Titelstory: Lebt wohl, Genossen!

Genossenschaften sind heute die Hipster unter den Rechtsformen und Schrittmacher für viele Entwicklungen im Gemeinwesen. 200 Jahren nach Raiffeisens Geburt: Wie konnte es nur dazu kommen?

Von Rudi Raschke und Katharina Müller

Ja, es gab einmal eine Zeit hierzulande, da waren Genossenschaften gar nicht so sehr „everybody’s darling“ wie heute: Wir erinnern kurz daran, dass vor allem im Gewerkschafts- und Wohnbau-Umfeld schlimmste Pleiten mit Genossenschaften zusammenhingen, man denke an die „Neue Heimat“, wo Ende der 80er Jahre beide Branchen zusammenfanden. Die genossenschaftliche „Bank für Gemeinwirtschaft“ musste nach Schweden verkauft werden, auch in der coop-Konsumgenossenschaft gab es damals Pleiten.

Heute dagegen gelten Genossenschaften als Wundermittel gegen viele Auswüchse: Gegen Wohnungsnot und Atomenergie, gegen die Verwahrlosung ganzer Dorfkerne und Banken-Exzesse. Warum ist das so? Warum ist es angesagt, ein „Genosse“ zu sein, wenn es bis vor wenigen Jahren nur eine besonders altmodische Anrede für Parteifreunde aus dem linken Spektrum war, verbreitet vor allem auch im eingemauerten Teil Deutschlands? Genau 200 Jahre nach der Geburt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen lässt sich grundsätzlich festhalten: Genossenschaften scheinen heute durchweg die Guten zu sein. Unter den Banken finden sich – Ausnahmen gibt es auch hier – keine gierigen Fieslinge, beim Wohnen fördern sie das Gute zum kleinen Preis, bei der Milch diskutieren sie den Erlös gemeinsam, in der Gastronomie retten sie alte Wirtshäuser – man könnte die Liste endlos fortsetzen.

Weil Genossenschaften ein wenig auch ein Phänomen unserer Zeit bekämpfen. Indem sie erst recht Orte bieten, an denen sich Menschen zusammentun, um rücksichtsvoll für etwas kleinen Fortschritt zu sorgen. Dem Lokalen und Guten verpflichtet, nicht dem Nationalen und Globalen. Teilhabe, Mitbestimmung und Gemeinwesen sind gottseidank nicht ganz vom alten (Raiff)eisen. Die Idee, dass in der heutigen Sharing Economy das Teilen von Wissen und Eigentum großgeschrieben wird, ist bei Genossenschaften fast am besten aufgehoben. Besser als bei manchen Privatleuten, die mit Vermietungs-, Bring- und Fahrdiensten auf den Buckeln anderer zu Milliardären geworden sind.

In Genossenschaften werden nicht nur finanzielle Anteile zusammengebracht, sondern auch unterschiedlichste Talente. Wenn man die Digitalisierung, die nicht immer nur menschenfreundliche Innovationen zuwege bringt, als Umwälzung wie die Industrialisierung vor etwa 180 Jahren betrachtet, dann ist die Renaissance und die Gründungswelle der gemeinschaftlichen Selbsthilfe sicher eine adäquate Antwort. Auch gegen anonyme Aufkäufer und Monopole. Wer sich mit Genossenschaften befasst, sieht nicht nur, dass es große Unternehmen gibt, die, wenig bekannt, als Genossenschaft geführt werden, Rewe ist so ein Beispiel. Auch bei Edeka und Migros dürfte nicht jeder Kunde wissen, dass er bei Genossen einkauft. Hier in Südbaden lässt sich dagegen erkennen, dass der Genossenschaftsgedanke vor allem im Kleinen und auf dem Land ausgeprägt ist.

Wer sich unsere Karte der Neugründungen auf Seite 18 anschaut, sieht, dass jenseits der Ballungszentren Berlin, München oder Stuttgart vor allem am westlichen Bodensee, aber besonders zwischen Freiburg und Basel Genossenschaftsland ist. Bei Energie, Landwirtschaft, aber selbst kleinen Dienstleistern für Haus und Garten hat sich hier einiges getan. Und Wohnungssuchende setzen hier große Hoffnung in die Mitgliedschaft bei einer von 11 Baugenossenschaften. Trotzdem lohnt auch ein Blick über den regionalen Horizont, wenn es um die Vielfalt der Modelle geht, die Genossenschaften ausmachen – beispielsweise in Niedersachsen, wo aufgeweckte Bürger ein städtisches Hallenbad als Genossenschaft gerettet und sich mit Rücklagen statt Verlusten freigeschwommen haben.

Ebenfalls im Norden haben sich Landärzte und landwirtschaftliche Betriebe, sogar Gymnasien als Genossenschaften eintragen lassen. In Konstanz dagegen wird ein Haus von Architekten, Handwerkern und Anwälten in dieser Rechtsform geführt. Die übrigens seit Jahren die wenigsten Insolvenzen hervorbringt, wenn man sie im Vergleich mit GmbHs, KGs auf Aktien oder Ltd.s betrachtet. Interessant ist, dass Genossenschaften historisch insbesondere dann entstehen, wenn weder der Markt, noch der Staat eine Lösung wissen, gibt der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband (BWGV) als Erklärung. Also einfach Mitstreiter suchen, statt zu warten und nach staatlicher Regulierung zu rufen? jedenfalls seit einigen Jahren eine Bewegung zu genau diesem Thema. Mit Kampagnen und dem Ziel, das Genossenschaftswesen als digitale, kooperative Plattformen zu etablieren.

Einer der bekanntesten Wortführer für eine solidarische Online- Economy: Trebor Scholz, Professor an der New Yorker New School Universität, wo er zum Themenkomplex Internet und Gesellschaft lehrt. Und sich Gedanken macht, wie die Nachfrage nach Handwerkern, Übernachtungsmöglichkeiten oder Mobilität nicht nur den mächtigen Vermittlern nutzt, sondern auch den Anbietern nachhaltig geholfen und Risiken minimiert werden können. Wenn das in der Welt der Plattformen gelingt, dann steht einer weiteren Ausbreitung der genossenschaftlichen Idee Tür und Tor offen. Imagetechnisch ist die Genossenschaft heute ein gutes Stück entfernt von der dogmatischen Zauseligkeit, Beschlussunfähigkeit und Gewinnferne der früher vergleichbaren altlinken Kollektive. Damit hat sie gute Chancen, gefährdete Einrichtungen des Gemeinwesens zu retten und erfolgreich zu führen: Das können in Zukunft nicht nur Hallenbäder oder Dorfgasthöfe sein, sondern auch liebgewonnene Landkinos, kleine Brauereien, kreative Betriebe.

Oder Zeitungen – die schrullige Berliner „tageszeitung“ hält sich beispielsweise als Genossenschaft tapfer über Wasser. In den Städten können die Umland- Genossenschaften übrigens auch eine Blaupause sein für etwas mehr Machertum und gemeinschaftliches Ärmel-Hochkrempeln. Denkbar auch in Freiburg, wo traditionell ein Wut- und Hutbürgertum Raum greift, das mittlerweile eher die Beschwerdeführung als das Anpacken perfektioniert hat. Im täglichen Pingpong zwischen Bürgervereinen und Lokalblättern werden zwar kleinste Missstände reportiert. An die Behebung sollen aber andere gehen. Auch hier könnte die eine oder andere Genossenschaft sich mit einem Beitrag zum Gemeinwesen einschalten.