Titelstory: Aus dem Trott kommen

Vom Papst bis zum einfachen Angestellten – für immer mehr Menschen ist der Ausstieg insgesamt oder auf Zeit ein Thema. 

Es war wohl mehr als eine kurzlebige Momentaufnahme, Anfang Juli auf dem Fest zu 20 Jahren „re-lounge“, einer Digitalagentur, die zahllosen Kunden aus der Region eine Internetpräsenz verschafft hat: Einer der Gründer, Dietmar vom Berg, hat sich mit 52 Jahren aus der Geschäftsführung verabschiedet und wird eine selbst gewählte Auszeit nehmen, Rückkehrmöglichkeit zum alten Schreibtisch: ausgeschlossen. Unmittelbar vor einer ausgiebigen Reisetätigkeit unterhielt er sich noch angeregt mit Kollegen und Gästen. Darunter auch Andreas Seltmann, bis vergangenen Monat Marketing-Chef beim Sulzburger Unternehmen Hekatron. Nach über 13 Jahren wechselt er in die Selbstständigkeit und wird künftig frei bei Marketing- und Employer Branding-Themen beraten – unter anderem seinen angehenden Ex-Arbeitgeber. Weiteres Small Talk-Thema am Rande: die neuen pflanzlichen Produkte, die der operativ ausgestiegene Gründer von Taifun Tofu, Wolfgang Heck, gerade in einer Art Labor in Sölden erforscht. Aussteigen – Umsteigen – Einsteigen ist zum Alltag geworden, auch oder gerade in Südbaden.

Schluss mit Aussitzen – Aufnahme vom Vitra-Gelände in Weil am Rhein (Foto: Ann-Kristin Maier)

Vor ein paar Jahren war das noch anders: Ende der 1990er Jahre waren es vor allem Lehrer, die sich ein Sabbatical mit Zeit- und Geldkonten ansparten. Der Beamtenstatus half bei der Auszeit. Ansonsten waren ausgestiegene Manager, die beispielsweise Hüttenwirte wurden, eher die exotische Ausnahme, mehr Medienphänomen als tägliches Business.

„Ich bin dann mal weg“, das Buch von Hape Kerkelings PIlgertour nach Santiago de Compostela im Jahr 2001 haben mehr als vier Millionen Menschen gekauft, es inspirierte auch nicht-christliche Leser, wie Kerkeling den langen Marsch zu sich selbst zu unternehmen. Und es stand am Beginn einer großen Welle, die praktisch alle Sparten erfasst hat. Die prominentesten Vertreter kamen aus Berufen, denen praktisch kein selbstgewählter Ausstieg zugestanden wird, sogar Benedikt XVI. verließ als erster Papst seit über 700 Jahren sein Amt lebendig. Jürgen Klopp, Pep Guardiola und Thomas Tuchel waren die Sabbatical-Vertreter einer Fußball-Branche, die für ähnliche Führungsstile wie die Kirche steht. Selbst der Koch Ferran Adria, Erfinder der Molekularküche, schloss sein Restaurant in Spanien für immer. „Ist Hinschmeißen das neue Durchstarten?“ sorgte sich schon 2015 die sonst wenig trendbewusste „Bild am Sonntag“.

Allzu verlässliche Umfragen gibt es nicht, sie schwanken zwischen 30 Prozent, die raus aus dem Trott wollen (oder es schon einmal getan haben) bei einer „Xing“-Erhebung bis hin zu 87 Prozent beim Bürohersteller Viking, wo nur 2 Prozent der Befragten angeblich gar keine Lust auf den Wechsel haben. Dass das Thema auf der Agenda aber weit oben steht, belegen nicht nur Ratschläge auf der Website der Deutschen Bank („Wie finanziert man die Auszeit?“).

Sondern eben auch das Interesse, das Geschichten vom zeitweiligen oder dauerhaften Kündigen auslösen. In Südbaden bündelt die überaus erfolgreiche Schau „Mundologia“ die Stories von glückseligen Weltreisenden, die selbst wieder andere inspirieren. Und angesichts der Beschäftigungslage (aber auch der Freizeitbegeisterung) hier im Südwesten, hat dieses Thema längst auch die Werkbänke und Bankschalter erreicht, zu beobachten auch anhand der Wohnmobil-Dichte im Freundeskreis. Die Arbeitgeber wissen längst, dass sie es ermöglichen müssen, die Arbeitnehmer wissen längst, dass die Auszeit sich nicht mehr negativ im Lebenslauf niederschlägt.

Wenn sie nicht sogar selbst ein neues Erlösmodell begründet: In den USA hat Foster Huntington nach seiner Kündigung als Designer bei Ralph Lauren den Begriff „vanlife“ für das Leben im VW-Bus erfunden, der dazugehörige Hashtag verzeichnet weltweit 5,4 Millionen Beiträge. In Freiburg hat die Weltreise per Anhalter, die Gwen Weisser und Patrick Allgaier von 2013 bis 2016 erlebten, deutschlandweit für Furore gesorgt: Mehr als 200.000 Menschen sahen den dabei entstandenen Film „weit“ in den Kinos, allein 40.000 im Breisgau. Für das junge Paar bedeutet das zwar keinen „ausgesorgt“-Status, aber zunächst einmal Unabhängigkeit.

Eine der Erkenntnisse von „weit“: Es ist nicht nur erfolgsversprechend, auf wirkliche statt nur behauptete Authentizität zu setzen. Und das große Abenteuer einer Reise ins Unbekannte ist bei näherer Betrachtung gar nicht so gefährlich, auch nicht, was die Absicherung angeht.

Am schönsten beschreibt es aktuell das Reisebuch des US-Autors Jedidiah Jenkins, das bisher nur in Englisch erschienen ist („To shake the sleeping self“) und ein schlafendes Selbst eben nicht nur geweckt, sondern auch durchgerüttelt hat. Das Buch wird von der New York Times wie von der (ebenfalls ausgestiegenen) Sängerin Adele euphorisch gefeiert. Dabei hat Jenkins eine jener Reisen unternommen, die man fast schon selbstverständlich nennen möchte in der Welt der Blogger und Vortragstourenden – er ist aus seiner Heimat Oregon eineinhalb Jahre lang bis nach Patagonien geradelt. Das Erlebnis ist deshalb gar nicht so der Wahnsinn, sondern wie er es reflektiert.

Seine Erfahrungen sind mehr als eine nette Sommerlektüre für die, die am Baggersee einen Tag blau machen. Sie sind allgemeingültig für alle von uns. Es sei nicht der Job gewesen, der ihn seine Stelle als Anwalt kündigen ließ, sagt Jenkins, sondern das Wissen um die Sterblichkeit und die davon rennende Zeit. Und dass es in der heutigen Gesellschaft immer schwerer werde, den selbst gewählten Ansprüchen gerecht zu werden – sensibel zu sein, aber gleichzeitig wild. Sich anzupassen, aber ins Risiko zu gehen.

Für ihn habe es sich im alten Leben so angeühlt, dass er an jeder Gabelung immer den nächstbesten, sichersten Weg genommen habe. Der Ausstieg, vor allem das Reisen habe dagegen wie Medizin gewirkt, um die alten Muster zu verlassen. Neue Orte erfordern neues Lernen, schließt er. Und gibt allen, die ein Abenteuer welcher Art auch immer erleben wollen, den zentralen Ratschlag: Dass sie so vielen Freunden und Familienmitgliedern wie möglich davon erzählen. Das rückt den Umstieg ins tägliche Bewusstsein. Ein bisschen sozialer Druck steht also noch vor der großen Freiheit.

Text: Rudi Raschke