Autohaus: Daten sind das Öl der Zukunft…

… und Ökostrom der neue Treibstoff. Worauf sich traditionelle Autohäuser beim Mobilitätswandel einstellen müssen, wo die Tankstelle der Zukunft stehen könnte und welche neuen Geschäftsmodelle durch die E-Mobilität entstehen.

Anna-Lena Gröner

Es ist wie damals bei der Umstellung vom Festnetz auf das Mobiltelefon. Das hat alles verändert“, sagt Sascha Kammerdiener, Centerleiter Nutzfahrzeuge bei Mercedes-Benz Kestenholz in Freiburg, beim Versuch zu erklären, was gerade mit der Elektromobilität auf uns zurollt. Anfangs waren Handys viel zu teuer, viel zu schwer, ein Nischenprodukt. Inzwischen verlässt in Deutschland kaum mehr jemand das Haus ohne sein Smartphone. Die Geschichte der Elektro-Autos könnte ähnlich verlaufen.

In der Automobilbranche möchte gerade jeder der Erste, Beste und Fortschrittlichste sein. Audi präsentierte Anfang April den neuen e-tron, als ersten elektrischen SUV, Mercedes lässt mit dem EQC nicht lange auf eine Antwort warten und VW möchte mit einem erschwinglichen Modell aus der I.D.-Familie Anfang nächsten Jahres den Serienmarkt erobern. Bei Smart werden schon dieses Jahr die letzten „Verbrenner“ produziert.

Das Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) rechnet damit, dass 2040 rund 1,3 Millionen Elektro-Autos auf deutschen Straßen fahren werden (Anfang 2019 waren laut der Markt- und Konsumentendaten Plattform Statista 83.200 solcher Fahrzeuge in Deutschland zugelassen). Was bisher ein unausgegorener und teurer Kompromiss war, wird zum immer ausgeklügelteren Zukunftsmodell.

Um für die maßgeblichen Veränderung gewappnet zu sein, müssen neben der Industrie auch Autohäuser umdenken. Es geht ums Überleben. „Wir müssen uns auf zwei Dinge einstellen“, sagt Peter Litterst, einer der Geschäftsführer der Link.Lahr GmbH, „durch die E-Autos wird es weniger Werkstattaufenthalte geben und damit vor allem weniger Öl-Erlös – bisher der Ertragsbringer für jede Werkstatt. Gleichzeitig werden unsere Verkäufer künftig nicht nur Autos verkaufen, sondern Fragen rund um Ladeinfrastruktur und intelligente Technik beantworten, eigene Ladesysteme anbieten sowie das Function-on Demand Geschäft betreuen“.

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Gewappnet für den Wandel: Peter Litterst, einer von vier Link-Geschäftsführern. Foto: Alexander Dietrich

Kunden der neuen (E)-Autos können dabei selbst entscheiden, ob sie sich beispielsweise ein Navigationssystem über die entsprechende Cloud dazu buchen und wie lange sie diese nutzen möchten. Beim Autohaus Link.Lahr wurde extra für das neue Geschäftsfeld der digitalen Dienste das „Digital Genius“ Team gebildet. Es soll nach dem Kauf den Kontakt mit den Kunden aufrechterhalten und so viele Kundenadressen wie möglich sammeln. Die Daten sind das neue Öl – wer sie hat, kann mit digitalem Service punkten.

Das Werkstattgeschäft wird es weiterhin geben, aber: „Wo früher Ölwechsel gemacht und Kupplungen repariert wurden, werden in Zukunft Batteriezellen erneuert. Dazu bilden wir aktuell zwölf unserer Mechaniker zu Hochvoltelektronikern aus“, sagt Litterst. Diese Veränderung erfordert neue Werkzeuge und völlig neues Know-How an der Hebebühne. Auch der Weg, wie das Auto in die Werkstatt findet, wird bald ein anderer sein. Nicht der Kunde ruft an, sondern das Auto kommuniziert mit dem zuständigen Autohaus – gespeicherte Daten machen es möglich.

In einigen Jahren sollen die Fahrzeuge sogar in der Lage sein, eigenständig zur Vertragswerkstatt zu fahren. Die Kompaktklasse der VW I.D. Familie soll laut Hersteller ab 2025 auf Befehl vollautomatisiert fahren. Das DLR geht sogar davon aus, dass autonome Fahrzeuge in rund 20 Jahren bereits 25 Prozent des Bestandes ausmachen.

Einkaufen und auftanken

Um den rundum-sorglos-Service abzurunden, dürfen Ladesäulen auf dem Gelände jedes Autohauses nicht fehlen. Was bei Link in Lahr schon existiert, wird bei Mercedes Kestenholz in Freiburg gerade für 300.000 Euro aufgebaut – fünf Ladestationen für den EQ-Stützpunkt. „Um Kunden und Interessenten für Elektrofahrzeuge binden zu können, wird es zwingend notwendig sein, dass ein Autohaus eine Ladeinfrastruktur anbietet“, sagt Tobias Gutgsell, Geschäftsführer des BMW Autohauses Märtin. Auf dem Gelände stehen seit Anfang 2018 elf öffentliche Ladesäulen, der Strom stammt aus der eigenen Photovoltaikanlage. Denn nur wer 100 Prozent Ökostrom anbietet, ist am Ende sauberer als ein Diesel.

Reichweite war für Verbraucher wie für den Handel bisher immer die heikelste Fragestellung beim Thema E-Mobilität. Doch die Technik wurde aufgerüstet: aus anfangs 150 bis 200 Kilometern sind inzwischen 300 bis sogar 500 Kilometer geworden, die die neuen E-Autos mit einer vollgeladenen Batterie zurücklegen können. Das Aufladen dauert keine Stunden mehr, dank Schnellladesäulen kann die Batterie in knapp 30 Minuten auf 80 Prozent gebracht werden. Trotzdem: ohne ausreichende Ladeinfrastruktur keine astreine Umsetzung des neuen Mobilitätskonzeptes.

Der stationäre Handel will dabei eine immer größere Rolle spielen. Neben Autohäusern, Firmenparkplätzen und öffentlichen Ladestationen sollen die Parkplätze großer Einkaufszentren einen idealen Platz für Ladesäulen darstellen. Das denkt Lebensmitteleinzelhändler Lidl und möchte deutschlandweit innerhalb eines Jahres rund 400 weitere Filialen mit Ladesäulen ausstatten. Somit soll gewährleistet werden, dass zwischen zwei Lidl-Ladesäulen eine maximale Fahrstrecke von nur 50 Kilometern liegt. So lohnt sich Lidl für E-Auto-Fahrer bald doppelt. Denn der Strom ist für die Kunden kostenlos – noch.

Bisher sind Ladestationen auf Kundenparkplätzen ein reines Marketinginstrument. Die Investitionen lassen sich aktuell kaum über den Verkauf von Strom amortisieren. Bei meist nur kurzer Parkdauer wären Abrechnen und Erstellen einer Rechnung teurer als die entgegenstehenden Einnahmen. Mit immer mehr Elektrofahrzeugen auf den Straßen könnte sich daraus trotzdem ein Geschäftsmodell entwickeln. „Steigt die Anzahl von Besuchern sind Ladesäulen zum Beispiel ein interessanter Kontaktpunkt für Werbekommunikation, was einen zusätzlichen Wirtschaftsfaktor und damit auch ein Geschäftsmodell darstellen kann“, sagt BMW Märtin-Geschäftsführer Gutgsell. Wie einst das Mobiltelefon die Kommunikation revolutioniert hat, werden die E-Autos die Mobilität verändern. Der Wechsel ist eine völlige Systemänderung. Sie beginnt im Kopf, den Rest erledigt der Fortschritt.