Das Freiburger Stadtjubiläum „900 Jahre jung“ ist mit wenig Schwung gestartet – im besten Fall lassen sich am Ende des Jahres einige Erkenntnisse zur städtischen Kulturpolitik gewinnen. Eine dringende Neubesinnung wäre angezeigt.
VON RUDI RASCHKE
- 3D-Druck Aktionstag
- Aktionswoche der Geodäsie
- Die Herdermer Vereine präsentieren sich aktiv auf dem Schulhof
- Tag der offenen Tür im Freiburger Golfclub
- Lachyoga im Stadtgarten
- Freiburg spielt Tischtennis
- Brasiliensolidarität in Freiburg
- 100 Jahre SV Hochdorf – 1920 bis 2020
Was hat diese Zufallsauswahl um Himmelswillen mit dem Jahrestag der Freiburger Stadtgründung zu tun?
Antwort: Es sind allesamt Events, die für das Programm des Freiburger Stadtjubliäums ins Rennen geschickt werden. Ausgewählt in einer Art Hinterzimmer- Kuratorium, mit Lenkungsausschuss, fünf Bürgermeistern, einer gemeinderätlichen Begleit- und einer bemitleidenswerten Projektgruppe.
Das Ergebnis ist eine Art Hüpfburg XXL, eine Leistungsschau des örtlichen Kleinkulturgewerbevereins, ein Programm, das ein klares Bekenntnis zur Quantität zulasten von Qualität abgibt. Das den Expertengedanken bestreitet und stattdessen das Immergleiche vom Bürger für Bürger finanziert. Nichts gegen die verdienstvollen Ehrenämtler und ihr Tischtennisturnier. Nur: Wo ist das besondere Fest?
Die mehr oder weniger vom ständigen Tauschdeal Antraggegen- Geld-aus-der-Gießkanne lebende Kulturpolitik der Stadt Freiburg ist damit zielstrebig an der Wand der Sackgasse angekommen, in die sie seit Jahren hineinsteuert. Kreativer Ausweg ausgeschlossen. Aber mit welchen Erkenntnissen rennt sie 2020 gegen die Mauer? Einige drängen sich auf:
1. Braucht Freiburg noch ein Kulturamt?
Wenn das Freiburger Kulturamt neben dem Unterhalt eigener Kunsthäuser angeblich auch Veranstalter ist – warum ist davon gerade beim wichtigsten Event der vergangenen Jahre so überhaupt nichts zu sehen? Warum ist die Behörde mit ihrer stattlichen Anzahl an Mitarbeitern scheinbar komplett außen vor, wenn es darum geht, dieser bräsigen Zufallsauswahl ein wenig Geist oder eine Leitidee einzuhauchen? Die Vermutung darf geäußert werden, dass das schlichte Verwalten von Archiven und Zuschüssen kein Gestalten durch ein Amt mehr benötigt.
2. Diese Stadt hat einen Minderwertigkeitskomplex
Stadtjubiläum – das könnte ein famoses Labor sein, eine Idee des Austauschs mit Menschen von außerhalb, Künstlern, die es von Freiburg aus über den Tellerrand geschafft haben, mit Denkfabriken und Stadtexperimenten. Mit Ausnahme von „Freilicht“ im November 2020 findet keine solche Einflussnahme von außen statt. Es wird noch ein Pop-Konzert auf dem Münsterplatz geben, bei dem die Stadt mit einem aber-nur-9-Euro-Konzept in Konkurrenz zu Privatveranstaltern tritt, aber das war es auch schon. Keine Außensicht, kein Special Guest, kein Ausnahmezustand. Der Oberbürgermeister und der Kulturbürgermeister haben Anfang Januar 900 Werbe-Rosen verteilt wie zwei Kleinstadt-Kavaliere. Als einer von neun Botschaftern fungiert ein junger Mann, der nicht viel mehr kann außer Dirndl tragen und eine Fasnet-Single aufnehmen („Zick-Zack-Zwiebel“). Piefiger geht‘s kaum. Vielleicht sagt jemand den Verantwortlichen noch zeitnah, dass hier nicht 900 Jahre Tunsel oder Burkheim gefeiert wird. Und damit tut man diesen pittoresken Gemeinden in der Nachbarschaft noch Unrecht.
3. Es ist ein Event für alte Leute
Dieses Stadtjubiläum hat neben der Bürger-Do-it-yourself- Programmatik einen zentralen Geburtsfehler: Es stellt die Demografie der Stadt auf den Kopf. Die 230.000-Einwohner- City feiert sich gern als gefühlt jüngste Stadt Deutschlands mit dem jüngsten OB des Universums. Mit Ihrem 900-Aufruf vor zwei Jahren hat sie wenig getan, um die Alterspyramide entsprechend abzubilden: Junge Spielstätten und Macher einzubinden, auch gezielt aufzufordern, auch wenn die natürlich nicht wissen konnten, welcher DJ oder Künstler bei Ihnen 30 Monate später einkehren könnte. Das Ende vom Lied? Einfach im Kalender auf der 900-Website „Konzerte“ klicken: Aktuell stehen hier vier Orgel-Konzerte und je einmal Musikspaziergang, Neue Musik und kollektives Hobby-Dirigieren. Puh.
4. It is a man’s world
Der mit Ach und Krach um Frauen angereicherte „Prolog“ zur Archäologie im November (eine tapfere VAG-Fahrerin musste eine Rede halten, zwei Museumschefinnen wurden gönnerhaft von ihrem Direktor in Szene gesetzt) hat es angedeutet. Tatsächlich hat kaum jemand bei diesem Kessel Buntes an ein Programm von und für Frauen gedacht.
5. Es ist so tranig, dass nicht einmal das traditionelle Freiburg mitmacht
Von den erwarteten 900 Großspendern, denen sogar handverklebte Namensplaketten in einem Bächle offeriert werden, waren beim Start ins Gedenkjahr noch keine 150 beisammen – sämtliche Privatpersonen aus Bürgermeisterkreisen und städtischen Unternehmen mit eingerechnet. Ausgerechnet bei einem Jubiläum, das bürgernah noch den tütteligsten Waldspaziergang zum Programmpunkt erhebt, bleiben die Unterstützer in der Bürgerschaft aus. Wo sollen dann erst Auswärtige herkommen, die diesen Dorfumzug attraktiv finden?
Und schließlich: 6. Der Stadt fehlt eine kulturelle Auseinandersetzung
Es wäre an der Zeit, eine Schubumkehr einzuleiten: Statt dazu aufzurufen, dass einem mehr oder weniger erwünschte Gäste die Tür einrennen, sich diese selbst auszusuchen und auf sie zuzugehen. Gern außergewöhnliche, unkonventionelle, vielleicht auch sperrige. In Zeiten, wo alles und jeder kuratiert, kriegt die Freiburger Kulturpolitik nichts gestaltet und ihre alten Baustellen nicht zu. Vieles tun sich die Macher aus Amt und Gemeinderat schon längst nicht mehr selbst an – man denke beispielhaft an die menschenleeren Vernissagen im Kunstverein, aus denen sich mitnichten auf besondere Tiefe schließen lässt. Manches wirkt inzwischen nur noch wie die Parodie einer kleinstädtischen Kunstszene. Vielleicht wird die Feier zum guten Anlass für einen gepflegten Kehraus.

1 Kommentar
Lieber Herr Raschke,
vielen Dank für diese richtige Situationsbeschreibung zum Freiburger Stadtjubiläum. Die Wurzel des Problems liegt darin, dass die Stadt Freiburg keine inhaltlichen Leitplanken für dieses Jubiläumsjahr montiert hat:
– Was soll mit diesem Jubiläum erreicht werden?
– Welche Botschaft soll an wen gerichtet werden?
– Welcher Eindruck (Image) soll von Freiburg vermittelt werden?
Grundsätzliche Fragen, die vor Beginn jeglicher Aktivitäten hätten beantwortet werden müssen. Und hätten beantwortet werden können, wären die Macher konzeptionell an die Sache herangegangen.
Ganz gleich, wie die Antworten auf diese Fragen gelautet hätten, Sie wären Richtschnur gewesen für jede einzelne Entscheidung in Sachen Stadtjubiläum: Spricht der Duktus von Logo und Slogan die Zielgruppe an? Passt der Veranstaltungsvorschlag der Brasilieninitiative zur Zielsetzung? Spiegeln Orgelkonzerte das gewünschte Image? Und so weiter …
Jeder Vorschlag aus der Bürgerschaft hätte dieser Prüfung unterzogen werden können. Stattdessen muss man sich nun mit einem zwar sechsfach geclusterten, aber dennoch chaotischen Sammelsurium von Vorschlägen herumschlagen und mühsam zu einem Jubiläumsteppich zusammenflicken. Es wundert kaum jemanden, dass bisher nur 150 Menschen bereit sind, 900 Euro für Flickwerk zu spenden.
Überhaupt – das ist der zweite große Malus – das Budget! Der Spendenaufruf „900 für 900“ ist, im wörtlichen Sinn, die Bankrotterklärung des Stadtjubiläums Freiburg, nachdem man bemerkt hat, dass das Gesamtbudget dividiert durch die Zahl der Projekte eben nur ein Taschengeld pro Projekt ergibt. Die Technische Universität München allein hat für ihr 150-jähriges Jubiläum 2018 ein Mehrfaches des Freiburger Etats ausgegeben. Ein Jubiläum übrigens, das mit einem Leitgedanken inszeniert wurde: 150 Jahre Culture of Excellence. Das hat Schmackes. Freiburg hat den Tag der Feuerwache.