Frage für einen Freund: Wie geht Innovation? Und können wir im angebrochenen 2022 für uns auf ein positives, im Aufbruch befindliches, ein innovatives Jahr hoffen?
VON RUDI RASCHKE
Ganz ehrlich: Die Antwort darauf fällt gar nicht so leicht. Jeder von uns würde gern sagen, dass ein Jahr begonnen hat, in dem das Alte endlich hinter uns liegt und etwas verheißungsvoll Neues beginnt. Ein Aufschwung, eine Zeit des furchtlosen Ausprobierens, die Überwindung einer weltweiten Krise.
Hinter uns liegen unfassbar wirre Jahre: In den 2010er-Jahren schienen viele unmögliche Dinge Realität geworden zu sein. Die Disruption, also der plötzliche Bruch mit lieb gewonnenen Marken, Gewohnheiten oder Produkten schlug vielerorts zu: Die sozialen Medien veränderten unseren Umgang mit dem Internet. Netflix löste das lineare 20.15-Uhr-Fernsehen ab.
Anti-Politiker wie Donald Trump und Boris Johnson gelangten in wichtige Ämter. Uber, Tinder, Airbnb und andere Bringdienste veränderten unseren Alltag. Der Klimawandel wurde am Ende zum beherrschenden Thema, das alles überstrahlte.
Und die globale Öffnung der 1990er-Jahre schien durch den Brexit, die US-Mauer oder europäische Grenzz une revidiert, die Demokratie auf dem Rückzug. Das alles, um am Ende von einer weltweiten Pandemie quasi noch getoppt zu werden: Bald 24 Monate Stillstand, Zuhausebleiben, darniederliegende Weltwirtschaft.
Was wir mehr denn je wissen: Das Business as usual ist vorbei.
Aus heutiger Sicht erscheinen Ereignisse der Jahre 2020 und 2021 kaum unterscheidbar. Dies dürfte die Basis unserer gegenwärtigen Sehnsucht nach Innovation sein: Dass wir diese Zeit hinter uns lassen möchten. Dass endich das neue Jahrzehnt beginnt.
Innovation früher: Von „Arbeit 4.0“ bis „Purpose“
Innovation, das ist in diesem Fall die Hoffnung auf neue technologische Errungenschaften, auf ein neues Miteinander, auf neue Freiheiten und wieder etwas mehr Leben im Jetzt. Und auf einen positiven Umgang mit dem Dauerthema Transformation. Weil sich ja ohnehin kein „Ende gut, alles gut“ mehr erreichen lässt.
Unsere Arbeit erscheint vielen nur noch als endloser Prozess. Die zurückliegenden Jahre haben uns ja auch beinahe halbjährlich wechselnde Moden beschert, wie wir arbeiten werden: Es gab den „4.0“-Zusatz für fast alles. Es gab agile Methoden, die unseren Weg mit Post-it-Zetteln gepflastert haben und die ohnehin hektische Zeit noch in sogenannte „Sprints“ aufteilten.
Wir haben mit der Holokratie eine Welt kennengelernt, in der alle gleich engagiert sind, aber keiner mehr den Chef behelligt. Und wir waren alle auf der Suche nach dem „Purpose“, der Sinnhaftigkeit im Arbeiten, egal, ob wir Messtechnik produzieren oder ein Monatsmagazin. Spätestens in der Pandemie dürfte sich herausgestellt haben, dass auch nicht alle Unternehmen die Welt retten können.
Sondern, wie es das sehr lesenswerte Personalmagazin der Freiburger Haufe Group zur „überhöhten Sinnfrage“ schrieb, einfach nur „gute Produkte zu angemessenen Preisen anbieten, ihre Mitarbeiter gut behandeln und fair entlohnen, einen angemessenen Beitrag zum sozialen Gefüge leisten.“
Das ist gar nicht so wenig und für manchen südbadischen Mittelständler selbstverständlicher als in der digitalen Plattform-Ökonomie. Inzwischen gibt es zu fast allen Management-Modellen der vergangenen Jahre eine Gegenthese. Es gibt die innovativen Weltkonzerne wie Apple, Amazon und Google, die tatsächlich sehr viele schlaue Dinge entwickelt haben – aber mit ihren Milliardengewinnen eben auch manchen kreativen Herausforderer einfach nur einverleibt haben.
Bob Dylan und Steve Jobs haben nicht nur ein paar Produkte geschaffen, sondern ein ganzes Weltbild.
Ob Monopolisten, die den Wettbewerb hinter sich lassen, per se innovativ sind, ist heute durchaus dahingestellt. Was wir mehr denn je wissen: Das Business as usual ist vorbei. Die Pandemie hat gezeigt, dass es in den vergangenen Jahren besondere Herausforderungen gab. Manche Unternehmen haben sie in die Knie gezwungen. Manche haben einfach nur überlebt, manche konnten in der Krise glänzen. Diejenigen, die heute als besonders innovativ dastehen, tragen ganz neue Namen.
Innovation heute: Die Pandemie-Gewinner
Unternehmen wie Moderna oder Biontech beispielsweise, die nicht nur unter Hochdruck einen stabilen Impfstoff entwickelt haben, sondern ihn auch millionenfach produzieren konnten. Und damit auf einen Bedarf reagieren konnten, den Anfang 2020 noch keiner kannte. Biontech gelang die Innovation übrigens, weil es mögliche Impfstoffvarianten offenbar parallel entwickelte, weil die Schritte bis zur Produktion ebenfalls gleichzeitig und nicht nacheinander angepackt wurden.
Weil es den Mut hatte, mit (laut manager magazin) einer halben Milliarde Verlust zu starten und sie in aller Bescheidenheit in weit höhere Gewinne zu überführen. Der britische Journalist Joe Miller hat in einem Buch über die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin festgehalten, dass sie nicht nur ihre Wissenschaft gut vermitteln können, sondern auch Informationen von außerhalb auf unfassbare Weise aufsaugen.
Womit wir bei der Kultur der Innovation wären. Und bei den Erkentnissen dieser Ausgabe.
Mal allgemein: Die Kultur der Innovation
In unseren Gesprächen und Beobachtungen der vergangenen Wochen hat sich gezeigt, was Innovation eben auch als „soft skills“, als weiche Kompetenzen auszeichnet: Neugier. Ein angstfreies Arbeits- oder Forschungsklima. Führungskräfte, die loslassen können. Kreativität, die aus Kollaboration entsteht.
Niemand unter unseren Gesprächspartnern hat beispielsweise gesagt, dass es Millionen-Etats für Innovation braucht, keiner hat auf Entwicklungs-Labore oder eigens dafür abgestellte Führungskräfte verwiesen. Es geht vielmehr um ein Mindestmaß an (aufrichtiger) Empathie, mit der wir Kollegen und Kunden begegnen sollten. Um die Produktivität, die manchmal auch aus gemeinsamem Lachen entstehen kann.
Es geht um die Idee, dass Chefs das Wissen Ihrer Mitarbeiter anzapfen können, statt sinnlos Geld für die uninspirierte Arbeit von Externen auszugeben. Es geht auch um ein Klima, in dem nicht sinnlose Korrektur-Schleifen gedreht werden, weil Marketing-Martin sich nichts traut und es am Ende das mausgraueste Erscheinungsbild ins Ziel schafft.
Kollaborieren? Wo immer andere besser sind, solle man kooperieren, nicht konkurrieren, sagte sogar der neue Siemens- Chef Roland Busch kürzlich in einem Interview: „Es geht um kosysteme, nicht um Egosysteme“. Eine solche Haltung könnte sehr wohl der Grund sein, wie sich Innovationen in der Geschichte immer aus einem Anderssein, einem Dagegen oder einer Anti-Norm an die Spitze gesetzt haben:
Wir erinnern uns an Steve Jobs, der mit einem Außenseiter-Computer das aktuell wertvollste Unternehmen der Welt (knapp 3 Billionen US-Dollar) schuf. Und dabei gern Bob Dylans „The Times, They Are a-Changin’“ zitierte. Beide, Dylan wie Jobs, haben nicht nur ein paar Produkte geschaffen, sondern am Ende ein ganzes Weltbild drumrum.
Dazu gehört Mut, vielleicht Radikalität, aber auch Neugier. Neugier, das kann auch einfach einmal Muße sein und das Kultivieren des Nichtstuns, um Ideen zu finden. Neugier, das kann das akribische Zerlegen eines Prototypen in kleinste Teile sein, wie es das Designer-Ehepaar Charles und Ray Eames einst getan hat.
Neugier, das kann aber aus das schlichte Nachfragen und lebenslange Lernen sein, wie es große Wissenschaftler oder Intellektuelle auszeichnet. Nicht zu vergessen die Suche nach Vielfalt und dem Ergänzen der eigenen Fähigkeiten um jene, die einem abgehen.
Es gibt zahllose Menschen und Unternehmen, die in Südbaden eine Kultur der Innovation pflegen.
Innovation 2022 in Südbaden? Sie begegnet uns an weit mehr Orten, als es den Anschein hat. Es gibt zahllose Menschen und Unternehmen, die hier eine Kultur der Innovation pflegen. Man denke an Christian Streich, den Chef-Denker der Bundesliga, der nicht müde wird, immer wieder neugierig auf andere Menschen zuzugehen (bei einem Uni-Event im Januar übrigens auf die großartige Publizistin Carolin Emcke).
An den Familienkonzern Endress+Hauser, wo nicht nur ein riesiges Patente-Universum existiert, sondern auch eine weltweite Initiative für mehr Frauen in Führung. Oder an Vitra, wo der Geist des Ehepaars Eames weiter lebt – Innovation in großer Architektur wie im kleinen Detail.