Interview: „Mobilität beginnt im Kopf“

Die Distanz eines Marathons beträgt 42,195 Kilometer, es ist die Königsdisziplin für Läufer. Ultraläufer dagegen mögen es viel härter. So wie Brigid Wefelnberg aus Löffingen im Hochschwarzwald. Die 55-Jährige läuft Rennen mit Distanzen, die gerne mal 400 Kilometer betragen und zum Beispiel durch die Wüste Gobi in Tibet führen. Ein Gespräch über Mobilität.

Frau Wefelnberg, als Ultraläuferin sind Sie zuletzt vor einigen Wochen in Neuseeland bei einem Rennen über 338 Kilometer in sieben Etappen an den Start gegangen und ins Ziel gekommen. Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie sich während eines solchen Rennens schon eine Mitfahrgelegenheit gewünscht?
Es gibt ein Foto, da fährt während eines Rennens ein Auto an mir vorbei und ich strecke den Daumen heraus. Das war mehr als Spaß gedacht, aber natürlich gibt es Phasen, in denen man meint, eigentlich gar nicht mehr laufen zu können. Aber man kann dann doch immer mehr Leistung abrufen, wenn man sich ein festes Ziel gesetzt hat. Das ist meine Erfahrung und Überzeugung, auch wenn ich als Extremsportlerin durchaus eine andere Sichtweise habe.

Wie sind Sie in Ihrem Alltag unterwegs?
Vor allem zu Fuß und mit dem Fahrrad, schon immer. Ich liebe es zum Beispiel, wandern zu gehen und möchte dabei viel sehen. Ich wandere dabei so schnell, dass eigentlich keiner mitlaufen möchte. So hat das damals quasi schon angefangen, bis ich vor 13 Jahren dann zum ersten Mal bei einem Ultralauf am Start war. Für weitere Strecken nutze ich im Alltag Bus und Bahn. Den Führerschein habe ich bewusst nie gemacht, weil ich die Umwelt nicht verpesten will, und viel Geld und Nerven habe ich damit ja auch gespart. Mein tägliches Leben, ob im Privaten, in der Arbeit, oder im Sport, fußt also komplett auf Mobilität. Die beginnt meiner Meinung nach im Kopf.

Das dürfen Sie gerne ausführen.
Ich spreche neben der körperlichen auch von der mentalen Mobilität. Um etwas zu erleben, muss man Unannehmlichkeiten auf sich nehmen. Ich wohne zum Beispiel in Löffingen direkt neben der Wutachschlacht und kenne dort viele Leute, die noch nie zu Fuß da durchgelaufen sind. Da denke ich mir: Wie bitte, ihr habt doch den Grand Canyon Deutschlands im Hinterhof. Lauft los und erlebt was! Das gilt auch für den Alltag oder die Unternehmenswelt. Mobilität bedeutet ja auch Unabhängigkeit von fixen Ideen. Ein Chef, der stur an alten Strukturen festhält, der wird seine Firma nicht weit bringen.

Sie sprechen von Ihrem Umweltbewusstsein. Ihre Ultraläufe bestreiten Sie weltweit in entlegenen Orten, die Sie mit dem Flugzeug erreichen…
Ja, ich fliege drei bis vier Mal im Jahr weite Strecken hin und zurück, dafür werde ich durchaus auch kritisiert. Wenn man abgesehen davon mein gesamtes Leben anschaut, bin ich seit 50 Jahren ausschließlich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Ich bin auch karitativ mit meinen Läufen aktiv, die oft in enorm armen Ländern stattfinden. Ich habe inzwischen rund 60.000 Euro an Spendengeld gesammelt und verteilt, dazu 80 Seesäcke Spendengut. Ende Juni steht der 24-Stunden-Lauf für Kinderrechte in Freiburg an. Da werde ich wie seit 15 Jahren als Patin des Events die gesamten 24 Stunden hindurch laufen, auf circa 150 Kilometer kommen und weitere Spenden sammeln.

Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen hier zu bequem sind?
Absolut. Manche fahren ja zum nächsten Zigarettenautomaten mit dem Auto. Das ist ja doppelt ungesund. Ich finde, dass der Mensch dazu neigt, etwas auf die bequemere Art und Weise zu machen, wenn er die Möglichkeit hat. Die Wege, die man früher zu Fuß zurückgelegt hat, die sind geschrumpft. Ich denke auch, dass wir in Sachen ÖPNV-Netz verwöhnt und betüddelt sind. Aber die meisten wollen, dass es am besten vor der eigenen Haustür anfängt und dort endet, wo man hin will. Aber man muss doch auch ein paar Strecken alleine zurücklegen können, zumindest wenn man gesund ist.