IT-Branche: Die Kraft der Vielen

Die junge Open Source Bewegung steht in gewisser Verwandtschaft zum etablierten Gedanken des Genossenschaftswesens: Gemeinsam Stärke am Markt aufzeigen. Die Freiburger IT-Firma Oxid eSales AG bündelt dafür das Potenzial einer Community.

Von Katharina Müller

Als Roland Fesenmayr 2003 mit einer guten Idee in Freiburg Oxid gründete, verlief das erst einmal relativ klassisch: Der Informatiker startete ein Unternehmen, das standardisierte Online-Shops entwickeln und vertreiben wollte, für kleine bis große Mittelständler und für die großen Konzerne. Und der Plan funktionierte. Inzwischen arbeiten 65 Mitarbeiter fest in Freiburg, das Unternehmen wächst zwar wegen fehlenden Entwicklern nicht so schnell wie erwünscht, erwirtschaftet aber 6,5 Millionen Euro jährlich. Zu den Oxid- Kunden gehören beispielsweis Mercedes Benz, Aida oder Edeka, aber auch tausende kleine Shop-Betreiber.

Durch unternehmerisches Geschick und dank einer starken, globalen Community. Sechs Jahre ließ Fesenmayr das Geschäftsmodell rein kommerziell laufen. Und dann entschied er sich für eine strategische Wende, die auch heute noch faszinierend und zugleich bedrohlich klingt: Oxid bot freien Zugang zur Basisversion des eigenen etablierten Software-Produkts, das Standardverkaufssystem für Webshops. Die Idee dahinter: Entwickler und Partner sollten sich damit beschäftigen, denn die Attraktivität, wenn dritte mitprogrammieren, steigt.

Aber es fiel nicht leicht, die Basisversion freizugeben, so erzählt Fesenmayr. Die Entwickler sitzen heute in Japan oder in Australien und jeder einzelne der 45.000 Mitglieder ist für das Freiburger Unternehmen Oxid eSales von Bedeutung, denn sie verbreiten und vertreiben die Shopsysteme über die Oxid-Infrastrukturen und über geografische Grenzen hinweg. Sie entwickeln Apps, erarbeiten neue Versionen, treiben Innovationen voran und verdienen daran, mit eigenen Kundenprojekten. Der Nebengewinn? Persönliche Reputation, Ansehen in der Community und Referenz für die Karriere. Von alleine allerdings entsteht eine solche Community nicht, das Management muss stimmen und die Organisation mit dazugehörigen Veranstaltungen auch: „Wir haben in diesen Bereich sehr viel investiert, wir stellen Werkzeug zur Verfügung, organisieren Wettbewerbe wie Hackathons oder Kongresse und wir publizieren Bücher und stemmen Events.

Das wichtigste ist, dass sich möglichst viele Menschen mit der Software beschäftigen, aber diese eben auch kennen“, sagt Fesenmayr. Jeder aus der Community kann sehen, was die Freiburger Entwicklungsabteilung tut und welche Änderungen sie vornimmt, inzwischen sind es rund 1.500 Erweiterungen. Die Kraft der Vielen zu nutzen funktioniert also in der Rechtsform AG, aber auch als eG: Die im südbadischen Schopfloch gegründete IT-Firma OSADL (Open Source Automation Development Lab), die inzwischen nach Heidelberg zog, ist ein genossenschaftliches Beispiel aus der IT-Branche, die das Potenzial der „Plattform Genossenschaft“ deutlich macht. Elf privatwirtschaftliche Maschinenbau-Unternehmen schlossen sich 2006 zu einer Einkaufsgemeinschaft für Open-Source Software zusammen, zu den Gründern gehören die Trumpf GmbH+Co KG aber auch weltweit agierende Hardware- und Software-Hersteller.

Die Rechtsform Genossenschaft ist eine gute Grundlage für Zusammenarbeit in Arbeitsgruppen, gerade auch für die ITBranche. Denn Innovationen werden heute nicht mehr von einzelnen Individuen gemacht, sondern entstehen durch Interaktion und Austausch. Zudem können hier Entwicklungskosten in Rechnung gestellt werden, es besteht keine Gefahr, dass auch direkte Konkurrenten ohne eigenes Zutun von der Entwicklungstätigkeit profitieren. Und was die einen als Nachteil sehen, wird für andere zum Vorteil: Zwar besteht auch für Oxid eSales ein Risiko, dass andere von ihren Errungenschaften profitieren, aber auch hier sorgen die Gemeinschaft und die Geschwindigkeit für Innovationen, und genau an dieser Stelle begrenzt sich auch das bestehende Risiko vor Nachahmern, sagt Fesenmayr: „Wenn man immerzu schnell genug das Produkt weiterentwickelt, dann ist man denjenigen, die es kopieren wollen, voraus“.