Wirtschaftlich stark, historisch bedeutsam und mit aufgefrischtem Zentrum, das nach urbaner Geschäftigkeit strebt. Ein Ortsportrait.
Text: Christine Weis • Fotos: Alex Dietrich
„Die Stadt auf dem Land“ – mit diesem Slogan wirbt Herbolzheim. Rund 11.000 Menschen leben in der nördlichsten Gemeinde des Landkreises Emmendingen mit der Kernstadt und ihren Ortsteilen Bleichheim, Broggingen, Tutschfelden und Wagenstadt. Die Dörfer liegen zwischen Weinreben und Schwarzwaldhügeln im idyllischen Bleichtal. Von ihnen ahnt man zunächst nichts, wenn man von der A5 auf Herbolzheim zusteuert und erstmal durch die Gewerbe- und Industrieareale fährt. Sie sind funktional, weitläufig, verkehrstechnisch optimal angebunden und Arbeitsplatz von rund 3500 Beschäftigten. Die Branchen sind gemischt und reichen von Logistik bis zu Lebensmittelproduktion. Zu den ansässigen Unternehmen gehören unter anderem: Achterbahnbauer Mack Rides, Baustoffwerke KANN, Felgenhersteller BBS, Greschbach Industrie & Stahlbau, Kalfany Süße Werbung, Kunststoffaufbereitung KVS Plastics, Logistikdienst Rhenus Wehrle, Metallbauer Frema, Möbelproduzent Blech & Tech, Prodinger Verpackungen oder die Blechfertigung des Systemtechnikers Wecubex.
Einer der größten Arbeitgeber ist der Ventilatoren- und Motorhersteller EBM-Papst mit rund 420 Beschäftigten. Der international agierende Konzern mit einem Umsatz von zuletzt rund zwei Milliarden Euro verbindet mit Herbolzheim eine lange Tradition: 1955 eröffnete der Gründer der Papst-Motoren, Hermann Papst aus St. Georgen im Schwarzwald, das Werk in Herbolzheim, aus dem in den 1990er-Jahren mit der Übernahme von Elektrobau Mulfinger EBM-Papst wurde. Die einen produzieren Ventilatoren zum Kühlen, während die rund 100 Mitarbeitenden der Firma WISS Produkte zum Löschen von Bränden bauen. Herbolzheim ist Hauptsitz des ebenfalls international aufgestellten Unternehmens, das auf Feuerwehrfahrzeuge spezialisiert ist.




Hanf, Tabak und Leinen
Zwischen den vielen Firmen finden sich Tankstelle, Autohaus, Baumarkt, Reifenmarkt, Recyclinghof, Schnellimbiss, Fitnessstudio und Bowlingbahn. Danach, jenseits der Bahnlinie, beginnt das andere Herbolzheim mit Einzelhandelsgeschäften, Bäckerei, Kirchen, Gasthäusern, Marktplatz, Rathaus, Büchereien, Yogastudio, Werk- und Kunstraum samt Café. Doch auch die Altstadt erzählt von Industrie. Johann-Neusch-Passage steht auf dem einstigen Gebäude der gleichnamigen Zigarrenfabrik, erbaut 1883. Es war nicht die erste. Bereits einige Jahre vorher gründeten Arnold Schindler und Ludwig Heppe ebenfalls Tabakmanufakturen. Einst galt Herbolzheim als Zigarrenmetropole des Breisgaus. Rund 150 Jahre dauerte die Ära. Ab Mitte der 1950er-Jahre begann aufgrund der aufkommenden Zigaretten und eines Pilzbefalls der Tabakpflanzen der Niedergang der gerollten Stumpen. Rund 5000 Beschäftigte arbeiteten in der Hochphase bei den drei großen Firmen der Branche. Das Buch „Tabak in Herbolzheim von anno Düwag bis heute“ listet weitere kleinere Betriebe auf. Auf einem Rundweg mit 24 Stationen kann man anhand der Villen von Unternehmerfamilien und der schmucken Wohnhäuser leitender Angestellter erahnen, wie lukrativ das Geschäft mit den dicken Rauchstangen war.
Bevor die Herbolzheimer Geld mit Tabak verdienten, war der Ort wirtschaftlich geprägt von Handwebereien und Hanferzeugnissen. Im Jahr 1834 eröffnete die mechanische Leinenweberei Karl Kuenzer. Im Torhaus, dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Stofffabrik, sind heute Tourismusbüro, Stadtbücherei, Trauzimmer und ein Concept Store mit lokalen Produkten untergebracht.





Einkaufen, einkehren, wohnen
„Die Aufenthaltsqualität hat sich in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches verbessert, die Innenstadt ist gut frequentiert“, sagt Bürgermeister Thomas Gedemer, der seit Dezember 2017 im Amt ist. Elf Jahre hat die Kernstadtsanierung gedauert. Jetzt ist die Fahrbahn der Hauptstraße verengt, die Gehwege sind breiter, es gibt mehr Grün, der Markt- und Rathausplatz sowie zahlreiche private Immobilien sind saniert. Die Kosten lagen bei rund elf Millionen Euro, etwas mehr als die Hälfte kam als Zuschuss von Bund und Land.
Damit es die Menschen in die Stadt zieht, reichen Pflanzenkübel, Sitzbänke und barrierefreie Bordsteinkanten nicht aus, vielmehr sind es Geschäfte wie etwa Haushaltswaren Ulmer, Sport Saar, Buntstift, Bücherwurm, der Wochenmarkt und das gastronomische Angebot, was die Leute anlockt. „Es gibt kaum Leerstand“, berichtet Gedemer. Kommt es zu Geschäftsaufgaben, nimmt der Bürgermeister das selbst in die Hand: Er kontaktiert die Vermieter und vermittelt neue Pächter – etwa kürzlich einen Fahrradmechaniker, der eine Werkstatt suchte. Auch bei der 225 Jahren alten Bäckerei Mutz, die mangels Nachfolge schließen musste, griff die Stadt ein: Sie kaufte die Immobilie, ließ sie renovieren und fand mit der Elztäler Bäckerei Burger einen neuen Betreiber. „Man muss offensiv handeln und gestalten. Abwarten und schauen, wie die Dinge sich entwickeln, ist nicht zielführend“, findet Gedemer.


Gut aufgestellt sieht er die Stadt auch bei der medizinischen Versorgung mit drei Ärztehäusern, drei Apotheken und einem Pflege- und Demenzzentrum. Beim Wohnungsbau sei man auf einem guten Weg, allerdings gebe es Grenzen. „Die hohe Nachfrage werden wir nicht sättigen können“, sagt der 53-Jährige. Die gute Lebensqualität ziehe viele Menschen an. Wer beruflich in die Region komme, bleibe meist. Familien holten später ihre Eltern nach. Hinzu kommen die angespannte Wohnsituation und die hohen Preise in Freiburg sowie der Bedarf an Wohnraum für Arbeitskräfte aus dem Umfeld des Europa-Parks im Nachbarort Rust. Es wurden neue Wohngebiete ausgewiesen, allerdings müsse man sorgsam mit dem Flächenverbrauch umgehen. Potenzial gebe es auch bei innerstädtischen Flächen. Rund 100 Baulücken hat die Stadt identifiziert: vollständig erschlossene Grundstücke mitten im Ort, die bislang unbebaut sind. Gefragt seien zudem neue Wohnformen, die zu veränderten Lebensstilen und zur demografischen Entwicklung passten – etwa Tiny Houses, Mehrgenerationenhäuser und kleine, günstige Wohnungen für junge Erwachsene, wie es sie auf dem umgenutzten Pfarrhofareal in Bleichheim geben wird.



Modernes Rathaus, knappe Kassen, neuer Industriepark
Wie bei vielen Kommunen ist auch in Herbolzheim der Stadtsäckel klamm. Im Haushaltsjahr 2025 schlägt ein Defizit von 1,5 Millionen Euro ins Kontor. „Wir haben einige kostenintensive Großprojekte wie den Neubau der Rettungswache, der Grundschule in Wagenstadt und des Leichtathletikstadions für Schul- und Vereinssport samt Fußballfeld für die Breisgauer Mädchen- und Frauenclubs“, zählt Thomas Gedemer auf. Das seien notwendige Projekte. Was ihn allerdings ärgert und die Stadt finanziell belastet, „sind Aufgaben, die wir von Land und Bund auferlegt, aber nicht in Gänze finanziert bekommen“. Als Beispiele nennt er Kitaplätze, Ganztagsbetreuung mit entsprechendem Personalaufwand sowie die Digitalisierung der Verwaltung. Letztere treibt seit zwei Jahren die 33-jährige Betriebswirtin Christina Nielsen im Herbolzheimer Rathaus voran. Unter ihrer Regie wurde ein Bürgerserviceportal aufgebaut, über das zahlreiche Anliegen online erledigt werden können, und die elektronische Akte eingeführt. Arbeitszeiterfassung und Raumreservierungen laufen digital, Mitarbeitende im Außendienst – etwa im Bauhof – sind mit Diensthandys ausgestattet und dokumentieren ihre Arbeitszeit vor Ort. „Digitalisierung heißt Prozesse einfacher machen – für die Bürgerinnen und Bürger und für die Mitarbeitenden“, sagt Christina Nielsen. Ziel sei es, Wege zu verkürzen, Abläufe zu beschleunigen und Verwaltung transparenter zu machen. Gleichzeitig erlebe sie, wie aufwendig Digitalisierung auf kommunaler Ebene sein kann. Viele Grundsatzfragen müsse jedes Rathaus einzeln klären. „Eine gemeinsame landesweite Linie wäre sinnvoll und günstiger“, betont Nielsen.

Allein mit Gewerbesteuereinnahmen lässt sich der Herbolzheimer Haushalt jedenfalls nicht finanzieren, gleichwohl sie perspektivisch steigen. Gerade wurde der Gewerbepark Nord, der an das bereits bestehende Gewerbegebiet in nordwestlicher Richtung gen Ringsheim angrenzt, erschlossen. Auf dem 6,5 Hektar großen Areal sollen sich laut Thomas Gedemer mittelständische Unternehmen ansiedeln. Auch bestehende Betriebe sollen die Möglichkeit bekommen, sich dort zu vergrößern, wodurch an anderer Stelle wieder Flächen frei werden. Vor allem weitere reine Logistikansiedlungen wolle die Stadt vermeiden, davon gibt es bereits viele. „Wir wollen eine gute Durchmischung und nicht, dass wenige Unternehmen große Flächen belegen“, sagt der Rathauschef.