Ausgerechnet Stroh könnte sich zum Baumaterial der Zukunft entwickeln. Es ist regional, günstig, ein nachwachsender Rohstoff, der CO2 bindet. Beste Voraussetzungen also, um ökologisches Bauen voranzutreiben. Wie die Zimmerei Grünspecht aus Freiburg Pionierarbeit leistet.
VON ANNA-LENA GRÖNER
Wer vom „Haus aus Stroh“ hört, denkt vielleicht an das Schwein aus dem Märchen, dessen Strohhaus vom Wolf gnadenlos weggepustet wird. In der Realität wird selbstverständlich kein Haus komplett aus Stroh gebaut. Vielmehr dient es in gepresster Form als Dämmmaterial und ist in Kombination mit Holz und Lehm der ideale Baustoff, um eine ökologische Wende am Bau voranzutreiben. Die muss kommen, denn der Bausektor ist für ein Drittel der weltweiten Emissionen verantwortlich.
Ausgerechnet ein Wolf treibt in Südbaden den Bau mit Stroh voran: Markus Wolf ist Vorstandsmitglied der genossenschaftlich organisierten Zimmerei Grünspecht in Freiburg. Seit 2018 bietet sie den Strohballenbau an, der sich ideal mit ihrer Kernkompetenz, der Holzbauweise, verbinden lässt. Allein im vergangenen Jahr hat das Grünspecht-Team neun Häuser in Strohbauweise errichtet und sich inzwischen Expertenstatus erarbeitet.
Seit 2006 sind Strohballen als Baumaterial bauaufsichtlich anerkannt. Längst werden nicht mehr nur Privathäuser realisiert. Bereits 2013 entstand in Saint-Dié-des-Vosges im Elsass ein 8-geschossiges Wohngebäude. Mit Stroh gedämmt wurde schon vor über hundert Jahren, das Material verbirgt sich hinter manch altem Fachwerkgemäuer. Trotzdem rückt der nachhaltige Rohstoff nur langsam zurück auf den Bauplan.
Das liegt vor allem an der noch kleinen Lobby, die gegenüber großen Styropor- und Zementmächten eher leise ist. Aber es tut sich etwas: seit 2017 gibt es das EU-Projekt „Up Straw“, das mit insgesamt 3,8 Millionen Euro das Bauen mit Stroh fördert. In England, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland entstehen seither öffentliche Pilotprojekte in Strohbauweise.
In Deutschland ist es ein dreigeschossiges Mehrzweckgebäude mit 2637 Quadratmetern, das von der Benediktinerabtei im bayerischen Plankstetten gebaut wird. Kosten rund sechs Millionen Euro. Mit dem Up-Straw Projektleiter Benedikt Kaesberg hat sich auch Markus Wolf in den vergangenen Jahren immer wieder ausgetauscht. „Er hat bei unseren ersten Häusern mitgearbeitet und uns begleitet“, sagt der Zimmermeister.
Ein weiterer glücklicher Zufall war das Aufspüren des perfekten Strohhändlers: Peter Henkel, von Stroh-Henkel aus Neufra im Landkreis Sigmaringen. Wolf nennt ihn einen „schwäbischen Daniel Düsentrieb“. Denn Henkel hatte seine Strohpresse, mit der er inzwischen den Grünspechten die idealen Strohballen liefert, schon vor rund 14 Jahren entwickelt. Damals für ganz andere Zwecke: um Feldstroh kompakt und ergiebig im Container nach Saudi-Arabien zu exportieren. Nicht als Baustoff, sondern für die Pferde der Scheiche.

Mondlandung im Strohballenbau
„Wir können den Plan vom Haus machen und Peter Henkel einen genauen Plan fürs Stroh schicken, das nachher in die vorgebauten Holzrahmen kommt. Das ist wie ein Legobausatz“, sagt Wolf. Den Fortschritt, den seine Zimmerei dank dieser Lego-Schnelligkeit bei den Strohbauten erreicht, bezeichnet der Zimmermeister als „Mondlandung“.
In nur drei bis fünf Wochen wird ein Haus in der großen Halle in Freiburg-Hochdorf fertig vorbereitet. Statt mühsam auf der Baustelle werden bei den Grünspechten die Wandelemente in der eigenen Halle, im Liegen, mit den Strohballen gefüllt. Im Anschluss wird die Oberfläche des Strohs mit der Heckenschere rasiert und so perfekt für den Lehm vorbereitet. Bis hierher spielt das Wetter keine Rolle.
Erst wenn der Sattelzug kommt, um die Elemente an den Bauplatz zu transportieren, sollte es trocken bleiben. Nach ein bis zwei Tagen steht das Haus samt Dachkonstruktion. Dann beginnt die „Drecksarbeit“. Denn das Arbeiten mit Lehm und Kalk erfordert nicht nur Zeit und handwerkliches Geschick, es ist auch eine dreckige Angelegenheit. Wer jetzt denkt, das Ergebnis solcher Holz-Stroh-Lehm-Konstruktionen sind traurige braune Hütten mit kleinen Fenstern, der irrt.
In Freiburg-Littenweiler zeigt Markus Wolf ein aktuelles Projekt. Der überzeugte Bauherr ist schon eingezogen, auch wenn die Zimmerei Grünspecht und andere Handwerker noch fleißig sind. Bereits der Geruch des Neubaus ist anders: statt nach Lack und Farbe, riecht es angenehm nach Holz, fast nach Wald.
Im Wohnzimmer mit offener Küche lässt ein großes holzgerahmtes Erkerfenster die Sonne rein, eine verglaste Front mit Schiebetür öffnet den Weg in den Garten nach Westen. Die Wände sind mit weißem Kalk verputzt, außer in der Küche, dort wollte der Hausbesitzer den natürlichen Lehmton belassen. Durch Lehmund Kalkputz ist die feine Struktur der Strohhalme fühl- und sichtbar. Eine kleine integrierte Glasscheibe im Wohnzimmer lässt hinter die Fassade blicken und beweist: hier steckt Stroh in den Wänden. „Das wollen alle“, sagt Markus Wolf.
Die Mitte finden
Anfangs vielleicht als Ökospinner belächelt, werden die Bauherren ums Ergebnis beneidet, sagt der Zimmermeister. Trotzdem halten sich manche Vorurteile hartnäckig. Vor allem die Frage nach Feuer, Feuchte und Viechern kommt beim Strohballenbau immer wieder auf. Die Antwort: kein Problem.
In gepresster Form entspricht Stroh den gleichen Brandschutznormen wie Holz. Durch das trockene, eng gepresste und gut verputzte Dämmmaterial finden weder Nässe noch Nager einen Weg. Die Vorteile überzeugen: Stroh kann regional bezogen werden und ist in Deutschland ausreichend vorhanden. Etwa 20 Prozent des aufkommenden Rohstoffs bleiben ungenutzt. Das wäre genug für die Wärmedämmung von etwa 350.000 Einfamilienhäusern.
Zudem entlasten strohgedämmte Gebäude das Klima dreifach: zum einen speichert Stroh CO2 beim Wachstum, zum anderen werden etwa 12 Tonnen CO2-Emissionen pro Hausbau gespart (ein konventionell gebautes Haus belastet die Umwelt mit etwa 49 Tonnen). Zuguterletzt vermeidet die effiziente Wärmedämmung CO2-Emissionen im Gebäudebetrieb. Um den gewohnten Komfort zu erreichen und mit Stroh als Baustoff in die Breite zu gehen, müsse man jedoch Kompromisse eingehen und die richtige Mitte finden, sagt Wolf. „Wenn ich zu dogmatisch bin, verprelle ich die Leute. Wer so viel Geld investiert, der möchte sich verwirklichen, etwas Schönes haben und nicht als Öko-Freak gelten.“
So wie im Öko-Dorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt, wo man seit 2004 mit Stroh baut und komplett auf industrielle Baustoffe verzichtet, könne man daher nicht arbeiten. „Sie haben dort unglaublich viel Entwicklungsarbeit für den Strohballenbau geleistet“, lobt Markus Wolf. Auch seine Denkweise habe der Besuch im Öko-Dorf und das Bauen mit Stroh verändert.
Um Stroh als Baumaterial weiter in den Markt zu bringen, sei daher wichtig, dass mehr Firmen für das Thema „umweltbewusster bauen“ sensibilisiert werden und aus dieser Position heraus versuchen, mehr Alternativen zu finden und ökologisch immer besser zu werden. „Bis vor zwei Jahren habe ich mir auf der Baustelle keine großen Gedanken gemacht, was in den Materialien für ein Energieverbrauch, für ein CO2-Ausstoß und für Schadstoffe stecken. Die Fragen waren immer: wie kriege ich das dauerhaft dicht? Wie lange hält’s? Was kostet es?“.
Noch zahlen Bauherren im Schnitt etwa 10.000 bis 15.000 Euro mehr für ihr strohgedämmtes Haus. Schuld daran sind die vielen Handwerkerstunden, die anfallen. Doch Wolf ist sich sicher, dass mit wachsendem Knowhow und steigender Routine diese Mehrkosten in Zukunft minimiert werden können.