Seit 20 Jahren vermittelt Anna-Maria Schlegel Au-pairs und Gastfamilien. Wegen der Coronakrise und der geschlossenen Grenzen liegt ihr Geschäft derzeit brach. Von einer Frau, die dennoch optimistisch bleibt.
VON DANIEL RUDA
Sie hat es noch zu ihrer Gastfamilie geschafft“, sagt Anna-Maria Schlegel. Die Au-pair Vermittlerin spricht über die junge Frau aus Indonesien, die Mitte März mit dem Flugzeug nach Deutschland kam. In den Tagen danach reihten sich die politischen Entscheidungen im Kampf um die Eindämmung des Coronavirus aneinander. Strikte Reisebeschränkungen wurden erlassen, Flugzeuge blieben am Boden, Grenzen wurden geschlossen.
Daran hat sich auch rund sechs Wochen später noch nichts geändert, als die Au-pair-Vermittlerin in ihrem Freiburger Home-Office bei zwei Metern Abstand über ihre Arbeit spricht, die nun wie bei so vielen Selbständigen durch die Corona-Krise ausgebremst worden ist.
Schlegel spricht bedacht. Die 51-Jährige ist erleichtert, dass es der jungen Indonesierin und den 34 anderen Au-pairs, die aktuell durch ihre Vermittlung bei Gastfamilien leben und arbeiten, gut gehe. Vom Angebot für zusätzliche Gespräche und Unterstützung durch sie als Vermittlerin, habe bis dato nur eine der jungen Frauen, die zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, Gebrauch gemacht. „Im Moment warten alle ab, wie es weitergeht“, sagt sie.
Zukünftige Vermittlungen hängen in der Luft, erzählt die in Polen geborene 51-Jährige. Normalerweise komme der nächste Schwung an Au-pairs in den anstehenden Sommermonaten. Die Saison droht aber komplett auszufallen und damit jeweils eine mittlere dreistellige Gebühr pro Vermittlung. Derzeit kann sie nur hoffen und sich über staatliche Hilfen informieren.
„Junge Menschen werden immer noch Erfahrungen im Ausland sammeln wollen, mit meiner Agentur möchte ich das weiter ermöglichen“
Anna-Maria schlegel blickt optimistisch in die zukunft nach Corona
„Ich bin aber optimistisch“, sagt die zweifache Mutter und klingt dabei auch wirklich so. Grenzen werden wieder geöffnet, Reisebeschränkungen zurückgefahren und irgendwann werde die Corona-Krise auch ganz vorbei sein. „Junge Menschen werden immer noch Erfahrungen im Ausland sammeln wollen, mit meiner Agentur möchte ich das weiter ermöglichen“, sagt Schlegel. Es werde dann auch noch Familien geben, die sich eine Unterstützung für den Haushalt leisten können und wollen.
Ihr 20-jähriges Jubiläum als Selbständige hat sich Schlegel natürlich anders vorgestellt, die geplante Feier und das Treffen mit allen Au-pairs und den Gastfamilien ist wegen der Coronakrise erstmal verschoben.
Rund 30 Jahre ist es her, da kam Sie selbst als junge Frau aus Polen nach Deutschland. Die Lust, mal für ein paar Monate was anderes zu erleben und eine Sprache zu erlernen, war damals aber nicht der Auslöser.
„Ich wollte in einem freien demokratischen Land leben“, sagt sie und erinnert an ihre Jugend im damals noch kommunistischen Polen. Dass der Großvater deutsche Wurzeln hatte, erleichterte ihr damals die Umsiedlung mit Anfang Zwanzig. Optikerin hatte sie gelernt, in Deutschland ließ sie sich dann zur Groß- und Außenhandelskauffrau umschulen und arbeitete auch für eine Zeitarbeitsfirma. „Mein Ziel war es schon immer, selbständig zu arbeiten“, betont Schlegel. Die Arbeitszeit selbst zu bestimmen und das Berufsleben einmal vereinbar machen mit der Familie, das schwebte ihr damals vor.
Auf der Suche nach dem passenden Gebiet für die Selbständigkeit stieß sie auf den Au-pair-Bereich. Mit jungen Menschen arbeiten, das wollte sie ohnehin gerne. Sie knüpfte Kontakte mit polnischen Agenturen und spezialisierte sich zunächst darauf, Au-pairs aus ihrem Heimatland zu vermitteln.
Es funktionierte, die Ein-Frau-Agentur weitete ihr Angebot und ihre Expertise immer mehr aus – auch indem die zweifache Mutter selbst regelmäßig Au-pairs aufnahm, als die Kinder noch klein waren. Mit der Italienerin Valentina, ihrem „Lieblings- au-pair“ hat die Familie bis heute Kontakt, sieben Jahren nach der gemeinsamen Zeit.
Sollte es zwischen Au-pair und Gastfamilie nicht harmonisieren, nimmt sie sich mit ihrer Erfahrung und der Ruhe ausstrahlenden Art der Sache an. Mit zielgerichteten Gesprächen finde sich in den meisten Fällen eine Lösung, falls nicht, organisiert sie eine Ersatzfamilie aus ihrem aufgebauten Netzwerk.
Neben Au-pairs vermittelt sie auch Haushaltshilfen
Heute vermittelt Schlegel Au-pairs aus vielen anderen Ländern nach Deutschland. Zudem hat sie sich in den vergangenen Jahren mit der Vermittlung von polnischen Pflegekräften noch ein zweites Standbein aufgebaut. Aktuell arbeiten 16 solcher Kräfte durch ihre Vermittlung in Deutschland.
In ihrer Branche ist Schlegel in mehreren Verbänden aktiv, weil sie es für wichtig hält, sich auszutauschen. Als sie vor einem Jahr auf der Suche nach unternehmerischem Austausch auch außerhalb der eigenen Branche war, stieß sie auf den Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) und seine starke Basis in Freiburg. „Da ist die kleine Einzelunternehmerin genauso wie die Firmenchefin dabei, und es herrscht eine tolle Energie“, sagt Schlegel nach rund einem Jahr Mitgliedschaft. Anstatt der regelmäßigen Treffs gebe es derzeit Videokonferenzen. „Da weiß man, dass man nicht alleine ist und versucht, sich gegenseitig zu helfen.“ Ein gutes Gefühl. Als positiv, optimistisch, kompetent charakterisiert Anna-Maria Schlegel den VdU. Das trifft sich gut.