Reden wir zum Auftakt kurz über uns, weil es vielen vermutlich ähnlich geht: Das Arbeiten zum Ende dieses Jahres ist eigenwillig schlapp, man schleift sich anders als im sonstigen Weihnachtsbetrieb in die Jahreszielgerade. Das betrifft nicht nur jene, die existenziell zu kämpfen hatten. Auch als Betrieb, der es an sich einfacher hatte, (in unserem Fall weniger Pressekonferenzen, weniger gefahrene Kilometer, weniger Ablenkung im Gemeinschaftsbüro) empfindet man das so.
VON RUDI RASCHKE
Was hinter uns liegt, ist klar, es ist leider in diesen Tagen aber auch kein rechter Aufbruch in Sicht. Blicken wir auf das Jahr zurück, dann bot das für die meisten von uns ganz viele „letzte Male“: In Erinnerung bleiben Momente wie das vorläufig letzte Spiel des SC Freiburg vor 24.000 Zuschauern Anfang März (bereits wenige Tage später wurde der Kulturbetrieb eingestellt); das letzte größere Essen im Freundeskreis; der vorläufig letzte Abend in einer Wirtschaft vor dem Winter-Lockdown; ein letzter Abend im ohnehin nur für 200 Menschen zugelassenen Freiburger Stadttheater (bei dem der Kabarettist Josef Hader als letzte Zugabe das unheimliche „Und über uns der Himmel“ anstimmte, ein irgendwie rührender Durchhalteschlager von Theo Mackeben, den Hans Albers 1947 sang.) „Es muss doch weitergehen, wir fangen alle von vorne an“, sang jetzt auch Hader.
Und gern hätte man ein wenig Kraft getankt in solchen Momenten, aber es fehlt aktuell ein Zauber des Anfangs, es herrscht nur die Hoffnung auf eine neue Normalität nach der Impfung. Und man wird sich dann vielleicht die Augen reiben, was noch übrig ist von unserem „Davor“. Von daher ist es eine Gratwanderung, ein Heft zu diesem Wandel zu machen, den uns eine weltumspannende Pandemie beschert hat. Krise mag immer Chance sein, Herausforderung, auch Neubeginn. Aber die Basis hierfür sind nun einmal rund 70 Millionen Menschen, die weltweit erkrankt sind oder waren und neben den Verstorbenen auch viele Millionen, die existenziell gefährdet sind.
Das gilt es immer zu bedenken, wenn wir über den Umgang mit diesem „Change“ von Homeoffice bis Digitalisierung sprechen. Wir mussten „Umdenken“, so der Titel. Aber es war ein erzwungenes Umdenken, um dass sich zu diesem hohen Preis keiner bemüht hätte. Auch für uns, die wir oft optimistisch über das Zeitalter der Disruption berichten, ist dieses alles- Hinwegfegen und mit-Bestehendem-Brechen an vielen Punkten kein Spaß mehr.
Neues Zeitalter
Trotzdem darf die Frage erlaubt sein, die der aus Freiburg stammende Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen kürzlich in der „Zeit“ stellte: „Schafft die Corona-Krise eine bessere Welt?“ Sie greift auf, was viele – überwiegend aus der akademischen Besserverdiener-Welt – erhofft haben: Wir kommen aus dem Hamsterrad in ein verändertes Zeitgefühl.
Wir kommen in ein neues Zeitalter, in dem Selbstbestimmung, Führungsintelligenz, Wertschätzung und Empathie viel wichtiger sein werden als zuvor. Mancher, wie der Schwarzwälder Philosoph Hartmut Rosa, sprach sogar davon, man könne „diese Situation auch genießen.“ Mag sein für manche von uns, aber es kommt vor allem darauf an, wie wir jetzt weiter gehen.
Das betrifft übrigens auch uns Medien. Die zurückliegenden Monate waren sehr davon geprägt „aus der Not eine Tugend zu machen“: Aus einer sehr guten (mit Ausnahme von Bildung und Digitalem) Infrastruktur heraus die Krise für Kreativität zu nutzen, mit möglichst wenig Bürokratiehürden Lösungen zu finden. Zu erleben war das bei Gastronomie- und Einzelhändler-Lieferdiensten, aber auch bei kurzfristiger Parkraumbewirtschaftung der anderen Art.
Wenn es neben den Herstellern von systemrelevanten Gütern so etwas wie Gewinner gibt: Es waren nicht nur die globalen Lieferkonzerne, sondern auf der anderen Seite auch die kleinen, regionalen Einheiten am Markt, die mit einer gesicherten Community-Basis, einer gewachsenen Anhängerschaft, arbeiten konnten. Schwer war es dagegen für jene Häuser mittlerer Größe, die nicht „amazon“ heißen, aber eben auch weit mehr auf dem Spiel stehen haben als das nette Lädchen ums Eck. Gerade hier liegen die Aufgaben für die Zukunft: Aus den Provisorien jetzt Lösungen zu schaffen, die tragfähig sind, gerne weiterhin kreativ und bürokratiereduziert. Aber eben auch mit Ansätzen, die nachhaltig, im Sinne von einem Mehr an Lebensqualität, daherkommen.
Vereinfachte Bürokratie
Wir haben gesehen, dass Teile unserer Verwaltung auch flexibel agieren. Ob sie es auch kreativ und ohne Bedenkenträgerei in der Zukunft schaffen, ist noch offen. Bei Themen wie der Verkehrswende, aber auch potenziell verwaisten Innenstädten oder der allgemeinen Unterstützung des Mittelstands wird genau das benötigt. „Wenn es einen Grabstein für die Stadt gibt, steht ‚amazon‘ drauf“, schrieb im Sommer der Architekturkritiker Gerhard Matzig.
Es wird daher neben bewussten Konsumenten auch Menschen in der Verwaltung brauchen, die nicht nur Bauanträge durchwinken, sondern auch das sensible Gefüge von attraktiven, bewohnbaren Innenstädten gegenüber ebensolchen ländlichen Regionen mit Idee und Experiment gestalten können. Viel Geld werden sie nicht dafür zur Verfügung haben, aber hoffentlich ein wenig Spirit. Ansonsten werden wir in einigen Monaten nicht mehr über das chancenreiche Jahr 2020 reden müssen.
Das „Umdenken“ wird jedenfalls noch lange andauern. Als im Berliner „Berghain“, dem legendenumwobenen Club unserer nachmodernen Hauptstadt, in diesem Herbst die Lichter angingen und der Dancefloor zum Museum auf Zeit wurde, hing diese Botschaft über die gesamte Gebäudebreite auf einem zwei Mann hohen Banner: „Morgen ist die Frage“. Es gehört zum Wesen dieser Zeit, dass wir die Antworten aktuell nicht kennen.