60 Jahre gibt es den Reinhold-Schneider-Preis dieses Jahr. Die Chancen steigen, dass er zum Jubiläum immerhin ein wenig Beachtung erfährt.
VON RUDI RASCHKE
Der dem christlich geprägten Schriftsteller gewidmete Preis wurde bereits zwei Jahre nach dessen Tod 1958 erstmals verliehen, seither wiederholt sich die Aus-zeichnung alle zwei Jahre. Im Mittelpunkt sollen Künstler unterschiedlicher Sparten stehen, die einen Bezug zu Schneiders Wahlheimat Freiburg haben sollen.
Über die Sparten und den Rhythmuswechsel zwischen Bilden-der Kunst, Literatur und Musik gab es in den vergangenen Jahren recht verlässlich Streit, der im wesentlichen im Gemeinde-rat ausgetragen wurde. Die Tatsache, dass bei diesen Wechseln von drei Kultursparten recht lose alle sechs Jahre ein Musiker von der Stadt ausgezeichnet wurde, dann wieder ein Autor und ein Künstler, trug nicht eben zur Bekanntheit bei.
Zuletzt die Biennale der Bedeutungslosigkeit
So umkämpft der Preis im Freiburger Stadtparlament war, selbst die Jurybesetzung war Gegenstand von Kindereien, so bedeutungslos war er zwischenzeitlich außerhalb Freiburgs. Wer das überprüfen mag: Eine schlichte Recherche zum Preis ergibt außerhalb Freiburgs nahezu keine Berichterstattung über Zeremoniell und Preisträger. Ausnahme sind PR-Meldungen von Verlagen, deren Autoren prämiert wurden. Der Reinhold-Schneider-Preis, zuletzt die Biennale der Bedeutungslosigkeit.
Ärgerlich auch für die Menschen, die wie Klaus Theweleit 2014 für beachtliches kulturelles Schaffen ausgezeichnet wurden. Das klingt ernüchternd für einen Preis, der immerhin 15.000 Euro als Hauptdotierung sowie zwei Stipendien à 6000 Euro springen lässt. Erstaunlich auch, wenn man beispielsweise sieht, wie die 2000-Seelen-Gemeinde Bernau im Schwarz-wald ebenfalls im zwei-Jahres-Turnus für Aufsehen sorgt: Mit Hans-Thoma-Preisträgern wie Anselm Kiefer, Thomas Ruff oder Tobias Rehberger schauten dort immer wieder angesagte Helden der zeitgenössischen Kunst vorbei.
Den Freiburger Preis dagegen schien außerhalb des örtlichen Kultur-Kosmos’ zuletzt niemand mehr zu beachten, was sich in diesem Jahr ändern könnte. Nicht so sehr, weil die Ausweitung der Sparten jetzt auch die Darstellende Kunst würdigt. Son-dern, weil einfach mal die Preisträger mit Freiburg-Bezug auf-horchen lassen: Mit Dietmar Dath wird im Fach Literatur einer der vielseitigsten Geister des Landes ausgezeichnet. Der Suhrkamp-Autor Dath, gebürtig in Rheinfelden und einige Jahre in Freiburg ansässig, war sowohl Redakteur bei Spex als auch der FAZ, er vereint herausragende popkulturelle Beiträge mit fiktionalen Texten aus Fantasy und Science-Fiction. In „Die salzweißen Augen“ versuchte er in Brief-Essays von Slayer bis Rocco Siffredi die Drastik zu erfassen, als Übersetzer brachte der hyperproduktive Dath Schriften des britischen Pop-Theoretikers Kodwo Ehsun („Heller als die Sonne“) ins Deutsche.

Mit Iris Wolff und Stefanie Höfler werden zwei weitere Preisträgerinnen für Literatur gefördert, die ebenfalls außerhalb der Stadtgrenzen für Aufsehen gesorgt haben. Neben Ehrenpreisen, mit denen sich die in unkritischer Versipptheit vereinte Ü60-Kulturszene der Stadt regelmäßig selbst feiert, werden aber mit dem Choreografen Graham Smith und der Theater-gruppe „Die Immoralisten“ auch weitere Künstler bepreist, für die man sich überregional nicht schämen muss.
Es könnte – Corona-Einschränkungen hin oder her – am 22. November wieder einmal eine Verleihung des Preises geben, die für etwas überregionales Interesse sorgt. Für ein komplett im eigenen Saft schmorendes Kulturleben nicht die schlechteste Aussicht.
Dieser Artikel erschien in der September-2020-Ausgabe unseres Printmagazins