Als Winzerinnen wollten Hannah und Bettina Herrmann einen Ort schaffen, an dem der Wein aus dem Markgräflerland im Mittelpunkt steht. Ihr Anfang des Jahres eröffnetes „Vis á Wii“ am Marktplatz in Müllheim, im Herzen des Markgräflerlands, ist Café, Weinbar und Vinothek in einem.
Text: Gabriele Hennicke • Fotos: Victor Reisser
Der Müllheimer Marktplatz in der Fußgängerzone ist nicht groß, aber schmuck von historischen Häusern umgeben. Dienstag-, Freitag- und Samstagvormittag findet hier der Wochenmarkt statt. Und zwar schon seit 1688, nachdem Markgraf Friedrich Magnus der Stadt das Marktrecht verliehen hatte. An der Ecke, im früheren Stadthaus, hat seit Februar 2026 die Vinothek Vis à Wii ihren Sitz. „Wir sind hier in einem etwa 400 Jahre alten und sehr geschichtsträchtigen Haus gelandet, vom Balkon des Stadthauses rief Gustav Struve 1848 im Zuge der Badischen Revolution die Republik aus“, sagt Hannah Herrmann stolz. Das frühere Hotel und Restaurant Stadthaus hatte 2022 geschlossen und stand seither leer.

„Wir sind alle vier tief in der Region verwurzelt und wollen hier einen modernen und authentischen Ort des Weins schaffen.“ — Hannah und Bettina Herrmann
Bettina Hermann (55) ist Winzertochter und Winzerin, genauso wie ihre Tochter Hannah (29). Beide sind auf dem Winzerhof der Familie im zu Müllheim gehörenden Dorf Niederweiler aufgewachsen. „Ich stand schon als Baby im Kinderwagen zwischen den Rebzeilen, die Liebe zum Wein wurde mir also in die Wiege gelegt“, erzählt Hannah, und ihrer Mutter wird es nicht anders ergangen sein. Bettina Herrmann ist Vollerwerbswinzerin, zusammen mit ihrem Mann Jürgen bewirtschaftet sie Rebenflächen am steilen Römerberg, der Premiumlage von Badenweiler. Tochter Hannah hat internationale Weinwirtschaft in Geisenheim studiert, war 2017/2018 Markgräfler Weinprinzessin. „Die Idee, eine Vinothek in Müllheim aufzumachen, entstand 2022 in den Weinbergen, als ein Freund mir von einem kleinen Laden erzählte, der frei würde“, berichtet Bettina Herrmann. Für Mutter und Tochter war schnell klar, dass sie dort Wein für Menschen erlebbar machen wollten, mit Weinberatung und Veranstaltungen rund um den Weingenuss. „Das war der Wink mit dem Zaunpfahl, und der kam zur richtigen Zeit“, sagt Hannah Herrmann.
Kaffee, Vesper, Feierabend
Die kleine Vinothek auf gerademal 18 Quadratmetern in der Müllheimer Werderstraße mit Ausschank am Freitagabend etablierte sich schnell und wurde gut angenommen. So gut, dass die Besitzer des inzwischen geschlossenen Hotels und Restaurant Stadthaus auf die Betreiberinnen zukamen und ihnen anboten, mit der Vinothek ins Stadthaus umzuziehen. Das Angebot war verlockend. Sollten sie den Schritt wagen und ins Risiko gehen, fragten sich die beiden Frauen erst. Doch die Entscheidung fiel schnell, denn mit den neuen Räumen in bester Lage konnten sie ihren Traum und ihre Passion noch besser leben. Beim Umbau des früheren Restaurants im Stadthaus brachten Hannah und Bettina Herrmann ihre Wünsche und Ideen ein und durften bei der Innengestaltung mitwirken. Die ist nun hochwertig und puristisch, in Erd- und Naturfarben gehalten, mit wenigen speziellen Akzenten. So bilden die Wände mit den Weinregalen die Kalk- und Lößböden der Region ab. Die Tischplatten sind aus heimischer Eiche.
Das neue Vis á Wii bietet etwa 25 Sitzplätze drinnen und im Sommerhalbjahr weitere 25 draußen auf der gepflasterten Außenfläche mit den großen Sonnenschirmen. Ab halb zehn gibt es Kaffee, ein Markgräfler Vesper, das hier unter dem Begriff „Zum Schneugge“ firmiert, und natürlich Wein zum Feierabend. Hier ist Platz für Verkostungen, die auch spontan möglich sind. Es ist ein munteres Kommen und Gehen während des Gesprächs mit dem Winzerinnenduo an einem Sommermorgen im Juli. Ein Winzer liefert Wein, er weiß schon genau, wo er ihn hinbringen muss. Eine junge Frau schaut auf einen Cappuchino vorbei, auch sie ist Lieferantin von einem befreundeten Weingut, hat heute ihren freien Vormittag. Man kennt sich, sagt kurz hallo, erkundigt sich nach der Familie. Vis á vis eben. Zur Idee der gehören nicht nur Weine aus dem Markgräflerland. Auch die anderen Produkte stammen aus der Region und sind handwerklich hergestellt. Der Käse vom Glocknerhof in Münstertal beispielsweise oder das Sauerteigbrot von der Bäckerei Krauß in Müllheim.
Beratung, Verkauf, Events
Mit dem Umzug an den Marktplatz haben Hannah und Bettina Herrmann ihre Vinothek wirtschaftlich auf breitere Beine gestellt und gemeinsam mit zwei weiteren Gesellschaftern eine GmbH gegründet. Das sind Philipp Rieger vom Weingut Rieger in Buggingen-Betberg als strategischem Berater und der junge Sternekoch Florian Ritter, der das Kernteam bei Events im kulinarischen Bereich unterstützt. „Zusammen ist man einfach stärker“, begründet Hannah Herrmann diese Entscheidung. „Wir sind alle vier tief in der Region verwurzelt und wollen hier einen modernen und authentischen Ort des Weins schaffen.“ Im Mittelpunkt stünden nach wie vor die Weinberatung und der -verkauf, bei dem sie auch einzelne Flaschen Markgräfler Weine zum Ab-Hof-Preis verkaufen.

Mit der Auswahl der Weine versuchen die Winzerinnen, die Vielfalt der Region abzubilden. „Die Weine spiegeln die Böden, die Landschaft, den Keller und sogar den Charakter der Winzerinnen und Winzer wider“, sagt Hannah Herrmann. So stehen Weine renommierter Weingüter, aber auch solche junger aufstrebender Winzerinnen und Winzer im Regal. Und noch etwas spielt eine Rolle: „Es geht uns auch darum, die spezielle Markgräfler Lebens- und Tischkultur zu erhalten“, ergänzt Bettina Herrmann. Bei Events isst man an langen Tafeln, das Alemannische kommt nicht nur im Namen „Vis á Wii“ zur Geltung, sondern auch in den Überschriften auf der Speise- und Getränkekarte.
Während der ersten Monate nach der Eröffnung im Februar 2026 lag der Fokus von Mutter und Tochter darauf, den Café- und Weinbarbetrieb im neuen Rahmen gut zu organisieren und die Abläufe zu optimieren. Zwei Mitarbeiterinnen unterstützen sie dabei. „Das war schon etwas komplett Neues für uns, trotz der Erfahrung in der Werderstraße“, bekennt Bettina Herrmann. „Unsere Stammkundschaft hat uns durchgetragen.“ In den kommenden Monaten wollen sich die beiden wieder mehr auf die ursprüngliche Idee einer „Bühne für den Wein“ fokussieren. „Die ruhigere Phase im Sommer wollen wir nutzen, um Veranstaltungen zu planen“, sagt Hannah Herrmann. Sie denkt beispielsweise an Events wie „Blühwein“, eine Weinprobe auf dem Blumenfeld von Malin Lüth bei Müllheim-Britzingen, die sie bereits mit guter Resonanz umgesetzt haben.
Thematische Weintastings wie „Frühlingsweine“ oder „Wärmende Weine“ sind ebenso angedacht wie Veranstaltungen mit Kolleginnen und Kollegen, die die spezielle Markgräfler Genusskultur repräsentieren. Zweimal boten die beiden Frauen „Paint & Drink“ an, eine Weinprobe samt Fingerfood, bei der die Gäste unter Anleitung einer Künstlerin ein Bild gestalten konnten. Ende des Jahres soll auch wieder ein Adventskranzbinden stattfinden. „Ich bin überzeugt davon, dass die Leute Veranstaltungen wie unsere suchen. Weil sie merken, dass wir naturverbunden und geerdet sind und uns treu bleiben“, sagt Hannah Herrmann.
