Digitalisierung: Die Generation Y und der Arbeitsmarkt

Philipp Riederle ist 23 Jahre alt und berät seit seiner Jugend Unternehmen im Umgang mit der digitalen Transformation. Ein Interview am Rande seines Vortrags in Freiburg.

Von Daniel Schnitzler

Im Rahmen eines Vortrags von Phillip Riederle im November im historischen Kaufhaus in Freiburg, den netzwerk südbaden zusammen mit der Buchhandlung Rombach veranstaltete, sprachen wir mit Riederle über das Thema Digitalisierung und über die Generation Y. Zugleich war es Anlass für ein Gespräch mit Gästen, wie Ihre Unternehmen im Bereich der Digitalisierung aufgestellt sind und wie sie sich attraktiv für potenzielle junge Arbeitnehmer machen.

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Philipp Riederle erklärt seit er 15 Jahre alt ist die Welt der digitalen Generation. Foto: Zueger

Sie sprechen in Ihren Vorträgen über die Digitalisierung und die Generation Y. Was zeichnet sie aus? Wie grenzt man sie ab?

Die Generation Y – oder, wie ich lieber sage: die Digitale Generation – kennt die Welt nicht anders als digital. Das ist einer der maßgeblichen Unterschiede zu früheren Generationen. Ich glaube, dass unsere Generation für die aktuellen Rahmenbedingungen am kompatibelsten ist; weniger, dass uns als Generation etwas Besonderes auszeichnet. Ob man ein Digital Native ist, hängt nicht zwingend vom Alter ab. Es gibt viele Leute, die in den 60er-Jahren geboren sind, sich aber schon früh mit einem Atari oder Commodore beschäftigt haben oder generell neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen sind. Und es gibt auch junge Menschen, die sich dem Digitalen fast vollständig verweigern. Deswegen ist die Abgrenzung nicht immer einfach. Eine Generation darf man nicht als homogene Masse sehen. Der Generationenbegriff ist für mich ein dynamischer Begriff. Ein analoger Prolet wird auch in der digitalen Welt ein Prolet sein.

Über welche für den Arbeitsmarkt relevanten Soft Skills verfügt Ihre Generation ganz besonders?

Durch die Digitalisierung verändert sich die Berufswelt extrem. Alles wird schneller und komplexer werden. Einfache, sich stetig wiederholende Tätigkeiten wird es in der Zukunft nicht mehr geben. Der Organisationsgrad steigt. Daher braucht die Generation Y ein höheres Maß an Verantwortung, Organisation oder Kommunikation. Die Soft Skills müssen dementsprechend über die Zeit erlernt werden.

Welche Schritte müssten am dringendsten von Unternehmen unternommen werden, um die Digitalisierung nicht zu verschlafen?

Verstehen, dass die Digitalisierung nicht allein das Anlegen eines Facebook- Accounts ist. Ausprobieren, mutig sein. Die dringend nötigen Veränderungen bis in die Tiefe verstehen und vollziehen. Die Digitalisierung braucht einen festen Platz in der Struktur des Unternehmens: in der Führung, in der Organisation, in der Kultur, bei der Anwendung und Einführung von Tools. Zudem müssen natürlich die Arbeitsplätze an das digitale Zeitalter angepasst werden.

Ihre Zuhörer sind nicht selten Manager von großen Konzernen, die unzählige Arbeitsplätze anbieten. Was qualifiziert gerade Sie dazu, diese Konzerne zu beraten?

Im Jahr 2008 habe ich als 13-Jähriger angefangen, mich in der digitalen Welt zu bewegen. Ich habe mit meinen Podcasts schon über 100.000 Leute erreicht, als es Youtube in der Form in Deutschland noch gar nicht gab. So wurde ich bereits mit 15 von den ersten Unternehmen eingeladen. Erst um zu verstehen, wie man im Internet erfolgreich ist und danach um zu verstehen, wie unsere Generation funktioniert und denkt. Durch diesen ständigen Austausch mit Firmen, eigene Unternehmensgründungen, durch das Schreiben meiner Bücher – einfach dadurch, dass ich immer am Puls der Zeit bin, erklärt sich meine tiefe Expertise. Ich möchte Brücken spannen: Auf der einen Seite erkläre ich die digitale Welt, gleichzeitig verstehe ich auch die Unternehmen gut.

Ihre Generation plädiert sehr stark für die Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Birgt dies nicht die Gefahr, dass immer mehr gearbeitet wird, wie aktuell an der Anzahl der geleisteten Überstunden zu erkennen ist?

Das ist ein guter Punkt. Es muss nicht immer zwingend eine Vertrauensarbeitszeit geben. Wir verstehen nur nicht, warum wir an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit präsent sein sollen, obwohl es völlig egal ist, wann und von welchem Ort wir diese Arbeit erledigen. Natürlich gibt es auch Einschränkungen: ein Kellner muss nun mal die Gäste zu einer bestimmten Zeit bedienen. Genauso wie ein Bäcker nachts backen muss, so dass es am nächsten Tag frische Brötchen gibt. Wichtig für gelingende Vertrauensarbeitszeit ist jedoch, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer die flexible Arbeitszeit richtig nutzen. Aber da sind wir wieder bei den Soft Skills. Die Mitarbeiter müssen sich auf der einen Seite selber disziplinieren und arbeiten und auf der anderen Seite ein Verantwortungsgefühl haben Die Arbeitgeber sollten im Eigeninteresse darauf achten, dass die Mitarbeiter nicht überlastet werden.

Erscheinen Arbeitsmodelle wie bei Google mit völlig flexiblen Arbeitszeiten, ohne Hierarchien, aber mit Restaurants, Kindergärten und Wohnraum auf dem Campus für Sie erstrebenswert?

Ist doch komfortabel und nett. Finde ich nicht schlecht, bei so einem Unternehmen zu arbeiten. Ob jetzt ein Wohnraum auf dem Campus der richtige Schritt ist? Privat- und Berufsleben müssen auch nicht zu sehr vermischt werden. Aber: die Anforderungen an die Mitarbeiter ändern sich. Wir stehen in der Zukunft nicht mehr am Fließband. Wir brauchen unsere geistige Flexibilität, die Kreativität. Wir müssen geistig Hochleistung bringen. Einfache Tätigkeiten werden in der Zukunft von Maschinen übernommen. Also schaffe und fördere ich als Unternehmen eine Atmosphäre, in der Mitarbeiter diese Anforderungen auch erfüllen können.

Welche Berufe bleiben Ihrer Meinung nach erhalten, auch wenn die künstliche Intelligenz mehr und mehr Aufgaben übernimmt?

Handwerk wird eine Renaissance erfahren. Die Branche muss und wird attraktiver werden. Gerade durch die digitalen Möglichkeiten. Zudem hoffe ich, dass die Berufe, die mit Menschen zu tun haben, weiter an Bedeutung gewinnen und eine höhere Wertschätzung erfahren. Seien es Sozialarbeiter, Pfleger oder Lehrer. Auch dort wird der digitale Wandel den Beruf attraktiver machen. Wir werden in der Zukunft durch den digitalen Wandel mehr Zeit für den Dienst am Miteinander haben. Wegbrechen werden sich wiederholende, einfache Tätigkeiten. Beispielsweise in der Produktion. Ich sehe nicht, dass dort viele
Arbeitsplätze erhalten bleiben. Immer wichtiger dagegen werden Berufe, in denen man strategisch arbeitet, organisiert, entwickelt oder führt. Wir müssen uns einfach darauf einstellen und den unausweichlichen Wandel annehmen. Wenn in Zukunft fünf Prozent der Menschen so viel Wertschöpfung herstellen können, wie es heute insgesamt ist, müssen wir dafür eine gesellschaftliche Antwort finden. Wir werden den Job des Bandarbeiters oder des Paketfahrers nicht vermissen.

Glauben Sie, dass das bedingungslose Grundeinkommen ein Modell bereits für die nahe Zukunft sein wird?

Um darauf seriös antworten zu können, müsste erst mal ein konkretes Modell vorliegen. Wenn ich vom bedingungslosen Grundeinkommen spreche, ist dies genauso ein Überbegriff wie ‚Sozialstaat‘. Wie Grundeinkommen konkret ausgestaltet sein könnte, weiß man noch nicht. Und erst dann kann ich darüber urteilen. Als Gesellschaft werden wir in der Zukunft keine andere Wahl haben, als über neue Formen der Umverteilung nachzudenken. Arbeitsplätze werden ein sehr knappes Gut werden, weil durch die Digitalisierung sehr viele Jobs wegfallen und wir dann noch nicht soweit sind, die Menschen so auszubilden, dass sie die übrig gebliebenen Berufe in Gänze ausführen können. Deswegen kann keine Gesellschaft darauf verzichten, neue Umverteilungsmodelle einzuführen, wenn sie sich nicht mit Bürgerkriegen, Revolten oder sozialen Unfrieden konfrontiert sehen will. Ich kenne im Moment noch keine Alternative für den Fall, dass es plötzlich viele Millionen Arbeitslose mehr gibt.

Kann Ihre Generation das Wohlstandsniveau in diesem Land erhalten?

Grundsätzlich wird sich unser Wohlstand durch den technischen Fortschritt massiv erhöhen. Die Frage ist tatsächlich, ob die Anführer dieses Fortschrittes noch deutsche Unternehmen oder eher multinationale Konzerne sind. Weil die deutschen Unternehmen lieber so weitermachen wie bisher und leider immer noch nicht verstehen, wie ernst die Lage ist. Wenn man sich die deutsche Automobilindustrie anschaut, dann mache ich mir große Sorgen um deren Innovationskompetenz. Unternehmen trauen sich nicht, sind zu langsam oder bleiben lieber in den alten Denkmustern. Schauen Sie sich im Vergleich Tesla an. Die sind uns viele Schritte voraus. Wir haben unsere Köpfe, keine Rohstoffe. Wir sind ein Land der innovativen Denker, der Ingenieure. Damit haben wir unseren Wohlstand aufgebaut. Wenn wir jetzt den Anschluss verlieren, weiß ich nicht, was dieses Land berechtigen soll, weiterhin wirtschaftlich eine Führungsrolle einzunehmen. Wenn Sie in eine Großstadt nach Japan gehen und dann wieder zurück nach Deutschland, fühlen Sie sich wie im tiefsten Mittelalter. Wir müssen aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verpassen. Sonst sind es Firmen in Japan, Südkorea oder ein Tesla, die in Zukunft unseren Markt bestimmen. Und doch bin ich zuversichtlich, dass längst nicht alles verloren ist – würde ich sonst Vorträge halten, beraten und Bücher schreiben?