Die Zahl der Fusionen unter Volksbanken nimmt im Südwesten weiter zu. Ein Trend, der sich voraussichtlich verstärken wird. Neu ist zudem, dass regionale Riesen entstehen, die sich auf eher unkonventionelle Weise zusammentun.
VON SUSANNE MAERZ
„Wir sind die Nummer eins der Volksbanken in Baden-Württemberg und unter den ersten fünf in ganz Deutschland“ – dies hatte Joachim Straub, einer der zwei Vorsitzenden der neuen „Volksbank eG – Die Gestalterbank“ vergangenes Frühjahr der Presse gesagt. Zugleich hatte er auf die Bilanzsumme von 9,1 Milliarden Euro der im Jahr 2020 fusionierten Volksbanken in der Ortenau und Schwarzwald Baar Hegau verwiesen. Im Laufe des Jahres könnte sie von der erst 2021 fusionierten Volksbank Karlsruhe Baden-Baden überholt werden. Diese hat sich zum 1. Januar 2022 mit der Volks- und Raiffeisenbank Bank Enz zusammengeschossen und will im Herbst mit der Volksbank Pforzheim fusionieren. Mit einer gemeinsamen Bilanzsumme von rund elf Milliarden Euro wäre dies die größte Volksbank in Baden-Württemberg.
Doch im Januar kündigte die Gestalterbank an, dass sie Sondierungsgespräche mit der Volksbank Rhein-Wehra mit Sitz in Bad Säckingen führt. Die gemeinsame Bilanzsumme von zwölf Milliarden Euro würde der Bank die Pole Position in Baden-Württemberg sichern. Herrscht in Baden ein Fusionsfieber oder gar ein Wettfusionieren? Auf Fragen wie diese antwortet die Gestalterbank derzeit nicht und verweist auf die laufenden Sondierungsgespräche. In der Pressemitteilung vom Januar wird die „vergleichbare Geschäftsausrichtung“ der beiden Häuser hervorgehoben. Die Karlsruher verweisen auf „Effizienzvorteile“.
Sonderfall Sprungfusion
Unstrittig ist unter Experten: Die zunehmende Regulatorik, die für Bankhäuser aller Größen gleich ist, und die Digitalisierung stellen alle Kreditinstitute vor Herausforderungen, die kleinen umso mehr. Für Thomas Hagenbucher, Pressesprecher des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, sind sie „allgemeine Treiber von Fusionen im Kreditgewerbe“. Dazu kommt die anhaltende Niedrigzinsphase, die es Banken schwerer macht, Gewinne zu erwirtschaften. Für die beiden regionalen Riesen spielen diese Gründe vermutlich eine untergeordnete Rolle, da beide Banken sehr gut aufgestellt sind.
Die Gestalterbank hat zudem eine Sonderstellung, da sie früh auf neue Geschäftsfelder gesetzt hat und damit erfolgreich ist. Beispiel: Die damalige Volksbank Offenburg gründete 2008 das Tochterunternehmen First Cash Solution, das auf Zahlungssysteme – sei es für den Onlineshop oder über stationäre und mobile Terminals – spezialisiert ist und nimmt damit eine Vorreiterrolle ein. Bereits seit Anfang der 1990er Jahre betreibt die Bank das Zahlungsverkehrsgeschäft, damit regionale Händler Kreditkarten von Kunden aus dem benachbarten Frankreich akzeptieren konnten.
Die Gestalterbank ist auch deshalb ein Sonderfall, weil sie aus Banken entstanden ist, deren Geschäftsgebiete nicht aneinander angrenzen und diese Fusionspolitik, im Fachjargon Sprungfusionen genannt, nun auch weiter betreibt. „Der natürliche Partner wäre die Bank nebenan. Aber das ist kein Muss“, sagt Steffen Steudel, Pressesprecher des Bundesverbands Volksbanken und Raiffeisenbanken.
Der Klassiker: Mit dem Nachbarn
Die Volksbank Dreiländereck mit Sitz in Lörrach ist ein Beispiel für eine klassische Fusion: Sie hat 2021 ihren kleineren Nachbarn, die Volksbank Schopfheim-Maulburg, übernommen. Der Vorstandsvorsitzende Günther Heck bezeichnet den Zusammenschluss als „natürliche Fusion“ und verweist auf den gemein samen Landkreis und Wirtschaftsraum, die räumliche Nähe sowie eine ähnliche Philosophie und Geschäftspolitik. „Die Verschmelzung lag auf der Hand, und sie ist gut gelungen“, sagt er. Auch die Zahlen passen: Die Bilanzsumme legte im ersten gemeinsamen Geschäftsjahr um 7,1 Prozent zu und betrug rund 2,3 Milliarden Euro.

Ob regionaler Riese oder Fusion kleinerer Nachbarn – ist eine neue Zeit der Bankenfusionen angebrochen? Verbandsvertreter auf Bundes- und Landesebene wiegeln ab und verweisen darauf, dass sich seit Jahren regelmäßig Genossenschaftsbanken zusammentun. So gab es in Baden-Württemberg 2021 zwölf Zusammenschlüsse von Volksbanken, für dieses Jahr sind bislang acht weitere geplant (Stand Februar). In der Region hingegen schätzt man die Lage anders ein: Volksbank Dreiländer eck Vorstand Günther Heck sieht in Punkto Fusionen derzeit „mehr Dynamik im Markt“. Sein Lahrer Kollege Peter Rottenecker, Vorstandsvorsitzender der dortigen Volksbank, sagt: „Es wird wohl zu größeren Einheiten kommen“ und verweist auf die aktuellen Fusionsbestrebungen der Volksbanken Offenburg/ Villingen-Schwenningen sowie Karlsruhe Baden-Baden. Auch Uwe Barth, Vorstandssprecher der Volksbank Freiburg, sieht einen weiteren „Trend hin zu größeren Einheiten“.
Keine konkreten Pläne, aber Erwartungen
Konkrete Fusionspläne haben derzeit weder die Volksbanken in Freiburg und Lahr noch die Volksbank Breisgau Nord in Emmendingen. Die Vorstände aller drei Häuser betonen fast wortgleich, dass eine Fusion derzeit weder einen Mehrwert für ihre Kunden noch für ihre Mitglieder bringe, sie sich in ihrer derzeitigen Größe wohlfühlten und auf Regionalität setzen. Allerdings sagt Uwe Barth: „Ich glaube schon, dass es in den nächsten fünf Jahren Fusionen in unserem Raum geben wird.“ Die Volksbank Freiburg sei offen. „Wir schließen eine Fusion nicht aus, aber brauchen das nicht unbedingt.“ Die letzten Fusionen der Bank liegen rund 20 Jahre zurück: Damals stießen nach und nach die Raiffeisenbank Südlicher Schwarzwald, die Kaiserstühler Volksbank und die Volksbank Hochschwarzwald zu den Freiburgern.
Ausnahme Sparkasse Kinzigtal
Und wie sieht es bei den Sparkassen aus? Da tut sich wenig. Allerdings gibt es landesweit auch nur 50 Sparkassen, etwa ein Drittel der Volksbanken. Und da die Träger in Baden Städte und Gemeinden sind, sind Zusammenschlüsse ohnehin komplizierter und zudem von politischer Tragweite. Bei den Volksbanken reicht dagegen ein Beschluss der Genossen. Im Jahr 2021 gab es nur eine Sparkassenfusion im Land: Die benachbarten Sparkassen Haslach Zell und Gengenbach verschmolzen zur Sparkasse Kinzigtal.
Beide Sparkassen hätten keinen Zwang gehabt, eine Fusion einzugehen, sagt die für die Unternehmenskommunikation zuständige Anna Teresa Agüera Oliver. „Aber zwei starke Sparkassen können gemeinsam noch stärker sein“, betont sie. Und: „Wir passen sehr gut zusammen.“ Die neue Sparkasse zählt mit einer Bilanzsumme von rund 1,7 Milliarden Euro nach wie vor zu den kleineren im Land, ist im Kinzigtal laut Pressemitteilung aber Marktführer sowohl im Privat- als auch im Firmenkundensegment.

Die Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, eine der Großen im Land, hat laut ihrem Vorstandsvorsitzenden Marcel Thimm derzeit keine Fusionspläne. Die letzten Zusammenschlüsse liegen rund 20 Jahre zurück. Von benachbarten Sparkassen wisse er auch nichts, es habe keine Anfragen wegen Zusammenschlüssen gegeben. „Wir fühlen uns mit unserer Größe gut gerüstet und sehen auch keine Notwendigkeit für eine Fusion“, sagt er – und spricht damit trotz aller Unterschiede ähnliche Worte wie seine Vorstandskollegen der meisten Volksbanken aus der Region.