Stadtjubiläum: Kreativität überwinden?

Jetzt hilft nur noch ein Wundern: Mit jedem Jahr, in dem Freiburgs 900-Jahr-Feier für 2020 geplant wird, werden die Konzepte nochmal dünner. So ist zu befürchten, dass bis zum tatsächlichen Anstoß des Jubiläums kommenden Winter nichts mehr übrig ist. Ob das ein großer Verlust ist, sei dahingestellt.

Von Rudi Raschke

Es war ein tapferer Auftritt, den Freiburgs Erster Bürgermeister Ulrich von Kirchbach und der Projektverantwortliche Holger Thiemann mit einem Zwischenstand von „900 Jahre jung“ (Motto) kurz vor Weihnachten vor der Presse absolvierten: Kirchbach, als zuständiger Dezernent für Kultur und Soziales ein unerschrockener Sympathieträger, und Thiemann, der sich an der Schnittstelle von Kultur und Wirtschaft jahrzehntelang bei der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe (FWTM) profiliert hat, brachten Wein mit dem 900-Dreiecks-Logo mit und mühten sich auch sonst, das Nicht-Vorhandene als Grund zum Begießen vorzustellen.

Der erfahrene Thiemann dürfte ahnen, dass er sich auf ein Himmelfahrtskommando eingelassen hat. Als Teilnehmer fühlte man sich ein wenig, als würde ein Romancier sein neues Buch „Raum für Notizen“ vorstellen. Oder ein Programmkino die neue Reihe „Im Winter geschlossen“. Der Engländer nutzt für solche PR-Anlässe die Formulierung „putting lipstick on a pig“, also etwas Unansehnliches wie ein Schwein zumindest mit Schminke herzurichten. Im Freiburger Rathaus heißt diese Schminke „Frühjahrs- und Herbstperformance“ oder „zentrales Festwochenende“ und es schaut bisher nicht danach aus, dass sich etwas Hübsches dahinter verbirgt, was nach einem runden Geburtstag oder einer Ausnahme- Feier ausschaut.

Für das Festwochenende werden die drei hier ständig auftretenden Orchester (SWR-, Philharmonisches, Barock-) einfach ein Münsterplatz-Openair spielen, was sich schlicht mit Bildern von den letzten Auftritten des SWR-Orchesters 2016 an selber Stelle bebildern lässt. Die Performances orientieren sich inhaltlich vor allem an den wenig überaschenden Jahreszeiten- Anfängen: im Frühling soll das Münster illuminiert werden, im Herbst „ein großes Innenstadtprojekt mit großer Beteiligung der Bevölkerung“. Aufgefüllt wurde das Wenige mit dem Highlight eines Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ (zuletzt 2010 in Freiburg) und Logos von Weltveranstaltungen, die zufällig auch 2020 stattfinden und damit auch in Freiburg (Fußball-Europameisterschaft, Olympische Sommerspiele).

Was sich derart schlicht präsentiert, ist das Zwischenergebnis einer anhaltenden Verdorfung der städtischen Kultur rund ums Jubiläum. Wir erinnern uns: 2015 war die damalige Stadttheater-Intendantin Barbara Mundel noch von Oberbürgermeister Salomon zur Zuständigen ernannt worden. Zum Start gab es aufwändige Workshops und Interviews mit der Stadtgesellschaft, es folgte ein weniger aufwändiges Konzeptpapier (sieben Seiten, DIN A4) mit einem üppigen Preisschild (neun Millionen Euro). 2017 war Barbara Mundels 900-Jahres-Job dann Vergangenheit, dem Gemeinderat schien er zu teuer. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Hunderttausende Euro verbrannt.

Geblieben ist Mundels offenbar als brillant angesehene Idee „Neujahrsempfang mal anders“, ein Arbeitstitel, den Thiemann und von Kirchbach übernommen haben. Die Stadt wird dafür im Januar 2020 statt vom Konzerthaus aus der Messehalle grüßen, unklar ist, ob Oberbürgermeister Martin Horn für „mal anders“ das Stelzenlaufen oder das Feuerspucken einstudieren muss. Oder ob seine Rede freiburg-like vertanzt wird. Aufgerufen zur Einsendung von Jubiläums-Ideen war übrigens die gesamte Bevölkerung, als Mundel ab- und Thiemann antrat. Im Zuge der inhaltlichen Verschlankung fand der Aufruf mit einer leeren 900-Postkarte statt, es gab keine Vorgaben, eher „anything goes“ – entsprechend gingen 450 Projektanträge ein, die auf ein Subventionsvolumen von 8,8 Millionen Euro angewiesen wären.

Bewilligt werden können jedoch nur 1,3 Millionen Euro. Aussortiert wurden bereits Großideen wie eine Sperrung der nördlichen Dreisamuferstraße für einen Kultur-Boulevard, angeregt durch die Architektenkammer. Zu teuer hieß es, vermutlich war es auch zu kreativ, zu wenig sachzwangkompatibel und zu wenig dem „Greatest Hits“-Programm der Freiburger Kulturszene entsprechend, das die Stadt hier mangels Vorgaben einholen wird. So bleibt dem Kulturdezernat der Stadt und dem festlichen Lenkungsausschuss (der als Organigramm den blutarmen Auftakt dieser jüngsten 900-Jahres-Präsentation bildete) nur ein weiteres Eindampfen. Mit der Reduzierung des Projektvolumens auf ein knappes Siebtel des Beantragten wird es jedoch schwer sein, noch eine alle-machen-mit-Stimmung fürs Jubiläum herzustellen.

Denn zu vorhandenen Skeptikern wird sich dann noch eine Schar zu kurz gekommener „Bessermacher“ gesellen. Von Leuchttürmen, einem Ausnahme-Programm oder einem Funken Exzellenz von außen dürfte dieser Geburtstag dann auch nicht mehr überschattet sein. Durch den Ankauf von ein paar erschwinglichen Krümeln wird dann aber auch nicht mehr über die Zukunft des urbanen Freiburg, andere Blickwinkel, vielleicht auch etwas Provokation gegen die Wohlfühlhölle oder auch nur einem Themenschwerpunkt zu reden sein.

Randschauplätze des XXL-Dorfhocks heißen „Freiburg & seine Freunde“ oder „Freiburgs junge Szene“ (sic!) und wer die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass sich hinter den Hanni&Nanni- Überschriften in Wahrheit ein kluges Programm verbirgt, der kann sich noch für ein Bürger-Sponsoring anmelden. Gesucht werden, logisch, 900 Spender zu 900 Euro. Ansonsten bleibt als Eröffnung bereits am 22. November 2019 eine archäologische Ausstellung zur Stadthistorie, mit der im Augustinermuseum der Auftakt ins Jubiläumsjahr 2020 vorzeitig starten soll. Es wird neben der Beschäftigung mit den Hinterlassenschaften und Überresten von Alt-Freiburg vermutlich auch der angemessene Auftakt, um dann ein Jahr lang die Scherben der Freiburger Kulturförderung zusammengekehrt auszustellen.