Mehrere Jahrzehnte lang haben KZ-Überlebende vor Schulklassen, in Museen, Dokumentationszentren, in ehemaligen Vernichtungslagern oder im Deutschen Bundestag von ihrem Erlebten, ihrem Überleben berichtet und so dem Holocaust ein Gesicht gegeben. Ihre Rolle wird in der Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ reflektiert, die in Freiburg gastiert.
Text: Susanne Maerz
Der Sessel ist leer, auf dem eine Überlebende oder ein Überlebender des Holocausts sitzen und in das Mikrofon sprechen könnte, das auf dem Tisch daneben bereitsteht. Stattdessen werden Interviewausschnitte mit Zeitzeugen über die Sitzecke an die Wand projiziert. Mit diesem Arrangement beginnt die Sonderausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“, die bis 13. September im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus in Freiburg zu sehen ist.
Sie ist aktueller denn je. Denn nur noch wenige Menschen, die den Holocaust überlebt haben und davon live berichten können, leben noch. Eine der prominentesten von ihnen, Margot Friedländer, die als junge Frau nach Theresienstadt deportiert worden war und das Konzentrationslager überlebte, starb vergangenes Jahr mit 103 Jahren. Noch bis ins hohe Alter hatte sie immer wieder, vor Schulklassen genauso wie im Bundestag, an die Gräueltaten der Nationalsozialisten und ihrer Helfer erinnert. Ihre Rolle ist auch Thema im Buch „Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie“, das jüngst im Freiburger Verlag Herder erschienen ist. Auch die Bedeutung anderer Überlebender der Shoah wird in dem Band mit Interviews und Sachtexten gewürdigt.
Dass diese Art des Zeugnisgebens bald ein Ende haben wird, ist schon länger immer wieder Thema. Kaum eine Rede anlässlich eines Jahrestages komme ohne aus, gleiches gelte für wissenschaftliche Tagungen zum Thema. Davon berichtete Jörg Skriebeleit, Kulturwissenschaftler, Historiker und Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in der Oberpfalz in Bayern, beim Presserundgang durch die Ausstellung Ende Januar in Freiburg. Am Rande einer solchen Tagung hätten er und Hanno Loewy, Publizist und Direktor des Jüdischen Museums Hohenems im Vorarlberg in Österreich, die Idee gehabt, das Thema an die breitere Öffentlichkeit zu tragen, aber auch aus einer größeren Perspektiven zu beleuchten. „Wir wollten nicht die Zeitzeugen, sondern die Zeitzeugenschaft in den Blick nehmen“, sagte Skriebeleit. Schließlich gebe es ein heterogenes, zu einem weiten Teil der Öffentlichkeit nicht bekanntes Material aus mehreren Jahrzehnten, das bleiben werde, wenn die letzten Holocaustüberlebenden gestorben seien.
Regionale Perspektiven eingebaut
So entstand ab 2019 die Wanderausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ mit dem bewusst gesetzten Fragezeichen im Namen. Das Kooperationsprojekt beider Institutionen war bereits an sieben Orten zu sehen, unter anderem in Wien, München und Berlin. Nun wird die Schau zum ersten Mal in Baden-Württemberg gezeigt – als erste Sonderausstellung im knapp ein Jahr alten Dokumentationszentrum Nationalsozialismus in Freiburg. Dessen wissenschaftliche Mitarbeiterin Caroline Klemm reicherte sie um eine regionale Perspektive an: So werden zehn Ausschnitte aus Interviews mit Zeitzeugen, die einen Bezug zur Region haben, gezeigt. Dabei, so berichtete Caroline Klemm, geht es nicht nur darum, dass diese berichten, sondern auch, wie sie dies tun und zum Beispiel mit der Interviewsituation umgehen.
So unterfüttert Leon Weintraub das Erlebte mit historischen Fakten und ordnet es sachlich ein. Lotte Paepcke hingegen gerät etwas aus der Fassung, als sie gefragt wird, was heute Heimat für sie sei. Und Ingeborg Joseph, auf Englisch interviewt, wechselt immer wieder ins Deutsche, als sie über ihre Kindheit und Jugend in Deutschland berichtet. Mal plaudern die Überlebenden geradezu, mal mahnen sie. Gretel Nelson de Blum auf Spanisch im Kreis ihrer Familie interviewt, betont etwa nachdrücklich, wie wichtig es sei, dass die nachfolgenden Generationen den Holocaust nicht vergessen.

Diese doppelte Ebene, die Geschichte der Zeitzeugen und die Reflexion über die Zeitzeugenschaft an sich, zeichnet die Ausstellung aus. Nicht jedem Besucher oder jeder Besucherin mag sich dieser doppelte Zugang auf den ersten Blick erschließen, erfordert er doch einiges an Vorkenntnissen. Das sei nicht schlimm, meinte Jörg Skriebeleit, jeder oder jede könne anderes aus der Ausstellung mitnehmen. Zudem gibt es Führungen für Schulklassen und andere Interessierte, die bei der Vermittlung helfen.
Die Wanderausstellung zeigt zudem eindrucksvoll, dass die Zeitzeugenberichte wie auch ihr Mahnen gegen das Vergessen keineswegs immer die Erinnerungskultur prägten: So waren in den 1950er-Jahren die Überlebenden in der deutschen Öffentlichkeit kaum präsent. Wenn doch, ging es nicht um ihr Er- und Überleben, sondern um ihre Integration in die Nachkriegsgesellschaft. Oder sie dienten der Darstellung der Rolle der USA als Befreier: Zum Beispiel in einer US-amerikanischen TV-Show, wo Überlebende und Soldaten erstmals gemeinsam vor einem großen Publikum auftraten. Ein anderes Zeitzeugnis in der Ausstellung wurde nach dem Erscheinen kaum beachtet: das „Tagebuch der Anne Frank“, von Annes Vater Otto Frank 1947 veröffentlicht, der als einziger der Familie den Holocaust überlebt hatte. Das hat sich später geändert, gehört das Tagebuch doch längst in vielen Ländern zum Bildungskanon und ist Bestandteil des Geschichtsunterrichts.
Erst standen die Täter im Rampenlicht
Auch noch in den 1960er-Jahren waren die Opfer des Nationalsozialismus eher Randerscheinungen. Zwar traten sie im Eichmannprozess in Jerusalem und den Frankfurter Auschwitz-Prozessen als Zeugen auf. Doch in der Öffentlichkeit dominierten die angeklagten Täter: Nicht nur in der Berichterstattung über die Prozesse, während derer sie schwiegen, sondern auch in Autobiografien, in denen sie von ihrer Beteiligung an den NS-Verbrechen ablenkten. Prominentes Beispiel ist das in der Ausstellung präsentierte Buch „Erinnerungen“ von Albert Speer, dem Rüstungsminister des nationalsozialistischen Deutschlands.
Erst in den 1970er-Jahren änderte sich die Perspektive, wie andere Ausstellungsstücke veranschaulichen. Auslöser dafür war die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ über die fiktive deutsch-jüdische Arztfamilie Weiss aus Berlin. Der Vierteiler erzählte, wie miteinander verwandte oder anders verflochtene Menschen zum Teil Opfer, zum Teil Täter wurden. Wenn auch beispielsweise vom jüdischen Autor und Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel als Seifenoper kritisiert, der ihr zudem eine „Trivialisierung des Holocaust“ vorwarf, gewann die Fernsehserie acht Emmy-Awards und die TV-Oscars. Vor allem aber löste sie „eine geschichtspolitische Erschütterung“ aus, wie Ausstellungsmacher Skriebeleit berichtete. In vielen westlichen Ländern, neben Deutschland auch in den USA und Norwegen, begannen die Menschen danach, sich für die Schicksale der Opfer zu interessieren. In dieselbe Zeit fällt auch die Entstehung der neunstündigen Dokumentation „Shoah“ des französischen Filmemachers Claude Lanzmann. Er interviewte dafür Überlebende des Holocausts und brachte sie zum ersten Mal auf die Leinwand. Parallel dazu, begannen viele Überlebende ihre Rolle als Stellvertreter zu reflektieren.
Nach und nach traten sie in die Öffentlichkeit, begannen zu berichten. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gerieten neben jüdischen Überlebenden auch mehr und mehr Sinti und Roma sowie weitere ehemals verfolgte Gruppen in den Blick und wurden zu ihrem Erlebten interviewt. Vor allem der Film „Schindlers Liste“ habe 1993 einen regelrechten Memory-Boom ausgelöst, heißt es. In den vergangenen 30 Jahren, so zeigt die Ausstellung, entstanden sehr viele Dokumente von Zeitzeugenschaft. Falsche Zeugnisse seien ebenso darunter wie die von sogenannten Berufszeitzeugen, die sich das Mahnen an die Verbrechen zur Lebensaufgabe gemacht hätten. Manche leben heute als Hologramme oder Bots weiter, von anderen werden Briefe, Interviews oder Fotos bewahrt. Und dann gibt es eine junge Generation, die vermehrt fragt, was sie denn noch mit den Verbrechen der Nationalsozialisten zu tun habe und sich mit Zeitzeugnissen wie diesen beschäftigen soll. Um all dies geht es in der Schau. Vieles wird nur kurz gestreift, ist aber stets verbunden mit vielerlei Gedankenanstößen fürs eigene Erinnern oder Reflektieren unserer Erinnerungskultur.
Die Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ ist bis zum 13. September 2026 im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus in Freiburg zu sehen. Weitere Informationen unter www.museen.freiburg.de/museen/dzns/sonderausstellungen
Zur Ausstellung gibt es begleitend Veranstaltungen. Infos unter www.museen.freiburg.de/kalender
Im Freiburger Verlag Herder ist zum Jahresbeginn, passend zum Thema, das Buch „Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie“ von Joachim A. Lang und Thomas Weber erschienen.