Gesundheitswesen: Rehabilitierte Rehaklinik

Vor fünf Jahren ging die Rheintalklinik

in Bad Krozingen vom Familienbesitz in die Hände eines chinesischen Großkonzerns über. Der hält sich an das alte Konzept und baut nach dem südbadischen Vorbild eine neue Klinik in Peking.

Von Daniel Ruda

Wer China und Medizin hört, der denkt wahrscheinlich zunächst an das Traditionelle. An dünne Nadeln zum Beispiel, die bei der sogenannten Akupunktur an zig Stellen im Körper gesteckt werden. Energetische Störungen innerhalb des Organismus sollen so ausgeglichen und die Selbstheilungskräfte angeregt werden. In der Rheintalklinik in Bad Krozingen nahe des Kurparks gehört diese fernöstliche Methode nicht zum Angebot, der Einfluss von China auf die südbadische Rehaklinik – und umgekehrt – ist jedoch erheblich.

Seit 2015 gehört die Rheintalklinik zum chinesischen Großkonzern Huapont Life Sciences, nachdem die beiden Gesellschafterfamilien sich zum Verkauf entschlossen hatten. Im kommenden Jahr soll in Peking quasi eine Kopie des Bad Krozinger Hauses eröffnet werden. „Diesen Erfahrungsschatz und die medizinischen Konzepte, die wir haben. Das möchte Huapont nach China übertragen“, erzählt Henrik Schulze.

Seit rund 20 Jahren ist er Geschäftsführer der Rheintalklinik, einem Ort der Rehabilitation, wo etwa nach Bandscheiben-OPs oder Eingriffen an Herzen Menschen kommen, um sich möglichst innerhalb von 21 Tagen wieder zu erholen und an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Orthopädie mit Traumatologie und Innere Medizin mit der Kardiologie sind die Indikatoren der Klinik. 200 Mitarbeiter sind im Haus angestellt, darunter 13 Ärzte. 270 Betten stehen für Patienten bereit. Die Klinik in Peking soll einmal 300 Betten haben.

„Wir sollen das Stammhaus bilden, unsere Kenntnisse weitergeben und die Fachkräfte fortbilden“, erklärt der 56-jährige Schulze den Ansatz der Zusammenarbeit in der chinesischen, nicht staatlichen Aktiengesellschaft. In einem seit zwei Jahren in Bad Krozingen integrierten Fortbildungszentrum werden bereits chinesische Fachkräfte geschult, vom Arzt über Physiotherapeuten bis hin zu Krankenschwestern. Zudem ist mit der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Rehabilitation auch ein Verein gegründet worden.

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Vertreter von Huapont bringen Rheintalklinik-Chef Henrik Schulze die chinesische geschichte nahe. Foto: Rheintalklinik

Man lerne aber auch von China, in bestimmten Bereichen der Rehabilitation wie zum Beispiel in Sachen technischer Ausrüstung sei man dort weiter, betont der Geschäftsführer, der von der Zusammenarbeit geradezu schwärmt: „Ich hätte nicht erwartet, dass man in China so offen, ehrlich und auf Augenhöhe miteinander arbeitet. Das sind für mich neue Erfahrungen, weil ich andere Unternehmensgruppen kennengelernt habe, in denen sehr von oben herab miteinander umgegangen wird.“ Drei Wochen ist es da her, seit er von einer Geschäftsreise aus China zurückgekehrt ist.

Es war ein besonders wichtiger Besuch in der Firmenzentrale in der chinesischen Megacity Chongqing, mit 32 Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt. Der neue Geschäftsführer der gesamten Unternehmensgruppe stellte sich und seine Strategie zuerst in einer großen Konferenz vor und dann auch in Einzelgesprächen mit Geschäftsführern der über 50 Tochterunternehmen, darunter vor allem Krankenhäuser sowie Hotels und andere Beteiligungen. Die Rheintalklinik ist im Portfolio des Konzerns die einzige aus dem Rehabilitations- Segment.

Umso wichtiger war dann für Schulze die Aussage des neuen Chefs: Für die nächsten fünf Jahre geht es für das südbadische Haus so weiter wie bisher. Will heißen: Alles, was erwirtschaftet wird, bleibt in der Rheintalklinik. Seit der Übernahme habe sich die Qualität der Klinik erheblich verbessert, erläutert der Geschäftsführer. Sanierungen an dem 1975 erstellen Bau wurden durchgeführt, in Themen wie Brandschutz wurde investiert: Den erheblichen Investitionsstau von mehreren Millionen Euro baute Huapont ab. Die Qualitätsbeurteilungen der deutschen Rentenversicherung fielen seither besser aus als zuvor.

„Sie möchten dieses Mutterhaus ihrer neuen Rehabilitations-Sparte vom Keller bis zum Dach sanieren und gleichzeitig eine Weiterentwicklung sehen“, fasst es Schulze zusammen. Der 56-Jährige ist ein Mann mit direkter Art, „ich bin es gewöhnt, Probleme direkt auf den Tisch zu knallen“, sagt er. Die Mentalität in China sei aber eine andere: Man umschreibt das Problem, um auf der sehr höflichen Ebene einen Kompromiss zu finden. Hilfreich ist ihm dabei mit der 29-jährigen Simin Chen eine chinesische Assistentin.

Nach ihrem Germanistik-Studium in der Heimat hat die aus Zentralchina stammende Frau in Deutschland ihren Master gemacht und arbeitet nun seit vier Jahren in Bad Krozingen. Ihre zentrale Aufgabe ist das Übersetzen schriftlicher Kommunikation und das Dolmetschen bei Gesprächen. Auch die Adaption des Controllings auf die Anforderungen der chinesischen Gesellschaft liegt in ihrer Hand. Die Gründe und Bedingungen für den damaligen Verkauf skizziert Christa Porten-Wollersheim, sie ist eine der damals 13 Privatgesellschafter aus den Familienstämmen Porten und Birkenmeier und mit ihrer Firma Fitalmanagement noch heute im Marketingbereich für die Klinik tätig.

Ihr Großvater Bernhard Porten, der schon in Höchenschwand im südlichen Schwarzwald drei ähnlich gelagerte Kliniken errichtet hatte, hatte die Klinik in Bad Krozingen einst gegründet und gebaut. Die meisten der Gesellschafter bewegen sich auf das Rentenalter zu, erzählt die 60-Jährige: „Es war absehbar, dass für die Weiterführung des Hauses aus der Familie heraus der Wille nicht mehr da war.“ Das Geld, um den über die Jahre entstandenen Investitionsstau abzubauen, wollte man nicht mehr in die Hand nehmen. „Uns war beim Verkauf wichtig, dass das Prinzip der Rheintalklinik erhalten bleibt und die langfristige Perspektive gesichert wird.“

Es gab mehrere Interessenten, die Konzepte seien jedoch zum größten Teil mit negativen Auswirkungen auf das Personal der Klinik verknüpft gewesen, erinnert sich Henrik Schulze und spricht von sogenannten Heuschrecken. „Die wollten einfach Rendite“. Das Konzept aus China jedoch, das den Qualitätsanspruch und den Stellenwert der Rehabilitation in Deutschland schätze, habe schnell überzeugt und so ging es auch bis zur Vertragsunterzeichnung aller Parteien nur wenige Monate. Auf mehreren Wirtschaftsportalen im Netz ist die Rede von einem Verkaufspreis von 5,87 Millionen Euro.

Die Beteiligten selbst sprechen nicht über den Preis. Dass Schulze neben seiner 30-jährigen Erfahrung im Gesundheitswesen nun auch fünf Jahre China-Erfahrung in seiner Vita stehen hat, macht ihm große Freude. „Unsere Arbeit hier wird dort geschätzt, das spüre ich“, zudem stehe die Rheintalklinik mit ihren zehn Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr („Nicht wenig, nicht viel“) nun einfach sattelfest da. Das sei wichtig, nicht nur im Wettbewerb mit zahlreichen Konkurrenzhäusern vor Ort in Bad Krozingen und im Markgräflerland, sondern auch in gesundheitspolitisch schwierigen Zeiten.