Forschung: Doppelnutzung durch Agrophotovoltaik

Landwirtschaftliche Flächen sind knapp und Pachtpreise steigen. Deshalb testen Wissenschaftler Technologien wie Agrophotovoltaik: Eine Doppelnutzung, Solarmodule und Kulturpflanzen. Auch das Staatsweingut in Freiburg hat Interesse daran.

Von Katharina Müller

Weniger Wasser, schwindende Rohstoffe und vor allem teurer werdendes Land. Die Ressourcen der Erde sind knapp. Darüber herrscht Einigkeit, auch beim deutschen Bauernverband. Die Meinungen sind gespalten: Pessimisten gehen davon aus, dass die auf Wachstum ausgelegte ökonomische Nutzungslogik langfristig ein Gefälle und enorme Verknappungen verursachen wird, wenn sich nicht das Verhältnis zur Natur grundlegend ändert, wie es der französische Philosoph Michel Serres mit dem Naturvertrag fordert. Die Optimisten hingegen glauben, dass technologische Entwicklungen und die dazugehörige Forschung mit marktfähigen Produkten in Zukunft Lösungen bringen werden.

Ein Beispiel dafür ist Agrophotovoltaik (APV). Derzeit testet das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE am Bodensee mit der Demeter-Hofgemeinschaft Heggelbach die Doppelnutzung von Feldern: Solarmodule oben und Pflanzkulturen am Boden, der Bauer erntet doppelt und wird zum Energiewirt. Photovoltaik und Photosynthese. So steht es auch auf der Informationsseite des mehrjährig angelegten Forschungsprojekts: Wie reagieren die Böden, wie wird bewässert, wie ist der Ernteertrag. Zwölf Monate lang wuchsen am Bodensee bereits Kartoffeln, Kleegras, Kartoffeln, Winterweizen und Sellerie, geerntet wurden auch 245.666 Kilowattstunden Solarstrom für die Elektrizitätswerke Schönau. Die ersten Erträge, je nach Kulturpflanze und Beschattung fielen zwischen fünf, aber bis zu 18 Prozent geringer aus als auf den Vergleichsflächen. Das zeigten die Auswertung der Ergebnisse durch die Universität Hohenheim Ende 2017.

Dennoch hätte eine Doppelnutzung der Fläche Vorteile für Bauern, denn die zusätzliche Einnahmequelle würde die stark gestiegenen Pachtpreise der letzten Jahre abfedern. Der Grund für den Anstieg sei zunehmend mehr Bauland, aber auch die Energiewende, die mit Energiepflanzen rund 18 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ausmache und Ackerland für Mais oder Raps beanspruche, so erklärt Projektmitarbeiter Maximilian Trommsdorff die Situation. „Weltweit hat diese Entwicklung angezogen, in Japan beispielsweise ist Agrophotovoltaik schon fest in der Gesellschaft verankert“ und auch hierzulande könnten solche Entwicklungen verstärkt kommen, am Beispiel Frankreichs sieht man, dass derzeitige Utopien schnell marktfähig gewordene Realität werden können.

netzwerk südbaden

Rolf Steiner vom Staatlichen Weinbauinstitut in Freiburg Foto: Alexander Dietrich

Rolf Steiner vom Staatlichen Weinbauinstitut in Freiburg hat allerdings großes Interesse daran, als staatliche Forschungseinrichtung solche Möglichkeiten mit wissenschaftlicher Begleitung in der Praxis zu testen, beispielsweise am Blankenhornsberg am Kaiserstuhl, „das ist unsere Aufgabe“, sagt er, „nicht nur Kellertechniken, auch Möglichkeiten im Weinberg auszuprobieren“. Zwei Anträge wurden dafür bereits gestellt, jeweils für unterschiedliche Ausschreibungen, noch keiner sei aber genehmigt worden. In diesem Jahr wird die dritte Bewerbung folgen: „Wir sind zuversichtlich, dass es diesmal klappt“, so Trommsdorff, der mit Steiner für dieses Projekt kooperiert.

Während beim Acker bisher vor allem die Effizienz der Doppelnutzung als attraktiv erscheint, ist es im Weinberg gerade die Beschattung, die ein solches Forschungsprojekt interessant machen. Steiner: „Die Winzer haben mit dem Klimawandel zu kämpfen: Nässe und Verschiebung von Jahreszeiten bis hin zum feuchten Herbstwetter setzen den Weintrauben zu.“ Die Edelfäule (Botrytis) und schließlich die Essigbakterien können sich vor allem bei sehr reifen Trauben ausbreiten. Ein Dach über den Rebzeilen könnte die Sonne abhalten, vor Hagel schützen und den Reifezeitpunkt in den Oktober verschieben. Dass die Weine dann vielleicht auch keinen so hohen Alkoholgehalt mehr haben, wäre „aus Vertriebssicht ein zusätzlich schöner Nebeneffekt“, sagt Steiner.

Doch trotz den Möglichkeiten, die es in den nächsten Jahren zu erforschen gilt, gibt es auch grundlegende Zweifel daran, ob diese Technologie sich durchsetzen kann und gesellschaftlich akzeptiert würde: Zwar seien die Ergebnisse des Bürgerworkshops im Rahmen des Agrophotovoltaik-Projekts gut gewesen, wenn man allerdings  den Widerstand der Bevölkerung bei Windrädern betrachtet, dann bleibt die Frage, was geschieht, wenn Weinberge mit Solarmodulen bestückt werden sollen – prägen die Rebhänge doch auch das Landschaftsbild in Südbaden und möglicherweise zählt wie so oft die Emotionalität mehr als rationale Begründungen.