stündlich per Whatsapp.