Der Winzer Peter Wagner zeigt mit einem sehr jungen Weingut, was es heute braucht, um so ein Unternehmen aufzuziehen: eine gute Ausbildung, einen eigenen Stil – und viel Leidenschaft.
VON RUDI RASCHKE
Lässt sich ein Weingut ein wenig wie ein Start-up betrachten? In so einer jahrhundertealten Traditon? Warum nicht. Wenn es sich um einen recht jungen Betrieb handelt, der sich in einer innovativen Gründungsphase befindet. Der sein Geschäftsmodell und sein Produkt klug reflektiert, ein paar Dinge anders macht als andere und zugleich mit beiden Beinen (und seinen Rebstöcken) fest in dieser Welt verwurzelt ist.
Die Welt ist für Peter Wagner der Weinbau. Er ist 33 Jahre alt, aber seit 16 Jahren in diesem Beruf tätig. Vor vier Jahren hat er nach dem Schritt in die Selbständigkeit die ersten Flaschen abgefüllt. Er hat dafür stattlich investiert, noch dazu in einer Branche, in der nun keiner auf ihn gewartet hatte, aber er hat sich dabei auch auf ein klares Konzept verlassen können.
Die Voraussetzungen waren der Hof des Vaters und kleine Kellerräume dort, aber die sieben Hektar Reben, die dazu gehörten, lieferten Trauben für die örtliche Winzergenossenschaft. Deshalb musste er zum Start die ersten vier von 20 mittelgroßen Stahltanks zwischen 1000 und 2000 Litern anschaffen, auch die kleineren Holzfässer, in denen seine Weine lagern. Die Reben wieder aus der WG-Vermarktung zu holen, mag ein normaler Vorgang sein, aber es ist nicht so, dass man sich in einer 1600-Einwohner-Gemeinde damit irre beliebt macht.
Wie entsteht ein Weinkonzept?
Neun Weine und einen Winzersekt produziert Wagner im Kaiserstuhl, das Ganze getrieben von einem Konzept, das sich als authentisch und verortet präsentiert. Er hat in Geisenheim im Rheingau studiert, im Breisacher Winzerkeller gelernt und beim Weingut Franz Keller in Oberbergen gearbeitet, aber „ein eigenes Konzept lernst Du, wenn Du viele Länder besuchst“.
Bei ihm waren das Stationen im Burgund, aber auch in Kalifornien und Neuseeland. Hier habe er gelernt, was er will und was er nicht will. Aber auch, dass Effizienz und Qualität sich nicht ausschließen. Wagner ist bisher keinem regionalen Winzernetzwerk beigetreten, aber er ist auch kein Einzelkämpfer.
Gemeinsam mit Weinmacher-Kollegen aus nah und fern nutzt er die geradlinigste Form der Kollaberation: Sich einfach mal einen Probekarton mit sechs Flaschen hin und her zu schicken. Zum eigenen Wein gehört für ihn eine klare Handschrift, im Sinne einer Stilistik, die möglichst bei allen Weinen durch Jahre und Rebsorten hindurch zu schmecken ist – ohne Gleichmacherei unterschiedlicher Böden und Jahrgänge.
Was für einen Firmengründer selbstverständlich ist, das Wissen um sein Produkt, ist bei Weingütern keineswegs so eindeutig. Sie sind ständigen Schwankungen unterworfen. Umso wichtiger war es für Peter Wagner, eine klare Stilistik bereits bei der Außendarstellung, seinem Logo und den Etiketten zu wählen. Die zeigen die Kaiserstuhl-Topografie, in die ein „W“ eingearbeitet ist.

Es schaut schlicht und zeitlos aus und man kann sich schwer vorstellen, dass Wagner sich der anderorts üblichen Antilogik ständiger Überarbeitungen und Neuprodukte unterwirft. Er macht Spätburgunder, Grauburgunder, Chardonnay und den lokaltypischen Müller-Thurgau. Er folgt einer klaren Hierarchie von Lagenweinen, Ortsweinen und Gutsweinen. „Echt, nicht fancy“, sagt er zu seiner Idee und der keineswegs mehr so selbstverständlichen Vorstellung, dass ein Winzer übers Jahr hinausdenken sollte.
Einfach mal anders
Der ruhige Wagner würde sich damit nicht hinstellen und es als Innovation, Revolution oder gar Rebellion abfeiern, was er da auf Flaschen zieht. Gerade deshalb fällt auf, dass er sich einer selten gewordenen Zurückhaltung und Eleganz bedient.
Das bedeutet: eben nicht den zweihundertsten fett-fruchtigsüßen Grauburgunder auszuschenken, sondern das Gegenteil: säurebetont, nahezu kein Restzucker, keine Alkoholbombe, sondern im 12-Prozent-Bereich. Lieber einen Ticken zu früh gelesen, als mit Blick auf neue Öchslerekorde. Alle Weine liegen lang auf der Hefe, sie sind teils spontanvergoren und unfiltriert.
Das setzt durchaus Neugier und veränderte Gewohnheiten beim Trinker voraus. Diese Handschrift sagt Wagner, sei aus „eigener Überzeugungsarbeit“ gewonnen, er folgt keinem Dogma, das ihn bei Berlin-Mitte-Sommeliers auf der Karte platzieren soll. Er ist allerdings auch kein Fall für den Lebensmittel-Einzelhandel.
Überregionale Weinhandlungen führen ihn, auch Online-Shops sind dabei. Weil er ohnehin schon knapp ein Drittel seiner Arbeit dem Vertrieb widmet, verzichtet er auf einen eigenen Online-Shop. „Ich will nicht noch jede Minute am Handy checken müssen, was gerade passiert“, sagt Wagner. Stattdessen spricht er über ein Learning, das er in den wenigen Jahren seiner Selbstständigkeit für sich erkannt hat.
Man solle mindestens einmal mit jedem Händler, der seinen Wein verkaufen will, „einen trinken und sich in die Augen schauen“. Ob es passt. Damit es passt, muss ein junges Weingut aber auch ein Spannungsfeld bis zur Marktreife der Produkte aushalten, das andere Branchen so nicht kennen: Die Frage, wann er etwas herausbringt oder noch reifen lässt, ist für Peter Wagner keine leichte.
Reflektiert der Kunde, dass ein eben erworbener Wein von 2018 „in zwei Jahren Bombe“ (Wagner) schmeckt? Oder behält man ihn lieber im Haus, auch wenn weitere Jahrgänge die Fässer bräuchten und die Preise dann höher wären – der aktuelle Umsatz dagegen ausfällt? Ebenso wichtig: die Preisgestaltung. Wagner hat gelernt, dass „alte Reben“ sich wie seine Tephrit-Böden nicht nur sehr deutlich im Geschmack und Namen der Spätburgunder auswirken.
Sondern auch beim Verkauf ein klares Qualitätsmerkmal in einer unübersichtlichen Welt darstellen. Erfolgreiche, aber schmerzhafte Erkenntnis eines jungen Winzers, wenn ein Wein für 22,- Euro so gut wie ausverkauft ist: „Ich hätte ihn fürs Doppelte oder Dreifache verkaufen können“. Das alles ist Marktbeobachtung, keine Abgehobenheit. Wagner spricht auch von „Demut“, wenn es um seine ersten Jahre als selbstständiger Winzer geht.
Dazu gehört auch: kein stylisher Hofladen, probiert wird zwischen den realen Fässern und Tanks, man sitzt auf einer Bierbank. Zu sehen sind lediglich die neun Weine und faustgroße Proben des Untergrunds, auf dem sie gedeihen. Peter Wagner zeichnet sich durch einen stimmigen, ruhigen Markenauftritt aus, er baut seinen Wein ohne Kompromisse an. Und er unternimmt viel Aufwand dafür im Weinberg, um nachhaltig und glaubwürdig arbeiten zu können: Keine Herbizide, stattdessen viel Aussaat in den Böden der Rebfläche.
Ein biodynamischer Ansatz. Ein ganzheitlicher Zugang auch, der einem jungen Familienvater viel Leidenschaft abverlangt. (Übrigens auch seinem Vater, der weiterhin beteiligt ist.) Diese Leidenschaft kommt gar nicht mal so kurz, wenn er von dem schwärmt, was alle nur-so-Trinker oder einmalig-Aushelfer sich gar nicht so romantisch vorstellen: Die zwei bis drei Wochen Lese im Herbst.
Bei Wagner klingt das wie eine zusätzliche Weihnachtszeit – wenn er von der Magie spricht, wie es im Ort nach Trauben riecht, wie überall das Lesegut aus dem Rebberg transportiert wird, wie sich alle nur dem Herbsten widmen, fast kontemplativ, ohne Ablenkung. Auch wenn er sich nun sein halbes junges Leben lang mit Wein beschäftige: „Es gibt fast nichts Schöneres, als wenn danach in den Kellern die Hefe anfängt zu schaffen.“