Den Freiburger Fahrradhandel Mount7 haben drei junge Männer 2019 gestartet. Seither hat er sich zu einem der größten in der Region entwickelt mit zweistelligem Millionenumsatz und rund hundert Mitarbeitenden. Über die Gründe des Wachstums gegen den Branchentrend.
Text: Kathrin Ermert • Fotos: Alex Dietrich
Das große Ganze zeigt sich manchmal im Kleinen. Am neuen Standort von Mount7 Auf der Haid beispielsweise am Platz der Kaffeemaschine. Die steht nicht in der Büroetage im ersten Stock, sondern unten am Rand der Montage- und Logistikhalle. Das passt – organisatorisch wie menschlich – zur Philosophie des jungen Unternehmens. Denn in der Halle werkeln mehr Menschen als in den Büros darüber. Und ihre Arbeit hat viel mit dem Erfolg von Mount7 zu tun. Der Anspruch des Unternehmens ist es, Räder fahrfertig zu verkaufen. So wie sie aus der Fabrik kommen, sind sie das nämlich noch nicht. Deshalb holen die Mitarbeitenden jedes einzelne Fahrrad aus dem Karton, checken alle Schrauben, stellen Bremsen und Schaltung ein, passen Lenker- und Sattelhöhe an, überprüfen Akkus und Batterien. Rund zwei Stunden kostet diese Prozedur pro Rad, ehe es für den weiteren Versand zur Kundschaft wieder verpackt oder direkt an die Abholenden übergeben wird.
Der Anspruch: Nicht elitär sein
Die Vorstellungsrunde absolvieren Andreas Isele, Oliver Vonhausen und Hans-Joachim Bauer routiniert. Ihren Werdegang in Kurzform haben die Mount7-Chefs schon oft wiederholt. Sobald vier bis fünf Neuzugänge an Bord sind, laden sie die Mitarbeitenden zum Mittagessen ein und erzählen ihre Geschichte. Alle drei kommen aus der aktiven Bike-Szene. „Im Nachhinein haben wir festgestellt, dass wir zum Teil an den gleichen Wettkämpfen teilgenommen haben, ohne voneinander zu wissen“, sagt Hans-Joachim Bauer (37). Er ist in Lenzkirch aufgewachsen, lernte in einem Fahrradladen in Neustadt und wechselte dann zu einem Freiburger Geschäft. Dort leitete er zunächst eine Filiale , studierte dann noch ein paar Semester VWL und reiste für eine Sportfotoagentur um die Welt, ehe er mit Andreas Isele (36) die Geschäftsleitung übernahm.
„Die Leute ernst nehmen, guten Service bieten, ehrlich sein – und vor allem: Diesen Anspruch halten.“ — Andreas Isele, Mount7
Isele hat einen ähnlichen Werdegang. Er stammt aus Münstertal, hat erst in einem Fahrradladen in Badenweiler gejobbt, dann in Freiburg eine Ausbildung als Fahrradeinzelhändler und anschließend ein BWL-Studium an der Dualen Hochschule Lörrach absolviert. Oliver Vonhausen (37) studierte in Würzburg Politik und Philosophie, kam dann nach Freiburg, wo er als Halbprofi Rennen fuhr und nebenbei jobben wollte. Bauer und Isele stellten ihn Ende 2017 ein, kündigten aber kurz darauf, um einen eigenen Laden zu gründen. Der Fahrradhandel habe nicht den besten Ruf. Das wollten sie besser machen. Unbeeindruckt von vielen Warnungen, den x-ten Fahrradladen in Freiburg aufzumachen, starteten die drei Ende 2018 das Unternehmen mit zwei weiteren stillen Gesellschaftern und öffneten im Frühjahr 2019 ihr Geschäft in den ehemaligen Räumen des Reinigungshandels Reiko im Freiburger Gewerbegebiet Haid.







Sechs Jahre später beschäftigt Mount7 rund hundert Leute, setzte zuletzt rund 28 Millionen Euro jährlich um und wächst weiter zweistellig, obwohl der Markt schrumpft. Was ist das Konzept für diesen Erfolg? „Die Leute ernst nehmen, guten Service bieten, ehrlich sein – und vor allem: Diesen Anspruch halten“, antwortet Isele. „Wir wollen nicht elitär sein“, betont Vonhausen. Die drei Geschäftsführer teilen nicht nur die Leidenschaft fürs Radfahren, sondern stimmen auch in grundsätzlichen Fragen überein: Was ist fair? Wie wollen wir uns organisieren? Mit welchen Hierarchien? Im Mittelpunkt stünden die Menschen, Kundschaft wie Personal. Im Businessplan ist das so formuliert: „Wir brauchen die besten Leute der Branche, die Spaß haben, gut und zufrieden ihren Job machen.“ Sie bilden selbst aus oder rekrutieren sorgsam, damit die Mitarbeitenden zum Konzept passen. Natürlich kommen viele Aktive zu ihnen, aber Fahrradleidenschaft allein reiche nicht, sagt Bauer.
Das Ziel: Die Mobilitätswende
Beim Besuch an einem Mittwochnachmittag wirkt der Mount7-Laden geschäftig. Laut Vonhausen ist aber deutlich weniger los als nach 17 Uhr und vor allem samstags, wenn zehn Verkäuferinnen und Verkäufer auf der circa 500 Quadratmeter großen Fläche im Einsatz sind. „Wir machen fast keine Werbung mehr in Freiburg, weil wir aus allen Nähten platzen“, berichtet Vonhausen. Die Coronapandemie pushte die gesamte Branche, sorgte allerdings bald für Überkapazitäten, weil der Handel wegen der großen Nachfrage auf Vorrat bestellt hatte, um lieferfähig zu bleiben. In der Folge blieb er auf großen Lagerbeständen sitzen. Anders bei Mount7. Als sich der Markt Mitte 2023 drehte, hätten sie vor der Entscheidung gestanden: Sehr klein werden oder wachsen. Sie entschieden sich für letzteres.
„Wenn man das Fahrrad weiter als Fortbewegungsmittel etablieren will, muss sich die Infrastruktur verändern.“ — Hans-Joachim Bauer, Mount7
„Um unsere Kosten zu managen, mussten wir skalieren und den fehlenden Ertrag ausgleichen“, erklärt Vonhausen. Sie hatten beispielsweise schon eine große IT-Abteilung aufgebaut, die sie halten wollten. Statt erst in ganz Deutschland Filialen mit eigenem Service aufzubauen, drehten sie den Plan um und starteten mit dem Zentrallager, das nun statt des stationären Handels den Onlineshop versorgt. Der ist Teil des Konzepts, allerdings nicht mit einem so hohen Anteil am Umsatz von derzeit 80 Prozent. Die zusätzliche Fläche im Neubau auf dem Spohn-Areal an der St. Georgener Straße hat Mount7 vergangenen August bezogen. Sperrholzwände unterteilen die 700 Quadratmeter in 32 Montageplätze, je vier in einer Zelle. Die höhenverstellbaren Schreibtische, Stühle, Konferenztische und -sessel sowie weitere Büromöbel ersteigerten sie zum Schnäppchenpreis. „Wir hatten nicht so viele Mittel, vieles ist noch improvisiert“, sagt Isele. Schließlich sei das Wachstum krisenbedingt. Deshalb könne man die Wachstumsschmerzen nicht mit Geld lösen. Auch der Anspruch, immer eng und freundlich im Team miteinander umzugehen, sei nicht einfach zu halten: „Alle spüren den Druck.“
Nichtsdestotrotz halten die Mount7-Geschäftsführer an ihrer ursprünglichen Idee der Expansion fest und suchen derzeit den Ort für die erste Filiale. Die würden sie gern noch in diesem Jahr in Freiburg öffnen, 2027 dann die nächste außerhalb der Region. Um die Standorte zu bedienen, wollen sie einen eigenen E-Lkw anschaffen. Einen elektrischen Transporter für die Wege zwischen Laden und Logistikhalle gibt es schon, er könnte auch einen zweiten Laden in der Stadt beliefern. Das Potenzial sehen sie als enorm angesichts des wachsenden Servicebedarfs. Gleichzeitig schließen viele Fahrradläden aus Altersgründen. Ihr Ziel sei es allerdings nicht, solche Geschäfte zu übernehmen, erklärt Bauer. Der Fahrradhandel werde mit dem wachsenden E-Bike-Anteil kapitalintensiver und müsse sich professionalisieren. Sie denken groß, ihre Dimension ist die Mobilitätswende. „Wenn man das Fahrrad als Fortbewegungsmittel etablieren will, muss sich die Infrastruktur verändern“, sagt Bauer.
Märchenhafte Aussichten? Der Name Mount7 hat indes nichts mit Schneewittchens sieben Bergen zu tun und ist auch nicht aus einer spontanen Idee entstanden. Er zeigt im Gegenteil, wie überlegt die Gründer agieren. Sie wollten für ihr Unternehmen einen Namen, der vieles können sollte: cool klingen, sich als Logo eignen, gut aussprech- und merkbar sowie als Domain frei sein. Mount7 heißt ein knapp 2000 Meter hoher kanadischer Berg mit einem besonders langen Downhill Trail, den Hans-Joachim Bauer auf einem seiner Trips kennenlernte. Der Name landete zusammen mit vielen anderen Vorschlägen auf einer langen Liste, über die die Gründer Dutzende Leute aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis abstimmen ließ. Die meisten votierten für den kanadischen Berg.