Start-up-Charakter trifft Traditionsunternehmen: Die Hansgrohe Group betreibt ein eigenes Innovationslabor in Alpirsbach, in unmittelbarer Nähe zur Unternehmenszentrale und doch außerhalb der Organisationsstrukturen. Ein Besuch.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Alex Dietrich
Im Treppenhaus riecht es nach Kyttasalbe. Steffen Erath lacht. „Ja, das stimmt“, sagt er, als er in Alpirsbach begrüßt. Er selbst nehme es kaum noch wahr, aber früher sei das hier ein Werk gewesen, daher hängt der scharfe Geruch des Schmerzmedikaments noch ein wenig in der Luft. Erath ist Head of Innovation und Sustainbility bei der Hansgrohe Group und leitet das Innovationslabor, das Hansgrohe zusätzlich zu seiner klassischen Forschungs- und Entwicklungsabteilung betreibt. Vor drei Jahren zog es von Offenburg auf ein eigenes Betriebsgelände in Alpirsbach, in direkte Nähe zum Stammsitz in Schiltach. Dass das Team nun so nah am Hauptwerk ist, hat viele Vorteile, meint Steffen Erath. Die Wege sind kürzer und man hat trotzdem seine Ruhe.
Dass Hansgrohe sich eigene Innovationsteams außerhalb seiner Konzernstrukturen leistet, ist zumindest bemerkenswert. Ein Zentrum steht in China, das zweite in Alpirsbach. Auch innerhalb des Unternehmens wird Innovieren großgeschrieben – das hat historische Gründe. Der Anfang des Jahres mit 88 Jahren verstorbene, langjährige Firmenchef Klaus Grohe galt branchenübergreifend als Visionär. Er soll Generationen an Vordenkenden geprägt haben, tausende Entwicklungen werden dem jüngsten Sohn des Gründers Hans Grohe zugeschrieben.
Insgesamt hält die Hansgrohe Group derzeit mehr als 15.000 aktive Patentrechte. Auf das Konto der Schwarzwälder gehen Erfindungen in Küche und Bad, die heute kaum wegzudenken sind, zu ihrer Zeit aber kleine Revolutionen waren: zum Beispiel die Brause mit verstellbaren Strahlarten, die ausziehbare Küchenarmatur – oder die Duschstange.

„Konsumenten mögen Routinen, die wollen sich nicht groß umstellen. Unternehmen wollen aber den Bedürfnissen voraus sein – das ist schwierig.“ – Steffen Erath, Leiter Innovationslabor
Seit vielen Jahren forscht man an Wassersparmethoden, entwickelt etwa Technologien wie Luftbeimischung in den Duschstrahl. Wie waschen sich die Menschen? Wie kann man Wasser sparen und dennoch ein entspannendes Duscherlebnis schaffen? Wie sollen sich Wasserstrahlen anfühlen, wie sollen sie aussehen, wie klingen? Dafür gibt es in Schiltach unter anderem eigene Akustik- und Strahllabore, die einen kümmern sich nur um die Geräusche, die Wasser macht, wenn es aus der Düse tritt. Die anderen entwickeln Strahlarten.
Herz, Kopf, Hand
Und in Alpirsbach hat sich Steffen Erath mit seinem knapp 50-köpfigen Team eine Art Inkubator geschaffen, in dem sie frei aufspielen können. Neben den offenen Büroräumen gibt es Bereiche für Messe- und Musterbau, Montageräume, einen 3D-Druck-Park, Prototypenproduktion sowie eine Schreinerei. „Hier kommen Herz, Kopf und Hand zusammen – so entsteht Innovation und Produkt“, beschreibt der 41-Jährige und zeigt ein paar Ideen, die das Labor zur Marktreife gebracht hat: etwa einen Duschkopf für Hunde oder einen speziell für sehr lockige Haare. Letzterer wird in den USA verkauft.

Die Innovationsteams sollen in eine Art Flow-Modus kommen und Ablenkungen ausblenden, meint der Experte. „Kreativität muss fließen, um sich spielerisch auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Dabei gibt es einen klar definierten Innovationsprozess, angelehnt an die Arbeitsweise von Start-ups. Die Teams haben große Freiheiten in der Erarbeitung von Konzepten. Alle drei Monate gibt es fixe Termine, in denen die Fortschritte einem Gremium, das aus Expertinnen und Experten von Hansgrohe besteht, präsentiert werden. Dieses Innovationsboard entscheidet – ähnlich einem Investor – welches Konzept weiterverfolgt, welches gestoppt wird und welches mehr Geld bekommt. „Idealerweise ist eine Innovation nicht nur gut fürs Geschäft, sondern auch für die Gesellschaft und den Planeten“, erklärt Erath, der vor mehr als zwanzig Jahren als Werkstudent bei Hansgrohe einstieg. „Aber: Jedes Problem ist unternehmerisch betrachtet eine Opportunität für Profit. Und wenn sich eine Idee nicht rechnet, wird sie nicht umgesetzt. So einfach ist das.“
Über den Tellerrand
Erath und seine Teams loten Optionen für das Unternehmen aus und schauen, was sich auf dem Markt behaupten könnte. „Aber das geht nicht nur im stillen Kämmerlein. Wir müssen auch raus zum Kunden“, sagt er. Sie wollen so schnell wie möglich im Markt testen – mit der heutigen Technologie sind Prototypen in kürzester Zeit für den Einsatz bereit. „Konsumenten mögen Routinen, die wollen sich nicht groß umstellen. Unternehmen wollen aber den Bedürfnissen voraus sein – das ist schwierig“, erklärt Erath. Daher seien schnelle Feedbackschleifen so wichtig, um das Risiko des Scheiterns zu reduzieren. Statistisch gesehen gehe deutlich mehr schief, als dass es funktioniert. Das hat viele Ursachen, kann an rechtlichen Gründen liegen oder es fehlt die Nutzerakzeptanz oder es wird zu teuer. Manchmal stimmt auch das Timing nicht.


Die Hansgrohe Group ist ein global tätiges Unternehmen und verkauft in 145 Ländern weltweit. Daher will man im Schwarzwald auch über den Tellerrand schauen. In Asien etwa sind Dusch-WCs ein riesiger Trend. Außerdem gibt es Anforderungen ans Badezimmer, die in Europa bislang kaum eine Rolle spielen: „Beauty ist ein großes Thema, viele möchten gekühlte Schubladen für ihre Kosmetikprodukte“, berichtet Erath. „In Afrika hingegen steht würdevolle Hygiene im Mittelpunkt“. Eine Mitarbeiterin aus dem Innovationslabor ist regelmäßig in Kenia und Uganda unterwegs, um den Bedarf vor Ort zu analysieren. Auch in Afrika gibt es einen Markt, bisher vor allem im Premiumbereich. „Es wird zwar viel gebaut, aber ein Großteil der Bevölkerung hat nicht mal ein Badezimmer“, erklärt Steffen Erath. Derzeit entwickelt Hansgrohe zum Beispiel eine portable Dusche, die weniger Wasser verbraucht. Dabei geht es nicht um den ökologischen Fußabdruck, sondern darum, dass die Menschen seltener Wasser von weit entfernt holen müssen, was vor allem für Frauen gefährlich sein kann. „Damit ist vielen geholfen. Und gleichzeitig bauen wir eine Marke in einem wachsenden Markt auf“, sagt Erath. „Der Hebel ist viel größer, wenn man nicht nur das Charity-Budget nutzt, sondern die Dynamiken der Marktwirtschaft.“

Für die Bedürfnisse in Europa tüftelt das Innolab an weiteren Innovationen auf Basis der „Hansgrohe Green Vision“, einer Konzeptstudie des Unternehmens von 2023. Sie zeigt die Vision eines Badezimmers, das Wasser spart, indem unter anderem gebrauchtes Duschwasser für die Toilettenspülung genutzt wird. Klingt banal, ist es aber nicht, weil das warme Wasser nicht einfach so wiederverwendet kann. Je nach Aufwand, wird die Technologie dafür viel zu teuer. Und das rechnet sich dann wieder nicht. Diese Erfahrung hat Hansgrohe auch mit einer anderen Idee gemacht: Das Unternehmen hat ein digitales Duschsystem mit Licht, Sound und Duft entwickelt. Stellte sich aber aus: Kommt nicht gut an. Das Badezimmer ist – zumindest in Europa – offenbar der letzte Ort, an dem die Menschen das Analoge vorziehen. Außerdem kostete die Dusche aufgrund der aufwendigen Technologie fast 10.000 Euro. „Das ist häufig das Problem mit neuen Ideen“, erklärt Steffen Erath. „Niedrigere Preise erfordern höhere Stückzahlen – doch genau diese lassen sich nur über niedrigere Preise erreichen.“