Streckenvergleich: Schneller, sicherer, ökologischer

Wie lässt sich die Arbeit auf dem besten aller Wege erreichen? Und mit welchem Verkehrsmittel? Ein Pendler-Stresstest im Selbstversuch.

Marius Buhl

In der amerikanischen Kultserie „How I Met Your Mother“ gibt es eine Folge, da beschließen die fünf New Yorker Freunde, in ein Steakhouse nach Downtown zu gelangen, um Woody Allen zu sehen: Ted behauptet, der Bus fahre am schnellsten dorthin, Lilly will die U-Bahn nehmen, Robin das Taxi, Barney ruft einen Krankenwagen und Marshall behauptet, zu Fuß zuerst dort zu sein.

Nun ist Freiburg nicht New York, zumindest begegnet man hier eher Jogi Löw als Woody Allen; was aber, wenn man auch hier Verkehrsmittel gegeneinander antreten lässt? Welches wäre am schnellsten, sichersten, ökologisch wertvollsten – also: am geeignetsten? Der Startpunkt ist beinahe Downtown, an der Johanneskirche, das Ziel auf der Haid, bei der Firma Stryker. Knapp 1000 Menschen arbeiten dort, eine typische Pendlerstrecke. Wir testen Fahrrad, E-Roller, ÖPNV und das Auto. Um sie vergleichen zu können, starten wir jeweils im morgendlichen Berufsverkehr, um halb acht.

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Sinnieren, lesen, Haltestellen verpassen: Unser Autor auf dem ÖPNV-Weg zur Station „Stryker“. Fotos: A. Dietrich

Montag, 7.30 Uhr, Auto:

In der US-Serie benutzt niemand beim Wettrennen das Auto, die Rush Hour ist nicht besonders PKW-freundlich. Auch Freiburg kennt die Rush Hour, heute aber geht es erstaunlich fix. Von der Johanneskirche fädeln wir auf die B31, fahren bis zur neuen Kronenbrücke und biegen links ab in die Kronenstraße. Wir kommen gut voran – anders als ein paar Tage zuvor, als Klimademonstranten am Pressehaus den Verkehr blockierten. Testauto ist ein Diesel – und damit ein Politikum. Seit bekannt wurde, dass Firmen die Abgaswerte frisierten, ist er in Verruf geraten.

Das ist – bei aller Komplexität des Themas – nicht nur positiv, denn: Der Diesel ist besser als sein Ruf. Abgase sind nicht gleich Klimagase. Erstere verpesten die Luft, letztere heizen die Atmosphäre auf. Während der Diesel zwar für 70 Prozent der Abgase in deutschen Städten verantwortlich ist, stößt er weniger Klimagase aus als ein Benziner. Wechseln Bürger nun auf Letzteren, gewinnt zwar die Luft an Qualität, dafür leidet das Klima. Der Wissenschaftsjournalist Matthias Plüss warnte zuletzt im Schweizer „Tagesanzeiger“ vor dieser Entwicklung, er schreibt: „Der Klimawandel ist eindeutig das größere der beiden Probleme – die Luft ist in den letzten Jahren ohnehin schon deutlich sauberer geworden.“

Machen wir also alles richtig mit unserem Diesel? Das auch wieder nicht. 1,4 Kilogramm CO2 stoßen wir auf der acht Kilometer langen Strecke raus zu Stryker in die Luft, knapp 3 Kilogramm auf Hin- und Rückweg. An 230 Arbeitstagen (bei einer Fünftagewoche) pro Jahr könnten wir also durch klimafreundlicheres Pendeln rund 700 Kilogramm CO2 einsparen, immerhin knapp 10 Prozent des durchschnittlichen Jahres-Fußabdrucks. Will oder kann man aufs Auto nicht verzichten, empfiehlt sich eine bremssparende Fahrweise. Bremsen vernichte Energie, der Abrieb erzeuge zudem Feinstaub, schreibt Plüss. Zudem empfehle sich für die Stadt ein Elektroauto. Wer sich dieser Thematik nicht bewusst ist, kommt sehr bequem voran im Freiburger Morgenverkehr, schwitzt nicht und im einsetzenden Regen ist man froh über das Autodach. Außerdem, könnte der Autofahrer einwenden, ist seine Fahrt sicherer als die des Radfahrers.

Ankunft bei Stryker um 7.43 Uhr.

Fahrtzeit: 13 Minuten, 10 Sekunden.
CO2-Ausstoß: 1,4 Kilogramm.
Topspeed: 109 km/h.
Kosten: Bei einem Dieselpreis von 1,30 Euro kostet die Fahrt zu Stryker circa 70 Cent. Anschaffung und Wartung rechnen wir nicht ein.

Dienstag, 7.30 Uhr: ÖPNV

Am Dienstagmorgen regnet es. Glückskind, wer eine Regiokarte besitzt. Das Problem: Die Streckenauswahl ist hier nicht ganz fair, die Strecke von der Johanneskirche raus zu Stryker ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln recht umständlich zu bewältigen. Wir steigen zunächst in die Linie 5 und fahren zwei Stationen bis zur Heinrich-von-Stephan-Straße, müssen dann auf den Bus Richtung Ehrenkirchen umsteigen und an der Munzingerstraße auf den 35er Richtung Windhäuslegasse.

Toll: Man kann lesen, sich auf die Arbeit vorbereiten, sinnierend aus dem Fenster schauen. Praktisch auch, dass die Haltestelle direkt vor dem Stryker-Gebäude liegt, seit März 2019 heißt sie sogar: „Stryker“. Die Firma hat sich die Namensrechte von der VAG für drei Jahre gekauft – für jährlich 7500 Euro plus einmaligen 5000 Euro, das neue Schild inbegriffen. Man wolle, dass Besucher den Weg leichter finden und die Belegschaft mehr Bus und Bahn fahre, teilte Stryker mit. Die Fahrt mit Bus und Bahn verläuft weitgehend ereignislos.

Ein Mann spinnt ein bisschen, als der Busfahrer die Haltestelle „Bauhöferstraße“ vergisst („Soll ich Ihne de Job erkläre?“), sonst schauen die meisten Mitfahrer ins Smartphone. 16 Prozent der innerstädtischen Strecken legen Freiburger laut der letzten Verkehrserhebung 2017 mit dem ÖPNV zurück. 1999 waren es zwar noch 18 Prozent, die absoluten Zahlen seien aber gestiegen. Für die Befragung bat die Stadt 3600 Freiburger um ein Wegetagebuch an einem Werktag im Sommer und im Herbst. 300.000 Euro kostete die Erhebung, aussagekräftig ist sie nur für den innerstädtischen Verkehr. Pendler, die von außen kommen, wurden beim sogenannten „Modal-Split“ nicht erfasst, entsprechend niedrig liegt der Anteil der Autofahrten, bei 21 Prozent.

Wie sieht es mit der Ökobilanz aus? Natürlich schlagen Bus und Bahn das Auto. Die Straßenbahn, elektronisch betrieben, hat aber das Problem, dass Strom in Deutschland noch immer zu rund 61 Prozent aus nichterneuerbaren Energien erzeugt wird (Zahlen von 2017, Fraunhofer), darunter fast 40 Prozent Braun- und Steinkohle, den beiden größten Klimasündern.

Ankunft bei Stryker mit Bus und Bahn um 7.55 Uhr.

Fahrtzeit: 25 Minuten, 34 Sekunden.
CO2-Ausstoß: rund 0,5 Kilogramm.
Topspeed: 53 km/h.
Kosten: 52,50 Euro kostet die übertragbare Regiokarte im Monat im Abo, pro Fahrt (nutzt man sie nur fürs tägliche Pendeln) zahlt man dementsprechend 1,30 Euro.

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Mittwoch, 7 Uhr 30: E-Roller

Was seine Coolness angeht, wäre Verkehrsminister Andreas Scheuer eher kein Fall für die Netflix-Serie „How I Met Your Mother“, der Mann hat immerhin mal „fußballspielende, ministrierende Senegalesen” als „das Schlimmste“ bezeichnet, „den wirst Du nie wieder abschieben.“ Nun ist Scheuer Verkehrsminister und will als solcher den E-Tretroller auf Deutschlands Straßen holen – ab Mitte Mai. Franco Orlando von der Bike Sport World Freiburg will die Roller bald vertreiben und hat uns freundlicherweise einen geliehen. Der läuft in der Theorie rund 20 km/h schnell, kommt mit Gas rechts am Lenker und Bremse links, außerdem Licht und Rücktritt.

Beim Start fällt auf: Alle gucken. Das Interesse an den Rollern ist groß, aktuell stehen sie für den Verkehr der Zukunft, aus Städten wie Basel hört man nicht nur Gutes. Die Roller lägen im Weg herum, sie zettelten einen Kampf um die Bürgersteige an, Fußgänger würden gefährdet. Zwei Sorten Roller sollen bald durch Freiburg fahren dürfen: 12 km/h-Roller und 20km/h-Roller, vielleicht auf Bürgersteigen, auf Radwegen oder, wo keine sind, auf der Straße. Der Roller macht am Anfang richtig Spaß, irgendwann wird die Fahrt aber zäh.

Auf dem Radweg Richtung Haid überholen zwei kleine Jungs auf dem Rad, als die Strecke kurz ansteigt, schafft der E-Scooter noch 10 km/h. „Die Roller eignen sich eher für die Kurzstrecke als für den langen Pendelweg“, sagt Franco Orlando. Wie sicher sie sind? Darüber gibt es bislang keine exakten Erhebungen. Sie bremsen recht abrupt, was gut ist, hat man sich daran gewöhnt. „Tatsächlich ist der Raum zu schmal“, sagte Siegfried Brockmann, Experte von der Unfallforschung der Versicherer, dem SWR. „Was die Kommunen schon lange versprechen, den Ausbau der Radinfrastruktur, viel breitere Radwege und Radfahrstreifen, das muss dann jetzt auch schnell passieren“. Sonst wird es eng.

Anfang Mai protestierten Deutschlands Versicherer besonders gegen die E-Roller auf Gehwegen. Ein Aufprall mit 12 km/h auf einen Fußgänger bedeute „eine Kraft von rund 150 kg, also sechs handelsüblichen Zementsäcken“, heißt es in einer Stellungnahme des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Am 17. Mai entscheidet der Bundesrat über Scheuers Neueinführung. Was die Klimabilanz angeht, gelten E-Gefährte als nicht ganz so gut wie ihr Ruf. Pro Kilometer belaste zum Beispiel das E-Bike die Umwelt mehr als ein Eisenbahnpassagier, schreibt Wissenschaftsjournalist Matthias Plüss. Er weist auch darauf hin, dass wegen des Booms der E-Fahrzeuge voraussichtlich weniger normale Fahrräder verkauft würden. Trotzdem: Wer zu Stryker mit dem E-Roller pendelt, spart im Vergleich zum Auto CO2. Und wenn die Bundesregierung die Energiewende konsequent umsetzt, gewinnen die E-Fahrzeuge jedes Jahr. Ein Manko: Nach Hin- und Rückfahrt ist der Akku leer.

Ankunft bei Stryker um 7.51 Uhr.

Fahrtzeit: 21 Minuten, 32 Sekunden.
CO2-Ausstoß: unter 0,1 Kilogramm.
Topspeed: 18 km/h.
Kosten: Für einen langlebigen Roller 800 Euro in der Anschaffung. Die Leihmodelle kosten in Wien derzeit einen Euro Startgebühr plus 15 Cent pro gefahrener Minute. Plus Stromkosten, je nach Anbieter.

Donnerstag, 7.30 Uhr, Fahrrad:

Der Himmel blau, die Luft angenehm warm. Perfektes Velowetter. Freiburg versteht sich als Fahrradstadt – so schreibt es die Stadt auf ihrer Website: „Eine fahrradbegeisterte Bevölkerung, günstige Randbedingungen und ein dichtes Radverkehrsnetz ermöglichen es, dass über ein Viertel (27 Prozent) der Wege innerhalb der Stadt mit dem Rad zurückgelegt werden, deutlich mehr als mit dem ÖPNV oder zu Fuß.” Also los. An der Johanneskirche vorbei, in die Basler Straße. Gleich die erste Ampel schaltet auf rot, während die Straßenbahn parallel geradeaus fährt.

Im Rücken drängelt ein BMW, auf der schmalen Straße kann er nicht vorbei. Man weicht besser auf den Gehweg aus, dort ärgern sich die Fußgänger. Zwei weitere rote Ampeln folgen bis zur Heinrich-von-Stephan-Straße: Das stresst alles ziemlich. Fahrradstadt? Tatsächlich hat Freiburg im April 2013 erkannt, dass eine Fahrradstadt nicht einfach eine Fahrradstadt ist, nur weil man sie so nennt. Im Vergleich zu anderen Städten oder Verkehrsmitteln seien die Investitionen längere Zeit eher moderat gewesen. Der Gemeinderat beschloss das Radkonzept 2020, das erstens den Anteil des Radverkehrs innerhalb der Stadt auf 30 Prozent steigern und zweitens die Anzahl der Radverkehrsunfälle deutlich senken soll.

Prunkstück des Freiburger Plans ist das Radvorrangnetz nach niederländischem Vorbild. Auf insgesamt 13 Routen sollen eines Tages Räder Vorrang haben – entweder weil sie kreuzungsfrei verlaufen wie an der Dreisam oder durch entsprechende Ampelschaltung, zum Beispiel auf der Eschholzstraße. Derzeit verzögert sich das Projekt. Dazu finden sich überall Hindernisse, die einfach zu beseitigen wären. Legendär die Glascontainer in Littenweiler direkt neben dem Fahrradweg – Scherben liegen hier immer.

Auf der Strecke raus zu Stryker listet das Verkehrsforum Freiburg rund 20 Stellen, die verbesserungsfähig seien. In Kopenhagen, der weltweiten Fahrradvorzeigestadt, radeln mittlerweile 62 Prozent der Einwohner täglich zur Arbeit oder in die Schule, nur noch neun Prozent nutzen das Auto. Nur rund 7 Prozent der Kopenhagener gaben zuletzt in einer Umfrage an, das Rad aus Ökogründen zu verwenden. „Sie radeln ganz einfach deshalb, weil es heute die schnellste und bequemste Möglichkeit ist, hier vorwärts zu kommen“, sagt der Umweltbürgermeister.

Ankunft bei Stryker um 7.44 Uhr.

Fahrtzeit: 13 Minuten, 45 Sekunden
CO2-Ausstoß: 0 Kilogramm, Produktionskosten wie in allen anderen Kategorien ausgenommen.
Topspeed: 38 km/h.
Kosten: Gratis, wenn man bereits ein Rad besitzt.

Fazit

Bei „How I Met Your Mother“ gewinnt am Ende Robin, die zuerst mit dem Taxi fährt und dann rennt. In unserem Versuch gelangt der Autofahrer am schnellsten zu Stryker, wenn auch nur knapp vor dem Radler. Je nach Strecke wäre das sicher anders, wer durch die Innenstadt muss, ist mit dem Rad gut beraten, je nach Verkehrsaufkommen schlagen Bahn und Rad das Auto. Das Rad wiederum schlägt den E-Roller in fast allen Belangen. In einer optimalen Welt fahren alle Rad, nur wer gerade keins hat, leiht sich einen E-Roller. Bei Regen steigen Mimosen auf den ÖPNV um, alle anderen tragen eine Regenhose. Für längere Strecken leiht man sich ein CarSharing-Elektroauto. Die Stadt wird ruhig und friedlich, nur ab und zu surrt ein E-Bike- Rentner vorbei. Die Welt ist noch nicht optimal, weder in Freiburg noch in New York. In Kopenhagen vielleicht.