Genuss: Mehr Klasse, weniger Konjunktiv

Was die „FestiVitas“ Mulhouse der vermeintlich großen „Plaza Culinaria“ voraus hat.

Wenn eine Messe für Speis und Trank zum „wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Jahres“ wird, sagt das entweder viel über den Zitierten – in diesem Fall FWTM-Geschäftsführer Daniel Strowitzki – oder über die betreffende Stadt aus. Oder eben über beide. Die „Plaza Culinaria“, vor mehr als 15 Jahren mit maßgeblicher Unterstützung regionaler Gastronomen ins Leben gerufen, hat für sich seit jeher eine eher ausgesuchte Klientel als Kernzielgruppe auserkoren.

Gediegen lässt sich hier zwischen den Küchen verschiedener Sterne-Köche über die Vorzüge der südbadischen Gastronomie schwadronieren, lassen sich neue Food- oder Biertrends nachspüren und förderwürdige Startups bewundern. Wer über die Jahre hinweg regelmäßig „die Plaza“ besucht hat kann bestätigen, dass man gerade abends stets auf altbekannte Gesichter trifft. Wie bei einem „großen Klassentreffen“, meint abermals Daniel Strowitzki.

Weniger exklusiv auf die obere Mittelklasse ausgerichtet, dafür aber mit einer gewissen Klasse gesegnet kommt die „FestiVitas“ in Mulhouse daher. Als vermeintlich kleine fran- zösische Schwester der Freiburger „Plaza“ liegen die Schwerpunkte der Messe neben Kulinarik seit jeher auf Reisen und Tourismus. Jahr für Jahr sorgen explizite Partnerländer und Regionen – in diesem Jahr war es mit China, Kambodscha, Thailand und Indonesien die Region Südostasien – für einen wechselnden thematischen Rahmen und ein entsprechend variantenreiches Programm.

Vermutlich ist es dieser etwas breiteren Aufstellung geschuldet, dass die „FestiVitas“ in den immerhin acht Jahren seit ihrer Gründung ihrem Konzept weitestgehend treu bleiben konnte. In Freiburg darf man sich hingegen berechtigt fragen, was ein Aussteller von Luxus-Whirlpools genau mit Kulinarik zu tun hat. Für die Hälfte des aktuellen Plaza-Eintrittspreises bekommt man bei der „FestiVitas“ nicht nur Einlass, sondern gegen Vorlage des Tickets auch ein Degustierglas in die Hand gedrückt. Und mit diesem lässt sich tatsächlich allerlei entdecken.

Auffallend ist, dass Genuss und Kulinarik in Mulhouse wesentlich selbstverständlicher anmuten als in Freiburg. Das „savoir vivre“-Klischee, vielleicht ist es im benachbarten Frankreich doch etwas weitläufiger gesellschaftlich verankert als diesseits des Rheins. Genuss ist auf der „FestiVitas“ jedenfalls kein auf kinderlose Doppelverdiener reduziertes „Klassentreffen“, gefühlt überwiegt tatsächlich der Anteil an Familienbesuchern, zumindest bis zum frühen Abend. Das Messeangebot ist dementsprechend familienaffin ausgerichtet.

Allerdings schmückt man sich natürlich auch in Mulhouse gern mit den schillerndsten Vertretern der gastronomischen Zunft. Gleich zwei der renommiertesten Häuser (l‘Auberge de l’Ill, Villa René Lalique) bringen sich ein, im Vordergrund steht dabei allerdings die Nachwuchsförderung. Das Messerestaurant S3 bietet die ausgefeilten Kreationen prämierter Sterneköche, wird dabei aber von den Auszubildenden und Lehrkräften der Hotelfachschule Guebwiller (bei Mulhouse) gestemmt.

Wer den Unterschied im Selbstverständnis zwischen „Festi-Vitas“ und „Plaza Culinaria“ erahnen will, muss nicht einmal eine der beiden Messen besuchen (auch wenn dies allen Vorbehalten zum Trotz in beiden Fällen durchaus zu empfehlen ist), es reicht bereits ein wacher Blick auf die offizielle Pressemeldung zur „Plaza“ am Tag ihrer Eröffnung 2018. Man muss sich – siehe oben – schon fragen, was es über die Veranstaltung selbst, aber auch über das Veranstaltungsmarketing sagt, wenn sich eine solche Meldung derart konsequent im Konjunktiv verliert.

Man mag den Verantwortlichen wohlwollend zugutehalten, dass sie sich im nonchalanten Augenzwinkern versucht haben und dass sowohl die Sache mit dem Klassentreffen als auch die Bedeutung der Messe als gesellschaftliches Ereignis mehr Selbstironie als bitterer Ernst war. Allein: Man nimmt ihnen weder das eine noch das andere so richtig ab. Selbst wenn die „FestiVitas“ die jüngere der beiden Veranstaltungen ist, hat sie dennoch etwas wesentlich Urwüchsigeres, Bodenständigeres an sich. Die „FestiVitas“ ist nicht grundlegend anders. Sie ist einfach eine „Plaza Culinaria“ auf Französisch. Und eben im Indikativ.