Er kam fürs Studium nach Freiburg und blieb. Seit Anfang der 1990er-Jahre steht der gebürtige Münchner mit seinen Soloprogrammen auf der Bühne, macht Kabarett, Musik und Diashow. Beim Espresso im Jos Fritz Café spricht der 55-Jährige über Haltung in der Satire, Unterschiede zur Schweiz und erwachsenes WG-Leben.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Santiago Fanego
Dichter Rauch weht rüber. Es ist ein heißer Tag Ende April und Jess Jochimsen hat das Jos Fritz für das Interview vorgeschlagen. Das Café gehört zur gleichnamigen Buchhandlung und ist ein etablierter, linkskultureller Treffpunkt im Freiburger Sedanviertel. Direkt neben dem Tisch, an dem er nun Platz genommen hat, sitzt ein Mann mit Zigarre. „Früher hätten sie den hier vom Hof gejagt“, sagt Jochimsen und lacht. Ein Gespräch mit ihm ist ein Ritt: Er springt von Blackrock zu Kirche, spricht über Gesinnungsapplaus und die Gründung der Grünen, über Probleme mit der Deutschen Bahn und der deutschen Politik, über Querdenker, Ehegattensplittung und die selbsternannte Bildungselite. Nicht nur einmal fallen Sätze wie: „Das ist eine große Ungerechtigkeit. Und dann muss man es halt auch immer wieder sagen, dass es doof ist.“ Jochimsen ist keiner, der den Mund hält. Seit vielen Jahren wird er dafür bezahlt.
Rund 30 Jahre steht der Kabarettist bundesweit auf Kleinkunstbühnen, hat mehrere Bücher geschrieben, war im Fernsehen zu sehen bei „Schweibenwischer“, „Quatsch Comedy Club“ oder „RTL Samstag Nacht“, schreibt für Zeitungen und fürs Radio. Obwohl seine Bücher teilweise Bestsellerstatus haben – eins wurde gar fürs Kino verfilmt – sind sie finanziell gesehen nur ein Zubrot. „Wie die allermeisten Autorinnen und Autoren kann ich vom Bücherschreiben allein nicht leben“, sagt er. Was ihn trägt, sind die zahlreichen Liveauftritte. Seine aktuelle Tour heißt „Von allen guten Geistern“ und ist wie jedes seiner Programme eine wilde Mischung aus Satire, Songs und Diashow. Denn Musik kann er auch. „Was ich vorspiele, habe ich so viel geprobt, dass es in meinem Körper ist. Wann dann Musikerinnen oder Musiker im Publikum sitzen und sagen, es war gut, freut mich das besonders. Kollegenlob zählt ja vierfach“, sagt Jochimsen und grinst.
Doch nicht nur Kolleginnen und Kollegen erkennen, was er zu leisten imstande ist. „Jochimsen ist erwachsen geworden. Weniger lustig. Aber eben ungleich komischer“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Schreiend komisch“ nennt ihn die Frankfurter Rundschau und der Kölner Stadtanzeiger „den Besten seiner Generation“. Was ist es, das Jess Jochimsen über Jahrzehnte relevant hält, das Feuilleton und Kneipengänger gleichermaßen zum Lachen bringen? Vielleicht seine kluge Sicht auf die Dinge. Er ist kein Taugenichts mit Mikrofon, sondern einer, der nach-, weiter- und mitdenkt. Manchmal habe er Panik, dass sein Publikum dieselbe Zeitung gelesen hat wie er, und daher weiß, woher seine Informationen stammen. „Was, wenn dann nicht stimmt, was ich recherchiert und für meine Nummer verarbeitet habe?“




Immer wieder wird er als Redner für Demonstrationen angefragt, bei Themen von Polizeigewalt bis Stuttgart 21. Seine Kunst ist ein Angebot. „Im Wort Unterhaltung steckt ja Haltung schon mit drin“, sagt er. „Was wir machen, kann wild oder anarchistisch sein und zugleich immer auch etwas, das gesellschaftliche und politische Entwicklungen pointiert bündelt.“ Es ist ein Abarbeiten an dem, was ist. Mal leichter, mal schwerer. Denn letztlich ist das deutsche Kleinkunstpublikum oft seiner Meinung. „Viele, die kommen, sind progressiv und wünschen sich eine gerechtere Welt. Da muss ich niemanden überzeugen.“ Anders sei es in der Schweiz, wo auch diejenigen ins Kleintheater gehen, die eher konservativ oder rechtsgerichtet sind. „Diese Raus-Sein aus der Bubble empfinde ich als ganz angenehm. Da wird dann auch mal gestritten, außerdem zwingt es mich zur Genauigkeit“, sagt Jochimsen. „Die bekommst du mit Halbwissen nicht.“ Vor Kurzem habe ihm ein Besucher vorgeworfen, dass er immer gegen rechts sei. „Er hat gesagt, das gehe doch so nicht. Und ich habe gesagt: Doch, das geht sogar sehr gut.“

Einer seiner größeren Bucherfolge „Mama und Papa hatte ich nicht, ich musste Renate und Eberhard sagen“ dreht sich um 68er-Kinder. Bürgerliche Ideale hat er selbst als Vater nicht weitergegeben: Jochimsen und seine Partnerin haben die gesamte Kindheit des inzwischen erwachsenen Sohnes in einer WG mit einer zweiten Familie gelebt. Die Kinder sind wie Brüder aufgewachsen. „Es ist mir ein völliges Rätsel, warum das nicht viel mehr Menschen machen“, sagt er.