Menschen in die Stadt bringen – und an den Rhein

Neuenburg stellt sich professionell für die Landesgartenschau 2022 auf – und ist mit seiner Zentrumsnähe zwischen Basel, Freiburg und dem Elsass überaus begehrt.

Von Daniela Frahm

Für Bürgermeister Joachim Schuster war 2015 ein „aufregendes Jahr, aber im Ergebnis nicht schlecht“. Er hatte die Bürgermeisterwahl in Neuenburg am Rhein im April erneut gewonnen, aber dann hatte eine Konkurrentin mit ihrer Anfechtungsklage Erfolg. Das Verwaltungsgericht Freiburg entschied im November, dass die Wahl wiederholt werden muss, weil im Neuenburger Amtsblatt kurz vor der Wahl ein Artikel aus netzwerk südbaden nachgedruckt wurde, der als Wahlwerbung für Schuster habe interpretiert werden können.

Der langjährige Bürgermeister ließ zunächst offen, ob er nochmal antreten würde. Er entschied sich letztlich dafür und erzielte bei der Wiederholung im März 2016 bei einer deutlich höheren Wahlbeteiligung mit 72,4 Prozent der Stimmen ein viel besseres Ergebnis als im Vorjahr, in dem er auf knapp 59 Prozent kam. „Deswegen war es vielleicht sogar gut so“, sagt Schuster heute, der damit in seiner vierten Amtszeit ist.

Der Spaß an seinem Job ist ihm ohnehin nicht vergangen. Zum einen habe er „noch viele Ideen“, zum anderen hat der Bürgermeister mit seiner Verwaltung ein Großprojekt umzusetzen: die Landesgartenschau 2022. Darauf sind auch viele andere (Bau-)Projekte in der Stadt ausgerichtet. So soll zum Beispiel das Wohn- und Geschäftshaus in der Schlüsselstraße bis dahin auf jeden Fall stehen. Momentan ist das rund 3000 Quadratmeter große Grundstück im Zentrum aber noch archäologische Ausgrabungsfläche, auf der Überreste der Zähringerstadt freigelegt werden. Nach den Vorstellungen der STEG Stadtentwicklungsgesellschaft, die das Konzept erarbeitet, sollen sie erhalten und bei der späteren Bebauung sichtbar gemacht werden.

Und in der Stadt sind noch weitere Wohn- und Geschäftshäuser geplant. Die Firma Gisinger will das Cusenier-Areal nach vielen Jahren Leerstand wiederbeleben. In der denkmalgeschützten ehemaligen Likörfabrik, die zwischenzeitlich ein Einkaufszentrum war, sollen ebenfalls Wohnungen und Gewerbeflächen entstehen. Den gleichen Mix plant Bauunternehmer Gernot Pöpperl, der schon mehrere Projekte in Neuenburg umgesetzt hat, auf dem brachliegenden ehemaligen Unser-Areal an der Müllheimer Straße. Dort will er über 20 Millionen Euro investieren.

Diese Projekte sollen dazu beitragen, den Druck auf den Wohnungsmarkt etwas zu verringern, der auch in Neuenburg groß ist. „Bei uns liegen etwa 100 Anträge für Bauplätze“, erzählt Schuster. Gerade für Paare, bei denen einer in Freiburg und der andere in Basel arbeitet, ist die Lage genau in der Mitte dieser beiden Städte ideal. Zudem punktet die Kleinstadt mit der guten Verkehrsanbindung über den Autobahnanschluss, und durch den vor einigen Jahren wieder aktivierten Bahnhof. Mit dem Zug ist man schnell in Freiburg und auch in Frankreich.

Die Stadt will weitere Wohnbaugebiete ausweisen und gehört deshalb auch zu den sechs Gemeinden, die sich an einem Pilotprojekt beteiligen, das kürzlich vorgestellt wurde. Die Stadt Freiburg tritt dabei ihren überschüssigen Wohnbedarf an Gemeinden ab, die nach dem Entwicklungsplan nicht mehr wachsen dürfen. „Wir hatten uns immer auf das Statistische Landesamt verlassen“, erklärt Schuster, „das hat uns einen Bevölkerungs- und Geburtenrückgang prognostiziert – aber die Rakete ging in die andere Richtung.“

Auch für ältere Menschen sei der Standort attraktiv, sagt der Bürgermeister. Zum einen wegen des Freizeitwerts durch die künftige Landesgartenschau, zum anderen wegen der vergleichsweise moderaten Grundstücks- und Mietpreise, der Nähe zum EuroAirport und den Thermalbädern in den benachbarten Orten. Der Wohnungsbau wird stark von der Stadt gesteuert. „Erst wenn wir 75 Prozent der Grundstücke im Eigentum haben, dann entwickeln wir“, so Schuster. Bei der Vergabe würden dann Familien mit Kindern bevorzugt und Menschen, die in Neuenburg arbeiten, schon dort wohnen oder sich ehrenamtlich engagieren.

In den vergangenen Jahren galt dabei die Vorgabe „innen vor außen“. Mit Hilfe des Projekts „Flair“, Flächenmanagement durch innovative Regionalplanung, wissenschaftlich begleitet von der Uni Freiburg, wurden Flächenpotenziale ermittelt und die Nachverdichtung vorangetrieben. Vor allem die Innenstadt wurde systematisch analysiert und es wurde ein neuer Bebauungsplan aufgestellt. Nach einem Beschluss des Gemeinderats 2014 hat die Stadt zudem im Sanierungsgebiet das Vorkaufsrecht auf Grundstücke bekommen. Durch den zusätzlichen Wohnungsbau ist Neuenburg in den vergangenen Jahren um 400 bis 500 Einwohner gewachsen und liegt jetzt bei über 12.000 im Kernort sowie den Stadtteilen Zienken, Grißheim und Steinenstadt. Dass dem rund 4500 Arbeitsplätze gegenüberstehen, ist ein sehr ungewöhnliches Verhältnis. Rund 700 Menschen pendeln aus Frankreich zum Arbeiten nach Neuenburg. Trotzdem herrscht auch hier Fachkräftemangel, dem die Stadt unter anderem mit dem Arbeitskreis Wirtschaft und Schule entgegenwirken will.

Das Narrenschiff: Ein Brunnen in Neuenburg, von Bildhauer Michael Schwarze. Foto: Daniela Frahm

Gewerbeflächen hat Neuenburg inzwischen nicht mehr anzubieten, von daher geht es für vor allem um Bestandspflege. Vertreten sind mittelständische Unternehmen aus den Bereichen Automobilzulieferung, Maschinenbau, Mikroelektronik, Umwelt- und Energietechnologie, Life Sciences, Medizintechnik und Pharmazie. Dazu kommen Handel, Handwerk, Dienstleister und Gastronomie. Die Firma Losan Pharma, mit knapp 500 Mitarbeitern zusammen mit Nemera zweitgrößter Arbeitgeber in der Stadt, musste Schuster deshalb schon für ihre gewünschte Zusatzflächen an den Gewerbepark Breisgau vermitteln, bei dem der Bürgermeister Verbandsvorsitzender ist. Nun sind dort weitere Arbeitsplätze des Pharmaunternehmens entstanden. Nemera, ebenfalls aus dem Pharmabereich, hat noch Flächen und plant zu erweitern. Die Firma Vitra, die in Neuenburg bereits durch die Tochter Contura vertreten ist, hat zudem ein 16 Hektar großes Grundstück gekauft. Dort will das Möbelunternehmen in drei bis fünf Jahren ein Produktions- und Logistikzentrum errichten.

Größter Arbeitgeber ist die Firma Freudenberg mit rund 750 Mitarbeitern in den verschiedenen Unternehmensbereichen. Der Dienstleister hatte ein 60 Hektar großes Areal, das er jedoch nicht komplett brauchte und hat deshalb 30 Hektar davon an die Stadt zurück verkauft. Ein Teil davon ging an Vitra, ein anderer an die Bäckereikette K&U und eine Fläche an den Autozulieferer Johnson Controls, der sein Werk inzwischen schon wieder geschlossen hat. Zusammen mit der Firma Freudenberg entwicke

lte die Stadt auf deren Gelände zudem Industrieflächen von etwa zehn Hektar für ansiedlungswillige Firmen, die es bereits gibt. Die Firma Bubendorff, die ihren Hauptsitz im Elsass hat, baut dort ein Werk, in dem solarbetriebene Rolläden gefertigt werden sollen. „Das ist interessant, weil französische Firmen eigentlich nicht nach Deutschland gehen“, sagt Schuster. Für eine weitere Fläche gebe es ebenfalls schon einen Interessenten, so dass auch auf diesem Gelände alle Möglichkeiten ausgeschöpft seien. Und auch eine Fläche an der Autobahn ist schon für einen Händler aus dem Freizeitbereich reserviert.

Kinder- und Jugendprojekt in Neuenburg: „200 Jahre Fahrrad in BAden-Württemberg“. Foto: Daniela Frahm

Der Antrag Neuenburgs, im neuen Regionalplan von einem Kleinzentrum zu einem Unterzentrum hochgestuft zu werden, wurde Ende 2016 positiv beschieden. Das eröffnet beispielsweise die Möglichkeit, größere Einzelhandelsflächen auszuweisen. Schon jetzt hat die Stadt vergleichsweise große Lebensmittel- und Bekleidungsmärkte in der Achse hinter dem Bahnhof. Die Filiale des Drogeriemarkts dm ist laut Schuster der fünftumsatzstärkste in ganz Deutschland. Den Grund sieht man sofort, wenn man auf den Parkplatz fährt. Die große Anzahl französischer Kennzeichen zeigt, wo die vielen Kunden herkommen.

Auch in den kleinen Geschäften im Zentrum und in den Restaurants wird häufig Französisch gesprochen.
Den Einzelhandel in der Innenstadt bezeichnet Schuster allerdings als „Sorgenkind“. In vielen kleineren Geschäften stehe ein Generationenwechsel an, häufig würden dabei die Nachfolger fehlen. Zudem hätten einige Geschäfts- und Gastronomie-Betreiber schon länger nicht mehr in Modernisierungen investiert. Lobend erwähnt Schuster den Rathausplatz, der durch die Ansiedlung von zwei Eisdielen deutlich belebt wurde. Mit den Platanen rund um den Platz und den Brunnen habe er zudem „fast schon mediterranes Flair“. Im Hinblick auf die Landesgartenschau soll das Zentrum aber weiter aufgewertet werden. Sie ist ein Teil des Stadtentwicklungsprozesses, der unter dem Motto „Eine Stadt geht zum Rhein“ steht. Neuenburg, das vor 1850 direkt am Rhein lag, will sich wieder mit dem Fluss verbinden.

Die rund 800 Meter große Distanz zum Zentrum soll durch städtebauliche und grünplanerische Maßnahmen überwunden werden. So wird am westlichen Stadteingang am Kronenrain ein Parkhaus mit rund 250 Stellplätzen gebaut, auf dem ein Platz und ein Übergang über die B 378 zum Wuhrloch entstehen soll. Dazu hat bereits ein städtebaulicher Wettbewerb stattgefunden. Auch der Planungswettbewerb für die Landesgartenschau 2022, die von der Stadt und dem Land Baden-Württemberg gemeinsam ausgerichtet wird, ist entschieden. Eine Berliner Architektengemeinschaft hat sich dabei durchgesetzt.

Am Rhein ist schon ein Teil des Geländes vorbereitet, im Rahmen des Integrierten Rheinprogramms, dem Hochwasserschutzprogramm des Landes. Ein Teil der Ausgleichsmaßnahmen sind die neu geschaffenen Rheingärten mit Liegewiesen und Sitzstufen am Ufer, die seit Herbst 2015 fertig sind und von der Bevölkerung gut angenommen werden. Die Rekultivierung der rund zwölf Hektar großen Kreismülldeponie soll 2022 abgeschlossen sein.

„Die Landesgartenschau wird uns gewaltige Aufmerksamkeit bringen, wir werden in den Medien präsent sein“, sagt Schuster, „das ist eine gute Werbung für die Stadt.“ Außerdem könnte die Schau auch einen Schub für den Tourismus bedeuten. Obwohl Neuenburg kein „qualifizierter Tourismusort“ ist, werden jährlich etwa 120.000 Übernachtungen bei 67.000 Gästeankünften gezählt, dazu kommen Tagesbesucher aus der Region, dem Elsass und der Schweiz. Allerdings machen die beiden Campingplätze allein ein Drittel dieser Übernachtungen aus, ein Drittel entfällt auf Hotels und ein Drittel auf Ferienwohnungen und Privatunterkünfte. Bislang gibt es in der Stadt vier Drei-Sterne-Hotels. Nun gibt es Überlegungen für ein Vier-Sterne-Plus-Haus inklusive Wellness im Gartenschaugelände. Das könnte auch mehr Geschäftsreisende anziehen, zum Beispiel Messe-Besucher aus Basel. In Neuenburg übernachten auch viele, die Zwischenstation auf dem Weg in den Sommerurlaub machen.

Um die Innenstadt weiter zu beleben, wurde inzwischen die Akademie imakomm engagiert, die Kundenbefragungen durchführt und die Einzelhändler berät. Überlegt wird auch, nach Bad Krozinger Vorbild eine Kundenkarte einzuführen, um die Käufer im Ort zu halten. Schuster scheut sich ohnehin nicht, sich von anderen Städten etwas abzuschauen. Durch seine Funktionen im Städtetag Baden-Württemberg und im Deutschen Städte- und Gemeindebund sowie als Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft der Bürgermeister kommt er viel herum, reist auch privat gern. „Da hole ich mir Anregungen und klaue ein paar Ideen – manchmal zum Leidwesen meiner Mitarbeiter“, sagt der Bürgermeister.

Das Team im Rathaus sei mit rund 40 Mitarbeitern zwar klein, „dafür zieht die Mannschaft mit, und das macht mir Spaß“. Die Organisationsform ist eher an die freie Wirtschaft angelehnt als an die Strukturen einer Verwaltung. Dafür sprechen auch die Öffnungszeiten des Bürgerbüros: Unter der Woche gibt es keine Mittagspause und auch am Samstagvormittag ist geöffnet. Der Bürgermeister will „die Leute in die Stadt holen“. Deswegen wurden auch Betreuungseinrichtungen wie Kitas und Kindergärten wieder im Zentrum eingerichtet. Bis zur Landesgartenschau hofft Schuster zudem auf Spielplätze und eine schönere Stadtmöblierung. Im Jahr danach soll dann für ihn Schluss sein. Dann endet seine Amtszeit und er ist 67 Jahre alt.

 

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