Wie bauen wir die Zukunft, welche Auswirkungen hat die Corona-Ära auf das Bauen von Wohnungen und Büros? Architekten aus der Region finden Antworten auf diese Frage.
VON RUDI RASCHKE
Rund ums Bauen und Wohnen sind die Nachrichten derzeit wie fast alles von der Corona-Zeit dominiert: Es ist unklar, wie die Rezession auf dem Immobilienmarkt zuschlägt und ob beispielsweise in den Boomregionen Südbadens die Bremse gedrückt wird. Fragen drehen sich darum, wie risikobereit Banken künftig finanzieren werden, aber auch, ob weiterhin Kapitalströme in Immobilien angelegt werden, wenn die Börsen ächzen.
Die weit wichtigere Frage ist aber, wie wir künftig leben und arbeiten. Sie betrifft weit mehr als nur die Familie, die einen Umzug plant – Architekten müssen die Planung von Landschaft noch mehr einbeziehen, Stadtplaner sind gefordert, aber auch Verwaltungen, Wirtschaftsförderung und Kammern, wenn es um neue Freiräume geht. Diese werden nicht nur durch die Wünsche von Bewohnern definiert, sondern auch durch eine Vielzahl von Leerständen, beispielsweise im Handel oder Bürogebäuden nach der Corona-Krise.
Die Nachfrage der Bauherren hat sich verändert
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich die Nachfrage der Bauherren in den vergangenen Monaten nachhaltig verändert hat. Jeder hat bei sich selbst oder im engsten Umfeld die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, eigenes Gemüse anzupflanzen, mit Sauerteig hantieren zu wollen, einsame grüne Flecken (möglichst eigene) zu finden. Selbst aus dem unkaputtbar schönen Paris ist zu vernehmen, dass sich die Fluchtbewegungen von Familien durch Corona vervielfacht haben, es gibt bereits Agenturen, die mit der Marke „Paris, je te quitte“ (Paris, ich verlasse Dich) ein einträgliches Geschäftsmodell für Wegzügler geschaffen haben.
Die renommierte Professorin Susanne Dürr leitet den Lehrstuhl für Städtebau, Gebäudelehre und Entwerfen an der Hochschule Karlsruhe. Noch vor der Corona-Krise kritisierte sie im Buch „Geht doch!“ unseres Kolumnisten Klaus Wehrle, dass die Deutschen nicht nur soviel Flächen fürs Wohnen wie noch nie verbrauchen, sondern auch die bereits aufgehäufte Menge an Ein- und Zweifamilienhäusern im Land Baden- Württemberg: „Die gesellschaftlichen Kosten sind unverhältnismäßig hoch“, sagte sie mit Blick auf die Ressourcen, die benötigt werden. Der Konsens vor Corona schien klar: Das eigene Häusle wird zum Auslaufmodell.
Der Architekt Ludwig Eith, Erster Vorsitzender des Architekturforum Freiburg, weist darauf hin, dass es auch „weiterhin notwendig sein wird, in angemessener Dichte Wohnungen zu bauen, um den Naturraum zu schützen.“ Gleichwohl geht er davon aus, dass „die Sensibilität und das Bewusstsein für öffentliche Freiräume, Plätze, Grünanlagen in der Bevölkerung bereits zugenommen hat“ und sich weiter verstärken wird. Vor diesem Hintergrund gelte es, einen sorgfältigeren Umgang mit Flächen zu finden, also eher Qualität als Quantität zu schaffen, beispielsweise werden es „Wohnungen ohne Balkone oder mit schlecht nutzbaren Freiräumen“ schwer haben. Beim Planen seien aber auch Flächen für Home Offices zu berücksichtigen.
Der Wunsch nach mehr Lebensqualität
Mike Schneider vom Breisacher Architekturbüro Sennrich und Schneider denkt, dass die Pandemie sich auf den Wunsch nach mehr Lebensqualität auswirkt, will dies aber noch nicht in Fragen der Wohnformen und Flächenverbrauch quantifizieren. Es sei durchaus denkbar, dass die Pandemie „das Bewusstsein für das Leben, die Qualität und damit letztlich auch wieder für gute Architektur“ prägen kann.
Etwas weiter holt Christopher Höfler aus, einer der beiden Geschäfttsführer des großen Freiburger Architekturbüros „Sacker“. Er stellt grundsätzlich die Frage, ob sich eine „nach- Corona-Zeit“ oder einfach „eine neue Realität“ entwickeln wird. Und zum Beispiel das soziokulturelle Leben sich vom arbeitskulturellen Leben überhaupt noch trennen lässt?
Für seine eigene Arbeit, sagt Höfler, vermisse er die emotionale Nähe, auch der schlichte Händedruck mit einem Gegenüber. Gleichzeitig treten nicht nur unpersönlichere, wenngleich praktische Videocalls an die Stelle der alten vis-a-vis-Treffen, sondern umfassende Digitalisierungen, nicht zuletzt braucht es bessere Internet-Verbindungen für Home Office. Er denke, „dass große Wohnkomplexe berührungslose Bedienungen der Aufzüge und Haupteingangstüren erhalten“, sagt Höfler über die künftige Ausstattungen von Wohnbauten, in denen seiner Einschätzung nach bald 40 bis 50 Prozent der Arbeit erledigt werden. Ein Teil der Arbeitswelt wird noch mehr in Richtung „zuhause“ verlagert. Gut möglich, sagt Höfler, dass auch das Corporate Design eines Arbeitgebers Einzug ins Home Office halten könnte.
Darüber hinaus werden Loggien und Balkone, also „der direkte private Außenraum wichtiger und damit größer ausfallen.“ Der Städtebau werde sich durch den Wohnungsbau verändern, Arbeitszimmer so groß wie bei der vorletzten Jahrhundertwende könnten Standard werden. Zugleich hat „die Vergrößerung des Bedarfs im Wohnungsbau eine Verkleinerung des Bedarfs im Bürobau“ zur Folge.
Arbeitswelt wird in Richtung „zuhause“ verlagert
Im Übrigen geht Höfler davon aus, dass nicht nur in der Führungskultur im Innern mit „flexiblen Arbeitskonzepten“ vieles auf Erneuerung gestellt wird. Auch im Äußeren, den einst repräsentativen Headquartern könne sich einiges an Mitarbeiter- und Kundenbindung in Richtung digital verändern. Und schließlich werde sich der Straßenraum wandeln, wenn sich die Mobilität per Fahrrad weiterhin so entwickle wie aktuell. Und nicht zuletzt wird „das Leben an der frischen Luft deutlich zunehmen.“
Erleben wir also einen neuen „Dichtestress“, wie eine Schweizer Wortschöpfung im vergangenen Jahrzehnt lautete? Tatsächlich muss die Dichte nicht das Problem sein, sagen die Macher der urbanen Ausstellung „Dichtelust“, die bereits 2018 im Schweizerischen Architekturmuseum Basel stattfand. Sie verwiesen damals auf die enorme Dichte von nach wie vor populären Altstädten und Gründerzeit-Kiezen. In der Corona- Zeit wissen wir: es kommt wirklich auf die Qualität der Gestaltung und Anbindung an.
Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die beiden ebenfalls in Basel ansässigen Legenden der globalen Architektur, äußerten jedenfalls im April in einem Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ zu beider 70. Geburtstag Entsprechendes: „Man muss die Stadt von der Landschaft her denken“, sagte Herzog. Er plädiere weiterhin für Verdichtung, weil nur so Boden geschützt und Landschaft erhalten werde. Aber künftig werde es nicht mehr gehen, „an Gebäude zu denken, ohne den öffentlichen Raum mitzudenken.“ Neue Stadtzentren bräuchten Orte, „die wie Oasen funktionieren“.
Dieser Artikel erschien zuerst in der August-Ausgabe 2020 unseres Printmagazins.