Sogenannte Trading Card Games sind ein riesiger Markt. Während manche Exemplare Rekordpreise erzielen, ist inzwischen vor allem der Verkauf der einzelnen Packs ein massiver Umsatztreiber. Zwei Einzelhändler aus der Region berichten von ihren Erfahrungen mit Pokémon, Yu-Gi-Oh, Magic und Co.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Santiago Fanego
Matt und Tyler sind begeistert. Die beiden US-Amerikaner wohnen für ein paar Monate in Kuppenheim in der Nähe von Rastatt, wo sie im Mercedes-Benz-Werk arbeiten. An diesem Freitag im Mai aber haben sie frei und sind bis an den Rand des Kaiserstuhls gefahren. Sie folgten einer Googleroute, die sie zu seltenen Pokémonkarten führen sollte. Angekommen sind sie im Industriegebiet von Gottenheim. Hier hat Thomas Koch vor wenigen Wochen seinen Laden Duality Games eröffnet, es ist bereits der zweite. Bis vor Kurzem war er in der Gottenheimer Hauptstraße, nun hat sich der 27-Jährige vergrößert. In dem neuen Shop gibt es bunte Vintage-Spielekonsolen, alte Videogames und restaurierte Gameboys – und vor allem Sammelkarten: Pokémon, Yu-Gi-Oh, Magic. Neben den neuen Packs, das sind versiegelte Päckchen mit Einzelkarten, setzt Koch auf den Zweitmarkt: den Handel mit Einzelkarten.
Das ist mitnichten Kinderkram, der globale Markt für Sammelkartenspiele, sogenannte Trading Card Games (TCG), wächst seit Jahren stark. 2025 lag der weltweite Umsatz bei rund 8,4 Milliarden US-Dollar, für 2026 sagt das Marktforschungsunternehmen Global Market Insights 9,2 Milliarden US-Dollar voraus. Schlagzeilen machen immer mal wieder die sehr seltenen, begehrten Einzelkarten, die teilweise Summen von zehntausenden oder sogar hunderttausenden Euro erzielen. Das von einer Tochtergesellschaft des US-Konzerns Hasbro produzierte Sammelkartenspiel „Magic: The Gathering“ von 1993 gilt als Begründer des Trends. Ende der Neunzigerjahre kamen mit Pokémon und Yu-Gi-Oh, beide von japanischen Unternehmen produziert, zwei weitere Vertreter hinzu, die bis heute den Markt bestimmen. Pokémon ist das mit Abstand umsatzstärkste Produkt und zählt zu den erfolgreichsten Medienfranchises weltweit. Seit 1996 wurden laut Herstellerangaben mehr als 64 Milliarden Pokémonkarten produziert. Die Faszination geht über die Karten hinaus: Das 2016 entwickelte Handygame Pokémon Go etwa, bei dem man in der echten Welt auf die Jagd nach den kleinen Gefährten geht, zählt zu den erfolgreichsten mobilen Spielen aller Zeiten.
Nostalgie als Wirtschaftsfaktor
Ein Erfolgsfaktor der TCGs ist sicherlich ihre Komplexität, denn anders als beim klassischen Sammelhobby ist hier auch nach dem Zusammentragen der Objekte noch Aktivität gefragt: Die Spielenden müssen planen, verwalten und organisieren. Sie stellen sich ihre eigenen Kartendecks zusammen, sammeln, tauschen und spielen on- wie offline. Lokale Turniere, Tauschevents und Onlinecommunitys schaffen Verbindungen, an denen die Händler mitverdienen. Die meisten Erwachsenen, die heute ihr Geld für Karten ausgeben, spielten bereits in ihrer Kindheit. „Viele kaufen die Karten auch für ihre Kinder“, berichtet Thomas Koch. Er selbst hat das Sammeln mit sieben Jahren angefangen, als er zur Einschulung ein Yu-Gi-Oh-Set geschenkt bekam. Mit zwölf Jahren veranstaltete er sein erstes Turnier in Freiburg-Rieselfeld. „Meine Mutter musste damals unterschreiben, dass ich das machen darf“, erzählt der gebürtige Freiburger. „Ich habe damit rund 300 Euro verdient und dachte, ich müsse nie wieder arbeiten.“





Er begann damit, aus seinem Kinderzimmer heraus Karten zu verschicken, und erarbeitete sich schnell den Ruf, dass sein Angebot zuverlässig und in gutem Zustand ist. Ein Faktor, der in der Branche zählt. Denn der Zustand entscheidet, wie viel die Karte wert ist. „Gilt sie als praktisch perfekt, kann sie tausende Euros kosten, während dieselbe nur ein paar Euro einbringt, wenn sie zum Beispiel zerkratzt ist“, erklärt Koch und holt sein derzeit teuerstes Exemplar aus dem Lager: Es ist der Pokémon Glurak für 2500 Euro aus dem ersten Base-Set von 1999. Die Karte ist graded, das bedeutet, sie wurde professionell bewertet und in eine feste Kunststoffbox eingeschweißt. Für all jene, die keine Sammelnden unter ihren Kindern oder nicht viel für Pokémon übrighaben, sei es kurz erklärt: Glurak, der Feuerdrache, war schon in den 1990er-Jahren ein Fan-Liebling. Daher ist die Nachfrage nach alten, gut erhaltenen und graded Karten extrem hoch.
Dass Koch die Karten auch lokal verkauft, ist neu. Früher hat er alles online angeboten, vor allem bei Ebay-Kleinanzeigen sowie bei Cardmarket, der größten Plattform für Sammelkarten in Europa, die in Deutschland den Markt bestimmt. 2018 machte er sich mit dem Handel von Sammelkarten selbstständig, 2022 eröffnete er den ersten Laden in Gottenheim. Zwischendurch hat der 27-Jährige seine Bachelorarbeit geschrieben – ebenfalls über Trading Card Games. Titel der Thesis: „Online-Marktplätze und Sammelkartenhandel. Eine empirische Untersuchung.“ Mittlerweile setzt er knapp 30 Prozent mit dem lokalen Handel um. Für 2026 peilt er eine halbe Million Gesamtumsatz an. Er beschäftigt drei Mitarbeitende und hat rund 50.000 Euro in den neuen Laden investiert. Darauf ist er stolz. „Das sind keine Ikea-Regale, sondern echte Kartenvitrinen“, sagt Koch und zeigt auf vier große Möbel. Allein diese kosten rund 4000 Euro.


Sie scheinen ihren Zweck zu erfüllen. Der 37 Jahre alte Tyler aus Amerika steht davor und kann sich nicht entscheiden. Zuhause besitze er eine Sammlung mit mehreren tausenden Pokémonkarten – „an die Zehntausend“, erzählt er. „Aber nicht die ganz teuren, in diese Sphäre traue ich mich nicht.“ Sein heutiges Budget liegt bei maximal 300 Euro. Bei Thomas Koch bekommt er dafür sechzig Karten oder auch nur zwei – je nach Zustand, Motiv und Seltenheitswert. Sein 35-jähriger Kumpel Matt hat für Sammelkarten wenig übrig. Er kauft eines der wenigen neuen Produkte im Shop: einen Gameboy aus Legosteinen.
Neben den beiden Freunden aus Amerika ist heute auch Justin Heidötting da. Er kommt regelmäßig aus Lahr zu Thomas Koch und schaut, was es Neues gibt. Der 24-Jährige ist ebenfalls ein Sammler, aber interessiert sich nicht für Trading Cards. Er sei schon als Kind Nintendo-Fan gewesen, jetzt gibt er Geld für alte Konsolen und Games aus. Spielt er denn damit? Er schüttelt ungläubig den Kopf und erklärt, dass er „The Legend of Zelda: Majora’s Mask“ für die N64 in dreifacher Ausführung habe. Zwei davon sind original verpackt, nur mit der anderen spielt er.
Felix Leber ist wie die beiden US-Amerikaner aus Kuppenheim zum ersten Mal hier. Der 30-jährige Kaiserstühler hat einen ganzen Karton mit alten Spielen und einer Nintendo-Wii mitgebracht, später wird er den Inhalt gemeinsam mit Thomas Koch sichten. „Ich schaue mir Zustand und Zubehör an. Wenn alles passt, testen und reinigen wir das Gerät, bevor wir es in den Onlineshop und auch hier ins Regal stellen“, erklärt Koch. Nicht jeder Artikel kommt in die Vitrinen, sehr vieles ist im Lager.
Der Handel mit restaurierten Geräten und Vintagespielen sei lediglich ein Zubrot, Umsatzbringer sind die Sammelkarten, erklärt Koch: „Aber nicht die Einzelstücke, sondern vor allem die Packs.“ Bei den versiegelten Packungen weiß man vorher nicht, welche enthalten sind. Es können häufige, seltene oder sehr seltene Motive sein. Je nach Hersteller kostet ein Pack etwa vier bis acht Euro, es könnte aber unter Umständen einzelne Karten enthalten, die hunderte Euros wert sind. Es ist ein bisschen wie Lottospielen. „Ich glaube, dieses emotionale Öffnen der Packs ist dafür verantwortlich, dass Sammelkarten kein kurzfristiger Hype sind, sondern sich schon seit mehr als dreißig Jahren halten. Ich sehe Kinder, die genauso leuchtende Augen haben wie ihre Eltern“, sagt Thomas Koch, der künftig unter anderem Communityevents in Gottenheim plant, bei denen die Spielenden zusammenkommen.
Wohlfühlhobby
„An den Sammelkarten kommt man nicht vorbei“, bestätigt auch Florian Högner, Gründer und Geschäftsführer des Spielecafés Freispiel im Freiburger Stühlinger. Er hat seinen Betrieb 2017 eröffnet, inzwischen beschäftigt der 38-Jährige siebzehn Mitarbeitende, davon fünf Festangestellte. Das Prinzip: vorne im Laden kann man Brett-, Gesellschafts- und viele weitere Spiele kaufen, hinten stehen ein paar Tische. Hier ist Café-Betrieb, es gibt regalweise Spiele zum Ausleihen und vor Ort spielen. Das laufe sehr gut, die Plätze sind fast immer ausreserviert.



Von den spielenden Cafégästen allein könnte Högner nicht leben, obwohl sie ein paar Euro Spielgebühr zahlen. Zwei Drittel seines Umsatzes macht Freispiel mit dem Ladengeschäft. Obwohl im Verkaufssortiment fast 4000 Spiele und Spielerweiterungen sind, entfallen inzwischen 30 Prozent des Ladenumsatzes allein auf den Verkauf von Sammelkarten. Im Freispiel gibt es keine Einzel- oder Sammlerstücke wie bei Koch, aber verschiedene Packs aller relevanten Hersteller. Der Umsatz damit gehe seit Jahren nach oben. „Das war in den vergangenen Jahren unser Hauptumsatztreiber“, berichtet Högner. Die Leute kauften Pokémon- und Magic-Karten wie verrückt. Die Sammlerleidenschaft habe durch Corona noch mal einen extremen Schub bekommen, betont der Freispiel-Chef. Mittlerweile veranstaltet er täglich zwei Sammelkarten-Events, bei denen Turniere gespielt, Raritäten gesichtet und Karten getauscht werden. Jeden Abend ziehen diese Events mindestens 25 Menschen in den Laden.
Das Spielen, sei es gemeinsam am Brett oder einzeln mit den Trading Cards, hat offenbar nach wie vor Konjunktur, befeuert durch aktuelle Trends ebenso wie durch zeitlose Nostalgie. In einer digitalen Welt bekommen haptische Erlebnisse mit echten Karten eine neue Bedeutung. Daher merkte das Freispiel-Team die Wirtschaftskrise weniger als andere Einzelhändler, findet Florian Högner: „Wir sind ein Wohlfühlhobby, das hat uns gerettet. Beim Spielen und Sammeln wollen die Leute weniger sparen als bei anderen Luxusgütern.“