Das Plattenlabel In + Out Records versorgt vom Freiburger Stühlinger aus die Welt mit außergewöhnlichen Jazz-Alben. Frank Kleinschmidt hat die kleine Firma vor fast 40 Jahren gegründet.
Text: Joachim Schneider • Fotos: Alex Dietrich
Da steckt noch mehr dahinter – „Something More“ frei übersetzt. So könnte auch das Motto lauten von In + Out Records. Tatsächlich hieß das 1989 veröffentlichte Album des Bassisten Buster Williams „Something More“, und es hätte nicht besser passen können. In + Out Records war damals gerade frisch gegründet und das Album markierte so etwas wie einen Durchbruch für die kleine Firma im Süden Deutschlands: „Die Schwarzwälder muss man wohl ernst nehmen“, bringt Labelgründer Frank Kleinschmidt die Reaktionen von damals grinsend auf den Punkt. Zwar hatte Buster Williams mit einigen der ganz Großen zusammengespielt, doch als Bandleader war der außerordentliche Bassist nicht oft in Erscheinung getreten. Und nun das: „Something More“ mit den Jazz-Superstars Herbie Hancock und dem vor zwei Jahren verstorbenen Wayne Shorter erscheint auf einem unbekannten Label in Freiburg. In den Neunzigerjahren knackte das Album die 50.000. So entstehen kleine Legenden.
Schnee von gestern? Aber nein, das stilistisch vielschichtige Album hat sich zu einem Klassiker gemausert und wird nun wiederveröffentlicht, auf Vinyl als schickes Doppelalbum, höchstpersönlich signiert vom Bandleader Buster Williams: 999 nummerierte Aufkleber wanderten über den Atlantik und kamen signiert zurück.
Aller Anfänge sind schwer: Für das erste Album mit Woody Shaw, der dann bald darauf tragischerweise im Mai 1989 ums Leben kam, fand der frisch gebackene Labelbetreiber fast keinen Vertrieb. Heute gilt diese Aufnahme des stilprägenden Trompeters als sein Vermächtnis. Auch „In My Own Sweet Way“ erscheint in diesem Jahr wieder auf Vinyl.
Damals, Ende der Achtzigerjahre gab es in Deutschland zwar Jazz-Labels, doch die bekannten, ECM, MPS und Enja, standen jeweils für einen eigenen, ganz spezifischen Sound, da wusste der Hörer im Prinzip, was er bekam – bei In + Out Records ist mit Überraschungen immer zu rechnen.

Was aber macht dann das Programm aus? Alte Recken mit Heldenbonus? Ja, aber die betagten Jazz-Größen, die Kleinschmidt veröffentlicht, gehören längst noch nicht zum alten Eisen. Ein aktuelles Beispiel: Zwar feiert der Bandleader des Sun Ra Arkestra, Marshall Allen im Mai seinen 102. Geburtstag, aber das aktuelle Album „Lights on a Satellite“ wurde – alles andere als altersschwach – in der Kategorie „großes Ensemble“ für einen Grammy nominiert, zählt also in seiner Sparte zu den fünf besten Alben des vergangenen Jahres.
Noch so ein alter Haudegen war der 2013 verstorbene Paul Kuhn. „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ der Gassenhauer von 1963, machte ihn berühmt, in Schlagerkreisen avancierte er zur festen Größe – als Arrangeur, Bandleader und Komponist. Doch „der Mann am Klavier“ spielte am liebsten Jazz, den er von der Pike auf gelernt hatte. Seine wahre Profession konnte er bei In + Out Records ausleben, elf Aufnahmen ab 2003 dokumentieren das. Sein minimalistischer, entspannter Stil, seine Zigarettenrauch umhüllte Nonchalance – Alte Schule sozusagen – waren schon etwas Besonderes hierzulande.
Frank Kleinschmidt wurde auf ein Album von Kuhn aufmerksam, das auf einem Kleinstlabel erschien. Fortan kümmerte er sich um den Jazz-Pianisten mit großem Erfolg, eine Freundschaft entstand. Paul Kuhn konnte nun von der Musik leben, die er am meisten mochte. Und heimste Preise wie am Fließband ein, dazu den Echo Jazz für sein Lebenswerk. Noch so ein Grenzgänger aber zwischen Klassik und Jazz war der Pianist Eugen Cicero, ein Duett-Album mit Kuhn vereint hörenswert Gegensätze: spielerische Opulenz trifft auf lässige Eleganz. Ein Film dokumentiert das Leben von Eugen Cicero und seines viel zu früh verstorbenen Sohnes Roger, das Album dazu erschien auf In + Out Records.
Erlaubt ist, was Spaß macht
Berührungsängste sind Kleinschmidt fremd, erlaubt ist, was Spaß macht. Dabei wurde Jazz ihm in die Wiege gelegt. Mutter Gabriele Kleinschmidt gründete eine Konzertagentur. Der Sohn führt den Betrieb unter den Initialen „gkp“ bis heute weiter und organisiert Konzerte in ganz Europa, eine Mitarbeiterin arbeitet von Holland aus zu. Das zweite Standbein neben dem Label, mit ebenfalls einem Mitarbeiter, hat nun schon über 50 Jahre Bestand. Ein Musikverlag komplettiert den „Gemischtwarenladen“.

„Die wenigen Presswerke, die es heute noch gibt, wissen, was sie an den kleinen, zuverlässigen Firmen haben, auch wenn die Unterhaltungskonzerne immer wieder versuchen Press-Kapazitäten zu blockieren.“ – Frank Kleinschmidt
Das Tourneeleben und nicht zuletzt seine Protagonisten, die Musiker und Musikerinnen, prägten und beeindruckten Kleinschmidt schon als Teenager: Mit 16 begleitete er den Schlagzeuger Elvin Jones und seine berühmte Jazz-Machine auf einer seiner ersten Tourneen durch Europa. Das Studium der Musikwissenschaft wurde später irgendwann ausgeblendet. Schlagzeug spielt der Labelbetreiber immer noch, wenn auch ohne professionellen Anspruch. Mit 29 hatte er das Nomadenleben satt, Kontakte gab es genug, Musik zum Veröffentlichen natürlich auch. Das freundschaftliche, respektvolle Verhältnis zu den Künstlern, das bei Kleinschmidt dazugehört, machte schon damals vieles einfacher.
„Der beste Verkäufer ist der Musiker selbst“, sagt er heute und meint damit, dass sich zwischen Streamingplattformen, einem Überangebot an Musik und das Buhlen um Aufmerksamkeit, Alben dann am besten unters Volk bringen lassen, wenn am Merchandise- vulgo Verkaufsstand persönlicher Kontakt zwischen Künstlerin oder Künstler mit ihrem Publikum entsteht – also auf Tour.


Auch das Label selbst sorgt für etwas „Persönliches“: Die sogenannte „Signature Edition“, eine limitierte, audiophile und trotzdem nicht hochpreisige Vinylauflage kommt mit einem handgeschriebenen Autogramm. Der über 100-jährige Marshall Allen hat in Philadelphia 1000 Sticker unterschrieben, Superstar-Bassist Ron Carter hält den Rekord mit drei unterschiedlichen Alben, die jeweils 2000 Mal gepresst wurden – macht zusammen 6000 Unterschriften. Noch weitaus beeindruckender – ein anderer Rekord: Carter spielte auf über 2200 Aufnahmen mit und ist damit schon 2016 als meistbeschäftigter Bassist im Guiness-Buch der Rekorde gelandet. Demnächst muss der bald 90-Jährige noch einmal ran, was Unterschriften angeht. Sein Album „My Personal Songbook“ mit der WDR Big Band erscheint nun auf Vinyl zum ersten Mal in einer 1000er Auflage.
Tatsächlich ist mit der CD kein Staat mehr zu machen. Zwar hat sich der Silberling gute 40 Jahre gehalten und Vinyl wurde vernachlässigt, doch heutzutage hat das Streaming die CD mehr oder weniger abgelöst. In + Out Records ist schon immer zweigleisig gefahren, getreu dem Slogan „Quality in Vinyl since 1989“. „Die wenigen Presswerke, die es heute noch gibt, wissen, was sie an den kleinen, zuverlässigen Firmen haben, auch wenn die Unterhaltungskonzerne immer wieder versuchen Press-Kapazitäten zu blockieren“, sagt Kleinschmidt.


Müßig zu sagen, dass wertvolle Haptik und Gestaltung ohne musikalische Qualität nichts wäre. Neben den alten Heroen, denen irgendwann mal die Puste ausgehen wird, hat der 65-Jährige unterschiedlichste Spielarten des Jazz im Programm – von Brasilien bis nach Österreich, von Soul bis Modal: Eine Entdeckung die niederländische Flügelhornistin Maite Hontelé, die mit dem großen kubanischen Pianisten Ramón Valle zusammenspielt. Die mehrfache, Grammy nominierte, preisgekrönte, italienische Jazz-Sängerin Roberta Gambarini wird auf ihrem kommenden Tango-Jazz-Album zum ersten Mal spanisch singen.
Ein im wahrsten Sinne des Wortes „dickes Ding“, ein neues Box-Set mit drei Doppelalben des Pianisten Randy Weston samt Ledertasche, stößt in eine Lücke zwischen dem Sun Ra Arkestra und Charlie Mingus – Mitte/Ende der Achtzigerjahre aufgenommen enthält es grandiose, zeitlose Musik. Ans Aufhören denkt Frank Kleinschmidt noch lange nicht.